Vom Präpsaal zum Hidden Peak, Teil 2

Während meiner acht Unijahre habe ich weiterhin sehr intensiv oder besser gesagt so intensiv das als Angestellter im öffentlichen Dienst überhaupt möglich war, mein Fernweh befriedigt. Sofort nach dem Mauerfall zog es mich in die extremsten Regionen unseres Globus. 

Meine ersten ausgedehnten Reisen führten mich in den 1990er Jahren in die Arktis, nach Alaska und gleich mehrfach in den Himalaya und den Karakorum. Doch bald waren mir auch dort die ausgetretenen Pfade nicht genug. Expeditionsbergsteigen wurde meine Berufung. Schon 1996 gab es den ersten Versuch an einem Achttausender.

1997 noch während meiner Unizeit bestieg ich das erste Mal den 6189 m hohen Imja Tse. 25 weitere Besteigungen dieses Gipfels allesamt mit Gästen folgten bis 2011.

Ich fasste den Entschluss, meine akademische Karriere zu beenden und doch den Sprung in die eigene Praxis zu wagen. Ich konnte nicht mein ganzes Berufsleben zwischen anatomischem Präparier- und Hörsaal zubringen. Außerdem waren meine alpinen Unternehmungen inzwischen so zeitaufwendig geworden, dass sie nicht mehr mit meinem Angestelltendasein im öffentlichen Dienst zu vereinbaren waren. Vorher allerdings wollte ich für zwei oder drei Jahre aussteigen und mir ein paar Träume erfüllen. Auf den 8000er Cho Oyu in Tibet sollte es gehen. Ich wollte einen echten Himalayaeisriesen erstbesteigen und eine zweite ausgedehnte Kajakexpedition in Alaska durchführen.

Genau zu diesem Zeitpunkt, exakt 22 Tage bevor meine Zeit in der Anatomie endgültig zu Ende gehen sollte, passierte meine große Lebens-Katastrophe. Ich fiel beim Klettern runter und zertrümmerte mir mein linkes Fersenbein. Es zersprang in neun Teile. Die näheren Umstände dieses Dramas verschweige ich hier geflissentlich, würden sie doch ein schlechtes Licht auf mich werfen. Ich sage nur, selbst die Fehler, welche man sich nicht ausdenken kann, weil sie zu dumm sind, passieren.

Der gegenwärtige Zustand meines linken Fersenbeines. Nach wie vor sind alle Schrauben und die Platte noch drin. Das sei stabiler als ohne sagt der Arzt! Bei mir weiss man ja nie, meinte er.

Mein behandelnder Unfallchirurg teilte mir während der ersten Visite nach der OP mit, dass ich wohl den Rest meines Lebens große Schwierigkeiten haben würde, mit diesem Matschfuß und den kaputten Gelenken jemals wieder vernünftig oder gar schmerzfrei laufen zu können. 

Als ich ihm im Gegenzug davon in Kenntnis setzte, dass ich soeben meinen Job an der Uni gekündigt hatte, um in fünf Monaten mit dem Cho Oyu meinen ersten 8000er zu besteigen, vergaß er seine gute Kinderstube und fing lauthals an, zu lachen. Und die um ihn herum stehenden Studenten fielen fröhlich in sein Gelächter ein.

Mir war allerdings nicht zum Lachen zumute. Ich war am Boden zerstört. Der Job war weg. Mein Nachfolger in der Anatomie stand schon in den Startlöchern. Ich konnte keinen Schritt laufen, also auch nicht für den Cho Oyu trainieren. Landtierarzt war mit diesem Fuß vermutlich auch nicht mehr möglich. Ich hab damals nach schönen Plätzen Ausschau gehalten, wo man sich gut runterstürzen konnte.

Meine Lage schien mir aussichtslos. Aber mit dem Rücken zur Wand wird wenigstens das Entscheidungsfällen einfacher. Wer würde mich humpelnden Krüppel als Assistent in seiner Praxis anstellen? Keiner! Eine eigene aufmachen ohne die geringste Berufserfahrung? Sinnlos! Also entschloss ich mich, die Sache mit dem Cho Oyu durchzuziehen, egal, ob ich dabei draufgehen würde oder nicht.

Völlig ausgelaugt auf meinem bis heute höchsten Punkt, dem Gipfel des 8201 m hohen Cho Oyu.

Die Reise nach Tibet zum Cho Oyu im Frühjahr 1999 wurde mein erstes großes Projekt in eigener Regie. Und so unglaublich es klingt, ich war tatsächlich am 7. Mai 1999 auf dem 8201 m hohen Gipfel. Aber es war eine denkbar knappe Sache. Den Weg vom höchsten Punkt hinunter zum Lager 3 in 7500 m Höhe legte ich vollkommen erschöpft auf allen Vieren zurück. Und wieder Erwarten blieben keine Schäden zurück außer dem Wissen, dass an dem abgedroschenen Spruch, man könne alles erreichen, wenn man es nur unbedingt wollte, vielleicht doch etwas dran ist.

Noch im Herbst desselben Jahres gelang mir in einem starken Team auch die offizielle Erstbesteigung des 6735 m hohen Cho Polu in der Khumburegion des Himalayas. Und sogar meinen dritten Traum von einer zweiten ausgedehnten Kajakexpedition in die Glacier Bay in Alaska setzte ich ein Jahr später erfolgreich um.

