Entscheidungsfallen, Teil 3

In einem Artikel der beiden Autoren Anne van Galen und John van Giels, welche hauptberuflich Berater für Resilienz- und Risikomanagment für verschiedene Industriezweige und auch für Bergführer sind, geben sie uns Empfehlungen an die Hand, wie wir unsere Entscheidungsfindung gerade unter Duck verbessern könnten. (Resilienz ist ein Persönlichkeitsmerkmal, welches zum Tragen kommt, wenn Leute auf Änderungen in ihrer Umgebung mit der Anpassung ihres Verhaltens reagieren müssen. Zum Beispiel auf Verletzungen, Krankheiten, plötzliche Armut oder wie bei uns Bergsteigern auf Veränderungen der äußeren Bedingungen.)

Der erste Schritt sollte immer sein, dass ich mir überhaupt Zeit für die Entscheidungsfindung nehme. Möchte ich meine Informationslage verbessern oder die Argumente der anderen hören und gemeinsam bewerten, kostet das Zeit. Die sollten wir uns auch dann nehmen, wenn der Wind eisig ist, die Füße kalt sind, es gleich dunkel wird und alle möglichst schnell ins Lager zurück wollen.

Wann kostet eine Aktion zu viel Kraft? Zu welchem Zeitpunkt ist der Point of no Return überschritten? Wer ist der erste, der über seine nassen und kalten Füße zu schimpfen anfängt? Wird die Stimmung in der Gruppe bei solchen Strapazen irgendwann umschlagen? Habe ich ihnen zu viel zugemutet? Woher sollte ich wissen, dass der Schnee hier noch so hoch liegt? Und wenn meine Gäste durchhalten, heißt das noch lange nicht, dass unsere Träger das auch schaffen können. Und wehe, Du lässt Dir anmerken, dass Du gerade auch nicht weißt, was das richtige ist…

Die zweite Überlegung sollte sich mit den Alternativen zu der immer bedrohlicheren Situation befassen. Umzukehren, ist meistens eine solche Alternative. Alle wären enttäuscht. Um das abzumildern, ist es wichtig, die Sichtweisen der anderen in der Gruppe zu erfahren und gemeinsam nach Möglichkeiten zu suchen, die Bergtour auch ohne Gipfel noch halbwegs zu retten und zufrieden ins Tal zu kommen. Eine gemeinsam getroffene Entscheidung kann der Schlüssel dazu sein.

Und da sind wir schon bei der dritten Überlegung. Sie hängt unmittelbar mit der zweiten zusammen. Ich muss schon bei der Vorbereitung der Tour darauf hinweisen, dass beispielsweise die Verhältnisse auf dem Gipfelgrat nur vor Ort richtig einschätzbar sind. Wenn ich da oben feststelle, dass er unmöglich vernünftig abzusichern ist und eine seilfreie Begehung die Fähigkeiten meiner Seilpartner übersteigt, dann sollte die Entscheidung für alle sofort klar sein. Gut wäre in einem solchen Szenario, wenn schon unten im Tal von allen akzeptierte Alternativen besprochen und festgelegt worden wären, welche die Tour oder oft auch eine ganze Expedition retten können.

Expeditionen wie 2012 und 2019 am Hidden Peak mit erfahrenen Partnern, welche sich womöglich schon über Jahre kennen, sind ein gewaltiges Übungsfeld für die Entscheidungsfindung. Hier können wir üben, wie man Entscheidungsfallen umgeht. Hier können wir aber auch erleben, wie Leute sehenden Auges in ihr Verderben laufen, weil Risiken in Kauf genommen werden, die wir anderswo niemals eingehen würden. Siehe die Spanier in Teil 1. Die Fotos zeigen das Spaltenchaos im oberen Teil des Gasherbrumgletschers. Wer hier unterwegs sein will, braucht starke Nerven und ein möglichst straffes Seil.

Ein Schwergewicht in einer Entscheidungsfindung dürften Fragen an sich und die anderen Seilschaftspartner sein:

  • Wie würde dieser oder jener deiner erfahrenen Freunde in der momentanen Situation entscheiden?
  • Sind deine Informationen über Wetter und Verhältnisse wirklich verlässlich?
  • Wenn ein Unfall im weiteren Tourenverlauf passiert, könntest du dich dann freisprechen, vor allem wenn du selbst dein schärfster Richter wärst?
  • Würdest du dein eigenes Kind mit in das Gelände nehmen, in welches du auf dem Weiterweg mit deinen Partnern einsteigen musst?
  • Und was sagt eigentlich dein Bauchgefühl?

Der letzte Punkt ist vielleicht der wichtigste: Ist die Entscheidung nach sorgfältigem Abwägen und unter Umschiffung der tückischen Entscheidungsfallen dann getroffen, muss ich bereit sein, sie jederzeit wieder zu revidieren, wenn sich die Bewertung der Umstände ändert, seien es die äußeren Bedingungen oder die rapide abnehmende Gehgeschwindigkeit durch den rasch zunehmenden Erschöpfungsgrat der Seilpartner oder was auch immer.

