Wenn ich mir meine drei letzten Blogbeiträge noch einmal zu Gemüte führe, dann stelle ich fest, dass es in diesen Texten die ganze Zeit um Strapazen und Kälte, um die Sehnsucht nach Sonne, um Krankheit, Erschöpfung, Gefahr und Zweifel geht.
Warum um aller Welt steigen wir dann freiwillig und ohne Not auf einen enorm hohen, kalten, teuren und auch noch gefährlichen Berg, um lediglich 20 eiskalte und stürmische Minuten auf seinem Gipfel zu stehen?
Mir das selbst zu beantworten, habe ich schon oft versucht. Mit mehr oder weniger für mich zufriedenstellendem Ergebnis. Sollte ich das nicht vielleicht mal die anderen fragen? Womöglich habe ich Glück, und ich bekomme eine Antwort?

Wir vier auf dem Gipfel des Pumo Ri: v.l.n.r. Sven, Ludwig, Max, ich
Gleich bei Max laufe ich offene Türen ein. Er schreibt:
„Die Gründe hierfür sind sehr vielfältig und nicht einfach rational zu erklären. Es beginnt bei intensivsten Gefühlen (von positiv bis negativ), geht über tiefe Gemeinschaftserfahrungen mit den Seilpartnern auf engstem Raum und in extremen Situationen, spannende Reiseländer,… bis zu einem unerklärlichen, warmen Gefühl im Bauch, wenn man an vergangene Expeditionen denkt. An dieser Stelle möchte ich daher nur eine ausgewählte starke persönliche Motivation darstellen.
Für mich besteht ein starker Anreiz einer Bergexpedition darin, für eine gewisse Zeit den Alltag mit seinen Routinen und alltäglichen Prinzipien zu verlassen. Einen großen Teil meiner Lebenszeit verbringe ich nicht damit, meinen eigenen Zielen zu folgen, sondern um Normen zu erfüllen oder um Wert für andere zu schaffen.
Am Berg gelten jedoch vollkommen andere Grundsätze. Dort ist alles, was wir tun, ausgerichtet auf ein Ziel: „UNSER Ziel, der Gipfel“. Dabei ist vollkommen irrelevant oder vielleicht sogar notwendig, dass unser Wunsch objektiv absolut unnütz ist. Wichtig ist, dass es „unser“ Ziel ist. Dafür tun wir alles, leiden wir, schuften wir, setzen uns Gefahren aus.
Und genau weil es eine nur für uns gewählte Idee ist, fühlt es sich zu tiefst richtig an. Es gibt keinen anderen Profiteur außer uns. Es gibt keinen/kaum Ruhm (wer hat denn schon mal vom Pumo Ri gehört?). Keiner will Bedürfnisse in einem wecken, dieses oder jenes zu wollen, nur um in Wahrheit selbst davon zu profitieren.
Diese ganzen kommerziellen, nutzenorientierten Einflüsse und Zwänge, die im Alltag ständig mit unsichtbaren Fäden und wachsender Intensität an einem ziehen, gibt es nicht. Der Berg ist einfach ein Geschenk an uns, von uns.“

Max schneidet den Gipfelkuchen in unserem Esszelt an.
Und auch Ludwig musste ich gar nicht lange bitten:
Die Gründe für den Weg auf den Gipfel eines Berges sind vermutlich so zahlreich wie die Bergsteiger selbst und zumindest zu Teilen unverständlich für Menschen, die nicht nach diesen buchstäblichen Höhen streben.
Nicht umsonst prägte Lionel Terray die für das Bergsteigen geflügelte Wendung „die Eroberung des Unnützen“. Aber ich möchte an dieser Stelle das für mich wichtige Stichwort des Alltag aufgreifen:
Als Gewohnheitstier neigen wir zu Routinen und geregelten Abläufen, um unser Tagwerk effektiv ableisten zu können. Hin und wieder ein wenig Stimulation, damit der Alltag uns nicht allzu glatt schleift. Das ist auch gut so für unser Seelenheil, um nicht ständig alles in Frage stellen zu müssen.
Nun bietet aber der Berg eine Gelegenheit, dem Alltag nicht nur auf Zeit zu entfliehen, sondern sich auch selbst dazu herauszufordern, die eigenen Werte und Ziele auf die Probe zu stellen.
Unbequem, entbehrungsreich und am Ende gar noch gefährlich verlieren die sonst drängenden Probleme des Alltags rasch an Priorität gegenüber basalen Bedürfnissen wie Essen, Schlaf und Wärme sowie dem klar definierten Ziel des Gipfels, welches mit Beharrlichkeit verfolgt wird.
