Willkommen und Abschied
Schon von weitem sahen wir, wie uns Sarafat, Fida und Mafuz mit Tee, Plätzchen und drei, ich würde sie Girlanden nennen, entgegen stapften.
Schon von weitem sahen wir, wie uns Sarafat, Fida und Mafuz mit Tee, Plätzchen und drei, ich würde sie Girlanden nennen, entgegen stapften.
Eine wichtige und vor allem sehr wahre Bergsteigerweisheit stellt unmissverständlich fest: Solange du nicht wieder unten bist, gehört der Berg nicht dir sondern du gehörst ihm. Und zwar mit Haut und Haaren. 80 Prozent aller Unfälle geschehen auf dem Abstieg. Das ist kein Zufall und die Gründe dafür liegen auf der Hand.
Nein zutraulich ist sie nicht. Und schön gemacht hat sie sich auch nicht für uns. Ich würde sagen, sie war doch eher abweisend, fast schon spröde und ihr Interesse an uns war, sagen wir mal, eher gering. Dennoch mit seinem Werben nicht nachzulassen und hartnäckig zu bleiben, erforderte eine ganze Menge Mut.
Man könnte ganze Bücher füllen, mit den Gemütszuständen von Bergsteigern. Mühsam im Zaum gehaltene Ungeduld ist einer davon. Im Basislager sitzen zu müssen und zur Untätigkeit verurteilt zu sein, dass ist für manchen von uns nur schwer zu ertragen. Doch genau das gehört zum Bergsteigen an großen Gipfeln dazu, wie die Wärme zum Feuer. Wir müssen uns gerade in dieser Disziplin üben. Aber weil wir nicht besonders gut darin sind, steht jetzt unser Lager 2. Und dass, obwohl uns die Wetterprognosen nahezu für die ganze Woche sehr wechselhaftes bis schlechtes Wetter vorhergesagt hatten.
Wunder gibt es immer wieder. Vielleicht war es aber auch gar kein Wunder sondern die Stiernatur von Max. Als ich gestern nach der Rückkehr vom ersten Lastentransport ins Lager 1 zum Zelt von Max ging, um mich zu erkundigen, wie es ihm geht, da habe ich mich wirklich erschrocken. Er sah aus, wie der Tod auf Latschen. Er sprach von Brechdurchfall und seinen Problemen, vom Zelt auf die Toilette zu kommen, so schlapp fühlte er sich. Gegessen hatte er den gesamten Tag so gut wie gar nichts.
Wir müssen Vollgas geben, sonst schmilzt die Laila vor unseren Augen dahin. Und das liegt leider nicht an unserem Charme sondern an der Wärme. Einem Berg beim Abschmelzen zuschauen, macht traurig. Doch der Reihe nach. Am zweiten Anmarschtag trafen wir schon gegen Mittag im Basislager ein. Hier hat der große Regen keine Spuren hinterlassen. Der Ort ist immer noch so unvergleichlich schön und still, wie ich ihn 2019 verlassen habe.
Berge ragen aus der Zivilisation heraus. Deshalb ist es so befreiend, hier mitten zwischen ihnen sein zu dürfen. Genau so empfinde ich es gerade wieder, denn wir sind im Herzen des Karakorum auf dem Weg zu unserem Berg. Als wir am Morgen nach unserem Ankunftstag im Hotel in Islamabad erwachten und ich aus dem Fenster schaute, da sah es aus, als wollte die Welt untergehen. Das wars also mit unserem Flug nach Skardu. Trotzdem fuhren wir zum Flughafen. Und auf dem Weg schien es, als wollte sie tatsächlich untergehen.
Es wird aber auch Zeit! Zeit für richtige Abenteuer. Obwohl die beiden letzten Jahre ja auch so eine Art Dauer-Abenteuer gewesen sind. Denn wer wusste schon, wie sich ein Lockdown anfühlt?