Das rigorose Über-den-Haufen-Werfen einer womöglich mit allen gemeinsam getroffenen Entscheidung kann sehr schwierig sein, weil dann oft autoritäres Auftreten notwendig wird: Ich kann es regelrecht hören: “Vorhin hast du noch gesagt, dass wir es schaffen können. Was soll jetzt eine halbe Stunde später anders sein? Du hast wohl keine Lust mehr?”

Am 18. Juli 2019 um 23.00 Uhr klingelte der Wecker im Lager 3 am Hidden Peak in 7100 m Höhe. Es schneite und die Sicht war schlecht. Auf dem linken Foto sehen wir Sven im Schneetreiben unmittelbar vor dem Aufbruch zum Gipfel. Wieso haben wir uns zum Losgehen entschieden? Bei mir war das glasklar. Ich wollte nicht zum dritten Mal am Hidden Peak scheitern. Wie so etwas enden kann, sieht man im rechten Bild. Wir erinnern uns an die Spanier im Teil 1. Bei uns endete es nach dem Gipfelerfolg mit der gesunden Rückkehr ins Basislager. Es ist eben nicht immer eine Kugel im Lauf beim Russischen Roulette. Aber war diese Entscheidung deshalb die richtige?

Oberste Priorität muss sein, alle Entscheidungsfallen souverän zu umschiffen und nach bestem Wissen und Gewissen das richtige zu tun. Es darf einfach nichts passieren. Doch das zu verhindern, ist nicht immer möglich. Manchmal war man eben doch zur falschen Zeit am falschen Ort, oder wir haben diesen einen fatalen Fehler gemacht, weil Menschen besonders im Hochgebirge unter Sauerstoffmangel keine Maschinen sind. Ohne Netz und doppelten Boden in die Berge zu ziehen, ist nun mal mit einem nicht unerheblichen Risiko verbunden.

Ich habe das längst akzeptiert und kann gut damit leben. Womit es sich aber nur sehr schwer leben ließe, wäre das Wissen um eine vermeidbare Fehlentscheidung, von mir getroffen aus Eitelkeit, Stolz oder falsch verstandenem Ehrgeiz, welche mich oder jemand anderes in den Rollstuhl oder unter die Erde gebracht hat.

Ich wünsche uns allen immer eine ruhige Hand und einen klaren Kopf bei allen Entscheidungen, die wir in den Bergen immer und immer wieder treffen müssen. Ich wünsche uns den Mut und die Autorität, sie dann auch durchzusetzen  und vor allem wünsche ich uns jederzeit eine Handbreit Luft unter dem Hintern…

Alle waren auf dem höchsten Punkt ihres Traumberges, alle sind wieder gesund im Basislager eingetroffen. Und nun sind sie bestens gelaunt und mit einem Schlag Freunde fürs Leben. Alles richtig gemacht? Oder einfach nur Glück gehabt? Oder gehört an den großen Bergen beides untrennbar zusammen?

zu Teil 1

zu Teil 2

5 Antworten

  1. Kai Bittner sagt:

    Toller 3-teiliger Bericht Olaf…außerordentlich komplexes Thema…und ja…das notwendige Glück gehört trotz aller sorgfältig abgewogenen Entscheidungen trotzdem immer mit dazu…das gehört es aber auch im normalen Leben, wie ich finde.

    • Olaf Rieck sagt:

      Es wäre wünschenswert, wenn es das täte! Aber verlassen sollte man sich nicht darauf. Deshalb meinte wohl schon der alte und sehr kluge Goethe, dass wir alle unseres Glückes Schmied seien. Danke für Dein Lob!

  2. Ach, wie gut das tut, so einen Text voller (Über-)Lebensweisheit von Dir zu lesen, lieber Olaf! Und ganz “freiwillig” gibst Du anderen Deine wertvollen Lebenserfahrungen in den Bergen der Welt, von Sportklettern bis “ganz hoch”, preis. Ich danke Dir, vielleicht lesen es viele mit großem Gewinn. Es gehört ins Mitteilungsblatt oder besser in Fachzeitschriften. Mach mal! Für mich kommt es zu spät, schade, vielleicht hätte ich mir manchen “Kummer” erspart. Ja, wenn man jung und unerfahren ist…Mach weiter und bleib gesund!

  3. Detlef Weyrauch sagt:

    Wie immer habe ich deinen diesmal dreiteiligen Bericht mit großem Interesse gelesen. Deinen reichen Erfahrungsschatz durfte ich zweimal während vergleichsweise moderaten Nepal-Touren erleben. So erstrebenswert es ist, auf einem Gipfel zu stehen, ist es kein Berg der Welt wert, dass wir an ihm unser Leben lassen. Ich wünsche dir, dass du immer die richtigen Entscheidungen triffst.

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