Stück für Stück nimmt der Abstand gegenüber unseren Sorgen zu, die uns sonst nächtelang wachhalten. Zu sehr sind wir mit den Anforderungen und Entbehrungen des Aufsstiegs beschäftigt. Schließlich erreicht man hoffentlich den Gipfel – und bemerkt, wie eine Last von den Schulten gefallen ist. Aber nicht nur die des Aufstiegs, sondern auch die Probleme und Befindlichkeiten des alltäglichen Lebens befinden sich tausende Meter unter einem.
Von hier oben wirken diese vielleicht klein(lich) und für unser Glück am Ende gar nicht so relevant, wie wir uns gerne einreden. Und in diesem Augenblick, und sei er auch nicht länger als ein Wimpernschlag, kann ich einen Frieden finden, den ich in der Ebene nicht zu finden vermochte.

Ludwig überreicht unserer Basislagercrew, hier Indra Rai, unserer Küchenhilfe, die Kata (Seidenschal) als Zeichen unserer Hochachtung vor ihrer unermüdlichen Arbeit und Hilfsbereitschaft. Außerdem verleiht dieser Schal unserer Hoffnung Ausdruck, dass wir uns alle gesund wiedersehen.
Und weil auch Sven Lust hatte, über die Frage nach dem „Warum das alles“ mal intensiver nachzudenken, gibt es sogar noch eine dritte aufschlussreiche Reflexion zu diesem Thema:
Expeditionsbergsteigen ist für mich eine Möglichkeit, den komplexen und teils vielschichtigen Alltag auf ein Minimum zu reduzieren und diesbezüglich einen Ausgleich/Ausweg zu schaffen. Die gesellschaftlichen und sozialen Problemstellungen des Alltags liegen für den Zeitraum der Expedition hinter einem und werden durch simple Aufgabenstellungen ersetzt. Die Vielschichtigkeit einer Steuererklärung beispielsweise oder die generelle Organisation seiner Selbstständigkeit weichen plötzlich dem Schmelzen von Eis, dem Lastentransport in diverse Lager und der simpel erscheinenden Problemstellung: „Wie kommen wir in Zeitraum X auf diesen Gipfel?“ Alle Beteiligten sind verfügbar, und man muss ihnen nicht hinterhertelefonieren oder ist selbst gesellschaftlich dazu angehalten, mobil stets erreichbar zu sein. Man ist eine kleine, geschlossene Gemeinschaft, die sich vom großen Ganzen abgekapselt hat, um ein gemeinsames Ziel zu verfolgen.
Die Verfolgung des Ziels löst zwangsläufig tiefgreifende Emotionen aus, die der Alltag so nicht liefern kann und auch nicht soll. Wir sind alle dazu erzogen, dass unser Alltag möglichst unaufgeregt und sicher zu sein hat. Im Idealfall ist man beruflich gut aufgestellt, gut versichert und zukunftsorientiert abgesichert, so dass man für jegliche Eventualitäten gerüstet ist. Jede Abweichung hiervon sollte Unruhe in einem auslösen. Übertragen auf den Alltag werden auf einmal kleine Probleme zu einer riesigen Hürde, da das Gefühl von echter „Gefahr“ und „Angst“ immer mehr verlernt wurde.
Auf einer Expedition kann man sich diesen Emotionen wieder stellen und für seinen Alltag dadurch eine gewisse Form von Erdung erlangen: „Wie elementar bedrohlich ist diese Alltags-Situation jetzt wirklich, und ist die Panik, die in mir aufkommt, wirklich gerechtfertigt? – Nein, objektiv gesehen kann mir eigentlich nicht viel passieren.“
Durch das hohe Maß an Konzentration, das vonnöten ist, um mitunter fatale Fehler zu vermeiden bzw. auszuschließen, fährt der Kopf in schweren Klettersituationen in einen Notmodus, in dem er störende Gedanken ausblendet und sich nur auf das Wesentliche konzentriert. „Wie fest fühlt sich der Fels in den Fingern oder unter der Haue des Eisgeräts an? Stehen die Frontzacken der Steigeisen perfekt auf dem kleinen Absatz? Halte ich das Gleichgewicht, wenn ich jetzt impulsiv aufstehe und mich mit meinem schweren Rucksack hochstütze?“.