Er heißt Qais und ihr Name ist Laila. Er ist der Sohn eines Beduinenfürsten, sie die Tochter eines reichen Viehhändlers. Sie treffen sich auf einem Fest, wo sich Laila und Qais unsterblich ineinander verlieben. Doch ihre Eltern sind gegen ihre Liebe. Sie versuchen mit allen erdenklichen Mitteln, die beiden voneinander zu trennen und verheiraten Laila mit einem anderen Mann.
Der Wecker klingelt früh um 5 Uhr. Das Thermometer zeigt 19 Grad unter Null. Es ist stockfinster. Ich kann meine Stirnlampe nicht finden. Arbeit in der Route steht an: Das erste, an was ich denke, nachdem ich die renitente Lampe endlich gefunden habe, sind meine Schuhe, das zweite eine Gaskartusche. Die Schuhe stehen in einem Stoffbeutel verpackt griffbereit im Zelt neben dem Schlafsack, ebenso die Kartusche.
Seit ich zum ersten Mal mit Leuten auf Trekkingtour im Himalaya unterwegs war, sind 24 Jahre vergangen. Und in dieser Zeit wurde mir zweifellos eine Frage von meinen Nepalgästen am häufigsten gestellt: Wie kalt wird es? Dass ich gerade jetzt daran denke, hat einen ganz einfachen Grund. Ich stelle mir genau diese Frage auch. Und zwar täglich, wenn ich morgens mit Eisgeräten bewaffnet zu bitterkalten Nordwänden aufbreche. Ich bin gerade in den Alpen zum Eisklettern unterwegs!
Welches sind die schönsten Berge der Erde? Kann man etwas derart subjektives überhaupt festlegen? Und wenn ja, wer tut das? Welche Kriterien spielen bei einer solchen Auswahl eine Rolle? Ist es ihre extreme Höhe, ihre Steilheit, die Schwierigkeiten bei der Besteigung oder ihre Gefährlichkeit? Ein Berg, der mühelos die vier eben aufgezählten Eigenschaften in sich vereint, ist der über 8000 m hohe Nanga Parbat in Pakistan. Doch er wird nie genannt, wenn es um Schönheit geht. Er ist lediglich ein gewaltiger Klotz, von dem die Lawinen im Minutentakt herunter rauschen und an dem vor allem deutsche Bergsteiger wie die Fliegen...
In einem Artikel der beiden Autoren Anne van Galen und John van Giels, welche hauptberuflich Berater für Resilienz- und Risikomanagment für verschiedene Industriezweige und auch für Bergführer sind, geben sie uns Empfehlungen an die Hand, wie wir unsere Entscheidungsfindung gerade unter Duck verbessern könnten. (Resilienz ist ein Persönlichkeitsmerkmal, welches zum Tragen kommt, wenn Leute auf Änderungen in ihrer Umgebung mit der Anpassung ihres Verhaltens reagieren müssen. Zum Beispiel auf Verletzungen, Krankheiten, plötzliche Armut oder wie bei uns Bergsteigern auf Veränderungen der äußeren Bedingungen.)
Es ist eines der Tabu-Themen bei uns, die wir entweder aus Spaß an der Freude oder auch beruflich auf alle möglichen Arten gegen die Schwerkraft ankämpfen: Beim Klettern an großen alpinen Wänden oder an gefrorenen Wasserfällen, an gewaltigen Eisriesen im Himalaya oder beim Hochtourengehen in den Alpen.
Das neue Jahrzehnt begann mit zwei schmerzlichen Misserfolgen. 2010 scheiterte ich kurz unter dem Gipfel des Fitz Roy in Patagonien, 2012 am 8080 m hohen Hidden Peak im Karakorum. Zwischendurch hatte ich 2011 den Gipfel des Mount McKinley, heute Denali genannt, erreicht. Er gilt als der kälteste Berg der Erde.
