Aus der Not, Teil 1
Gerät jemand in Not und macht daraus eine Tugend, so nimmt dieser Jemand einen widrigen, äußeren Umstand an, wehrt sich tapfer und macht das Beste daraus.
Unsere Puja in der Khari-Gompa war diesmal etwas ganz besonderes. Hoch emotional und sehr intensiv. Die Nonnen hatten verstanden, wie wichtig dieses Zeremoniell für uns war.
Als wir von Namche Bazar aus zu unserem ersten Ziel, dem 6186 m hohen Kyajo Ri, aufbrachen, regnete es immer noch. Aber am Abend in dem kleinen Örtchen Samde, verzogen sich die Wolken, und wir sahen nach sechs Tagen endlich einmal wieder die Sonne.
Von Samde aus wollten wir am Montag, dem 28.9. zum Basislager des Kyajo Ri aufsteigen. Zuvor haben wir in der Khari Gompa in Thamo eine sehr intensive und emotionale Puja abgehalten, um uns das Wohlwollen der Berggötter zu verdienen.
Aufstieg zum Basislager des Kyajo Ri. Hier war alles noch lieblich und schön. Nichts deutete darauf hin, was uns weiter oben erwartete.
Und gnädige Berggötter hatten wir auch bitter nötig, wo wir doch aus irgendeinem Grund den Zorn der Wettergötter auf uns gezogen hatten.
Dass uns nach den tagelangen intensiven Niederschlägen viel Schnee das Leben schwer machen würde, lag auf der Hand. Aber ich war doch zuversichtlich, dass es vor allem in den mittleren Lagen die ergiebigsten Niederschlagenmengen gegeben hatte. In den höheren Regionen fällt erfahrungsgemäß oft deutlich weniger.
Links: Grandiose Sicht auf den Thamserku (rechts) und den Kangtenga, (links). Rechts: Flussüberquerungen sind immer wieder gut für nasse Füße.
Aber diese Annahme stellte sich rasch als falsch heraus. Es lag auch weiter oben massenhaft Schnee.
Und der Weg vom Basislager auf 4500 m zum 5700 m hoch gelegenen Bergfuß des Kyajo Ri ist schier endlos lang. Wie sollten wir es mit vertretbarem Kraftaufwand schaffen, uns einen Weg durch die Schneemassen zu bahnen?
Denn der Kyajo Ri sollte unser Akklimatisationgipfel werden. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Hier wollten wir uns für unser eigentliches Ziel, den Pumo Ri, akklimatisieren. Aufreiben wollten wir uns hier ganz sicher nicht.
Trotzdem marschierten wir tapfer los, um das erste Hochlager zu erreichen und einzurichten. Aber schon auf dieser ersten Etappe schien unser Vorhaben zum Scheitern verurteilt. Es erwies sich als völlig unmöglich, das erste Hochlager in einem Ritt zu erreichen.

Auf dem Weg ins erste Hochlager bekamen wir ganz rasch mit, was uns in den kommenden Tagen bevorstehen würde.
Also legten wir notgedrungen auf 4800 m ein Zwischenlager an, in dem wir auch übernachteten. Erst nach einem weiteren eisenharten Tag mit stundenlanger Spurarbeit erreichen wir das erste Hochlager auf 5200 m.
Volle drei Tage hatten wir für diese Etappe gebraucht. Aber schon am ersten Tag hatten wir verstanden, dass es sehr unklug war, am Tag unterwegs zu sein. Die Sonne brannte erbarmungslos von einem inzwischen wolkenlosen Himmel. Der Schnee weichte auf, wurde grundlos. Das Vorwärtskommen am Tag glich einem Akt der Selbstzerstörung.
Also verlegten wir unsere Aktivitäten in die Nacht. Unser Biorhythmus geriet nun gehörig durcheinander. Unser „Tagwerk“ begann um ein Uhr in der Nacht: Wecken, Schnee schmelzen, Frühstück, Anziehen, Packen, Aufbruch.
Der durch die intensive Sonneneinstrahlung aufgeweichte Schnee gefror in der Nacht und wurde zumindest in den unteren Wegabschnitten tragfähiger. Doch je höher wir kamen, desto weniger gut funktionierte das.
Deshalb graute mir vor der nächsten Etappe ins Lager 2 auf 5700 m. Wieder lag ein schier endloser Weg mit einer langen und steilen Rinne vor uns. Und zum Spuren waren wir inzwischen nur noch zu dritt. Einige von uns plagte die Höhenkrankheit.
Ich hatte bei unserem Aufbruch ins zweite Hochlager am 2. Oktober kein gutes Gefühl. Es kam mir nicht besonders klug vor, uns hier völlig aufzureiben. Doch auf der anderen Seite hatten wir inzwischen enorm viel Kraft investiert. Das Umkehren wurde zunehmend schwieriger. All die Strapazen umsonst?

Das Lager 1. Im Hintergrund der Weg hinauf ins Lager 2. Es steht auf dem Sattel oberhalb der markanten Rinne (mittig im oberen Bildviertel).
Es ist immer dasselbe. Je höher die Investition ist, desto schwieriger wird das Eingeständnis, auf dem Holzweg zu sein. Uns ging es nicht anders. Also kämpften wir uns weiter und immer weiter durch die Nacht. Doch in der Rinne, die mir besonders bedrohlich erschien, auch weil sich hier noch keine Lawine entladen hatte, ging es plötzlich gut voran.

Blick beim Aufstieg ins Lager 2 (5700 m) zurück in Richtung Lager 1. Wir befinden uns hier etwa auf halber Höhe in der Rinne unterhalb des Sattels.
Trotzdem schafften wir es auch hier nicht, das Lager 2 zu erreichen. Etwa eine Stunde nachdem die Sonne über den Bergen aufgegangen war, kehrten wir um.
Ende Teil 1