Überglücklich auf dem höchsten Punkt des Cho Polu. Auf dieser Reise zum Cho Polu im Herbst 1999 hatte ich wahnsinniges Glück. Der Chef unserer Vier-Mann-Truppe war Dieter Rülker,  Mitglied und gleichzeitig Trainer der DDR-Nationalmannschaft Alpinistik. Auf keiner Tour durfte ich mehr lernen als auf dieser!

Diese drei Erfolge haben meinen Erfahrungshunger und mein Fernweh aber leider nicht gestillt, sondern das ganze Gegenteil bewirkt. Deshalb machte ich mich 2001 mit vier Partnern in den Karakorum auf, um meine Scharte am 8035 m hohen Gasherbrum II von 1996 auszuwetzen. Damals war ich an ihm mit Pauken und Trompeten gescheitert. Und auch dieses vierte Unternehmen gelang. Am 3. August 2001 erreichte ich mit drei spanischen Bergsteigern den Gipfel des Gasherbrum 2.

Meine zweite Kajakexpedition in die Glacier Bay in Alaska war die Traumtour schlechthin. Im Bild der John Hopkins Gletscher, welcher als der am stärksten kalbende Gletscher der Welt außerhalb der Polargebiete gilt. Drei Millionen Tonnen Eis donnern von seiner Abbruchkante in die Bucht! Jeden Tag! Auf keiner Reise habe ich bis heute mehr Landschaft, mehr Tiere und auch mehr Aufregung erlebt. Wenn Wale plötzlich neben deinem Kajak auftauchen! Mehr Thrill geht nicht!

Spätestens jetzt hätte ich aufhören müssen mit diesem gefährlichen und teuren Unsinn. Meine Eltern machten sich große Sorgen, dass ich noch mal unter einer Brücke enden würde. Und diese Sorge war nicht ganz unberechtigt. Meine Rücklagen waren aufgebraucht, ich begann damals von geliehenem Geld zu leben und mir wird noch heute ganz warm ums Herz, wenn ich daran denke, dass ich mir jedenfalls kein Geld geliehenen hätte, weil ich ja wusste, wie es um mich stand. Meine Freunde aber taten es, obwohl sie es sicher auch wussten. Vermutlich schrieben sie diese Kohle auch gleich ab.

Lange Rede kurzer Sinn: Entweder ich sah mich nun wieder nach einer bürgerlichen Existenz um oder ich sah zu, wie ich auf anderem Wege zu Geld kam.

Meine drei spanischen Kollegen auf den Gipfel des 8035 m hohen Gasherbrum 2 im Herzen des Karakorum in Pakistan.

Ich entschloss mich, wenigstens mal einen Versuch zu starten, ob man vielleicht sogar im Osten Deutschlands mit Vorträgen und Reiseführungen Geld verdienen könne. Wie sollte ich sonst herausfinden, ob diese Aussicht besteht oder eben nicht? Ich ahnte, dass ich es mir nie verzeihen würde, wenn ich es nicht wenigstens versucht hätte. Also begann ich auf meinen Touren zu fotografieren und anschließend Vorträge zu kreieren und führte Gäste nach Nepal.

Ich weiß nicht, wie ich mich damals über die Jahre hangelte. Irgendwie mehr schlecht als recht. Aber so richtig scheitern wollte mein Versuch auch nicht und was soll ich sagen? Dieser Versuch dauert heute noch an!

2 Antworten

  1. Thomas Schmidt sagt:

    Lieber Olaf,
    Deine damalige Entschlossenheit (am Cho Oyu und auch zuvor) ist unglaublich!
    Erinnerst du dich, was dir auf dem Weg hoch+runter noch so passiert ist – wer da noch unterwegs war…

    Wärest du umgedreht, wenn es zu knapp gewesen wäre?
    Ich denke schon, weil genau dafür war der Sturz vielleicht gut gewesen.
    Selbst kenne ich das ja auch von mir: es hatte mich ebenfalls erwischt aus Dummheit – weil ich noch schnell eine passende Affenfaust holen und dazu abgelassen werden wollte: Ablassen im Sandstein, wenn die oberste Sicherung eine Knotenschlinge ist, das ist/war eine ganz dumme Idee…

    Danke für deine Wahrheit + was aus dir geworden ist, lieber Olaf 🙂
    MfG Thomas

  2. Olaf Rieck sagt:

    Hallo Thomas,

    obwohl seit dem mehr als 20 Jahre vergangen sind, erinnere mich an diesen Auf- und Abstieg am Cho Oyu und an die gesamte Reise, als wäre das alles erst gestern gewesen. Solche Erfahrungen brennen sich für immer ins Gedächtnis. Das ist es ja gerade, worum es mir vor allem geht: Diese sagenhaft intensiv gelebte Zeit!

    Und nein, ich wäre nicht umgedreht. Oder besser ausgedrückt: Ich bin nicht umgedreht, denn wenn man nur noch auf allen Vieren unterwegs sein kann, hat man irgend etwas falsch gemacht. Ich hatte einfach nur Glück!

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