2002 war ein wichtiges Jahr für mich. Ich wandte mich dem bis dahin ehrgeizigsten Ziel zu, dem noch unbestiegenen 6677 m hohen Num Ri in der Khumbu-Region Nepals. Er ist ein Nachbar des Cho Polu, an dem ich ja schon 1999 unterwegs gewesen bin. Schon damals war mir die Westwand des Num Ri mit ihren eindrucksvollen Hängegletschern aufgefallen.
Während meiner acht Unijahre habe ich weiterhin sehr intensiv oder besser gesagt so intensiv das als Angestellter im öffentlichen Dienst überhaupt möglich war, mein Fernweh befriedigt. Sofort nach dem Mauerfall zog es mich in die extremsten Regionen unseres Globus.
Heute ist ein ausführlicher Artikel in der Leipziger Volkszeitung über meine diesjährige Reise zum Hidden Peak erschienen, über den ich mich sehr gefreut habe. André Böhmer, stellvertretender Chefredakteur der LVZ und Autor dieses Artikels, hat bewundernswert einfühlsam zusammengefasst, was mich vor und während dieser langen und fordernden Tour umgetrieben hat. Doch nachdem ich den Text gelesen hatte, musste ich darüber nachdenken, wie er auf einen berginteressierten Nichtbergsteiger wirken muss.
Die Geschichte dieses denkwürdigen Freitags, der Tag also an dem aus einem stolzen Start zum Gipfel ein überstürzter Rückzug wurde, ist rasch erzählt. Für mich war die Bergung unseres Hochlagers am Laila der anstrengendste Tag der gesamten Unternehmung, anstrengender sogar als der Gipfeltag am Hidden Peak.
Die Abhängigkeit vom Wetter ist sicher das augenfälligste Charakteristikum beim Klettern vor allem an großen Bergen. Hier können wir eben nicht am Vormittag noch fix in eine Route einsteigen, wenn am Nachmittag Regen angesagt ist. Bei meinen drei vorangegangenen Reisen ins Karakorum habe ich die Erfahrung gemacht, dass wechselhaftes Wetter hier eher die Regel und deshalb eine zuverlässige Prognose Gold wert ist.
Laila war der Legende nach wunderschön. Der Laila Peak ist es auch. Aber vor allem ist er unnahbar, schwierig und tatsächlich auch gefährlich, zumindest, wenn man so spät bei ihr dran ist, wie wir gerade. Der Laila Peak ist also tatsächlich ein Mädchen. All das wissen wir nun schon nach unserem ersten Aufenthalt weit oben am Berg.
Das werde ich nicht mehr los. Irgendwann wird mich das noch umbringen. Wochen- und monatelang beschäftige ich mich mit einem Berg, schaue Bilder von ihm an, lese noch recht unemotional Berichte von anderen Bergsteigern. Aber dann ist es soweit. Er ragt plötzlich leibhaftig vor mir auf. Regelmäßig erfasst mich in diesem Augenblick gefährliche Euphorie.
Die erste Hoffnung, dass es hier um Alkohol gehen wird muss ich leider gleich im Keim ersticken. Nein. Wir sind immer noch in Pakistan und nach wie vor trocken wie die Wüste Gobi. Unsere Destillation wird sich auf einer anderen Ebene abspielen, beschreibt sie doch die Reinigung und Trennung verschiedener Stoffe. Schauen wir doch mal was übrig bleibt…
Wir sind heute in Skardu angekommen. Wir haben Cola getrunken und eine unfassbar leckere Zuckermelone gegessen. Wir haben uns geduscht, frische Wäsche angezogen und riechen wieder richtig gut. Wir schlafen in einem Bett. Wir bekommen keinen Durchfall mehr. Wir sind 3000 Höhenmeter abgestiegen und fühlen uns fast wie neugeboren. Und wir sehen auch so aus, also ich mindestens zehn Jahre jünger als noch vor einer Woche.
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