Dieser Zustand der absoluten, einhundertprozentigen Konzentration ist für mich im Alltag nur sehr schwer zu erzeugen – am ehesten noch beim Felsklettern. Die extreme Ausgesetztheit und der Mangel an Rettungsmöglichkeiten im Falle eines Sturzes intensivieren diesen Fokus beim Expeditionsbergsteigen jedoch noch stärker. Unabgelenkt in einer einzigen Tätigkeit völlig aufzugehen und sie gegen andere Gedanken abschirmen zu können, ist ein einzigartiges Gefühl, das Psychologen wohl am ehesten als Flow-Effekt beschreiben würden.
Abgesehen von der Konfrontation mit Ängsten und Gefahren erlebt man durch diese aber auch ein tiefes Gefühl von Verbundenheit und Freundschaft. Man überwindet gemeinsam Hürden, löst Probleme und vertraut sich gegenseitig sein Leben an. Durch ein Seil miteinander verbunden zu sein, ist in manchen Situationen ein großer Vertrauensbeweis in die Fähigkeiten des Anderen – „Du hast mich, wenn ich stürze, auch wenn das bedeuten kann, dass du Gefahr läufst, dass ich dich mit in die Tiefe ziehen könnte – und umgekehrt.“
Das gemeinsame Erreichen von Zwischenzielen auf dem Weg zum Gipfel fühlt sich oftmals an wie ein Meilenstein, den man in seinem Leben erreicht hat, obwohl es objektiv betrachtet keinerlei Sinn stiftet und für so ziemlich alles unbedeutend ist, was einen sonst im Alltag umtreibt. Für die eingeschworene und von allem abgekapselte Gemeinschaft, in der man sich gerade befindet, scheint es temporär jedoch alles zu sein, was zählt – von den Emotionen beim Erreichen des Gipfels ganz zu schweigen.
Ein weiterer Faktor, für den ich bereit bin, viel Geld zu bezahlen, ist paradoxerweise der absolute Verzicht. Nicht nur der Wust der zu erledigenden Alltagsaufgaben, sondern auch der gesellschaftliche Luxus und der Überfluss werden auf ein Minimum reduziert. Dinge und Möglichkeiten, die im Alltag selbstverständlich sind, bekommen auf einmal wieder einen immensen Wert, und es wird einem bewusst, wie gut es einem eigentlich geht und dass das unreflektierte Klagen über Alltagszustände häufig unangebracht ist. Ich genieße es auch, Menschen zu vermissen, weil es mir immer wieder vor Augen ruft, wie dankbar ich sein kann, sie in meinem Leben haben zu dürfen und wie sehr ich mich wieder darauf freue, sie in den Arm zu schließen.
Der Berg hält mir also auf viele Arten und Weisen einen Spiegel vor und nötigt mich dazu, mich mit mir und meiner Umwelt auseinanderzusetzen. Er zeigt mir auch, wer ich und meine Kletterpartner wirklich sind, da in Extremsituationen und in der absoluten Erschöpfung keine Kraft mehr da ist, um eine Fassade aufrechtzuhalten.
Bergsteigen ist somit für mich eine Möglichkeit, mich in einer reinen, simplen Form zu erleben, die es mir ermöglicht, den maximalen Abstand von den Problemstellungen des Alltags zu erlangen, die den Blick für das Wesentliche häufig verschleiern.
Dass man beim Bergsteigen die gewaltigsten Panoramen und intensivsten Naturmomente erlebt, ist selbsterklärend. Dafür braucht es keine großen Worte. Die Fotos, die man von solchen Expeditionen mitbringt, mögen Bände sprechen und faszinieren, aber sie fangen immer nur die Oberfläche ein. Sie zeigen das Licht und die Gipfel, können jedoch nicht ansatzweise widerspiegeln, was man in diesen Augenblicken tatsächlich empfindet: die absolute Stille, die Ehrfurcht und das ehrliche Gefühl, genau im richtigen Moment mit den richtigen Menschen am richtigen Ort zu sein.
Leider hat sich Sven am Gipfeltag Erfrierungen am kleinen Finger der linken Hand zugezogen. Er musste rasch absteigen.
Ich habe ihm im Basislager eine Heparinspritze verpasst. Heparin ist ein Gerinnungshemmer und kann eine der Sofortmaßnahmen bei Erfrierungen sein.
Ich liebe gute Texte, die mir etwas zu sagen haben! Und denen hier kann und will ich nichts mehr hinzufügen.
Ganz herzlichen Dank an Max, Ludwig und Sven