Fühl das Leben
Ungefähr gegen 18.30 Uhr ist es bei uns stockfinster. Aber die Sonne ist leider schon seit Stunden hinter dem Pumo Ri verschwunden, zumindest im Basislager.
Da ist es natürlich kein Wunder, wenn der Drang in den warmen Schlafsack zu kriechen, sich rasch in eine Notwendigkeit verwandelt. Die Füße werden eiskalt, dann die Hände und allzubald auch der ganze Rest.
Spätestens zwischen sieben und acht sind alle in ihre Daunensäcke verschwunden. In den Hochlagern geschied das häufig noch deutlich früher. Doch nun ist es keineswegs so, dass man die nächsten 12 Stunden bis zum Frühstück schläft. Jedenfalls ich nicht.
Ich habe dann endlos lange Stunden Zeit zum Nachdenken. Auch beim Gehen werde ich das tun. Und das nimmt hier ebenfalls viele Stunden in Anspruch. Und ich kann das Drehen und Wenden wie ich will, über sein Leben und das ganze Drum und Dran in aller Ausführlichkeit nachzudenken, ist ein gute Sache.
Selbst wenn dabei Mist herauskommen sollte. Wir haben hier nur die Hälfte des Sauerstoffs in der Luft. Nachsicht ist also angebracht.
Wenn ich mich und meine Mitstreiter beobachte, dann trifft die Überschrift dieses Textes die Sache hier direkt auf den Kopf.

Aufstieg am Fixseil. Die sind hier nötig. Es ist steil und leider droht an der einen oder anderen Stelle Steinschlag.
„Fühl das Leben“ ist mir leider nicht selber eingefallen. Ich habe den Spruch geklaut. Vom Berliner Bergsportausrüster „Der Aussteiger“. Mein Patensohn Jacob ist Mitinhaber und Geschäftsführer. Er ist am Pumo Ri dabei und erlebt einmal mehr, wie perfekt dieses Motto gerade hierher passt.
Denn wir fühlen das Leben an unserem Berg ganz besonders intensiv.
Ich hatte ja schon im letzten Blog, „Was uns nicht umbringt“, kurz darüber nachgedacht, dass wir alles, was uns in der Ebene an unangenehmen Umwelteinflüssen stört, aus unserem Leben herauskürzen.

Ludwig auf dem Weg von Lager 1 zum Lager 2. Ein kleines bisschen links der Bildmitte kann man mit guten Augen das Lager 1 entdecken.
Hier geht das nicht. Hier kosten wir die unbarmherzige und gleichzeitig über alle Maßen großartige Umwelt in vollen Zügen aus.
Plötzlich werden Dinge wichtig, über die wir zu Hause kaum je nachdenken. Die uns gar nicht auffallen.
Ist die Sonne hinter dem Berg verschwunden, ist es schlagartig sehr kalt. Deshalb wird ihre allmorgendliche Rückkehr sehnsüchtig und voller Dankbarkeit erwartet. Kein Wunder, dass die Sonne in so vielen Kulturen diese überragende Bedeutung besitzt. Bei uns hat sie die auch.

Eine Fixseilstrecke hilft beim Aufstieg mit Lasten, ermöglicht einen raschen Rückzug, vor allem bei schlechtem Wetter und gibt ein Stück Sicherheit, falls einen doch einmal etwas treffen sollte.
Und wenn sie weg ist, im Basislager schon kurz nach 15 Uhr, dann fühlen wir, wie die Kälte nach uns greift. Dann gibt es nur einen Ort, um ihr wirksam zu entkommen: Den Schlafsack.
Und wenn ich hier sitze und schreibe, was entweder nur sehr früh morgens oder spät abends passiert, dann muss ich mir eine Menge Gedanken machen, wie ich bei 10 Grad Frost im Zelt mein kleines Büro betreibe.
Einen ganz besonderen Stellenwert haben hier die Nächte. Besonders in den Hochlagern. Die Frage nach der Schlafqualität ist die erste am Morgen, wenn man nebeneinander erwacht.
Die Höhe macht einem zu schaffen. Kopfschmerzgeplagte Nächte können hier endlos lang und sehr mühsam werden. Und die Dankbarkeit, für eine gute und erholsame Nacht könnte kaum größer sein.
Das Leben fühlen! Mehr als hier geht das kaum: Die Angst in den gefährlichen Passagen der Route, die es leider gibt. Die Wut, wenn man sich beim Einbrechen in ein Schneeloch wehgetan hat. Die Erschöpfung, nach einem Aufstieg in eines der Hochlager mit einer schweren Last auf dem Rücken.
Aber auch das überwältigende Glücksgefühl beim Blick auf die im Abendlicht verglühenden Weltberge. Die tiefe Befriedigung, wenn wir nach stundenlangem Kampf die Last 500 Höhenmeter weiter oben im nächsten Lager abgeliefert haben. Das innige Gefühl der Verbundenheit mit seinem Seil- und Zeltpartner.
Vor allem anderen sind es die Anstrengungen, die zumindest bei mir alle anderen Gefühle dominieren. Am 16.10. haben Max und Sven eine gewaltige Last vom Lager 1 (5800 m) ins Lager 2 (6250 m) hinaufgeschleppt.
Wie viel Willenskraft dazu nötig ist, wie strapaziös das ist, kann nur ermessen, wer das schon einmal selbst gemacht hat. Beschreiben kann ich das nicht.
Und Zeit lassen, können wir uns dabei schon gar nicht. Sicherheit ist hier vor allem Schnelligkeit. Beim Lasten den Berg hinauftragen, fühle ich das Leben wie nirgendwo anders.
Und das war unsere Hauptaufgabe in den vergangenen acht Tagen.
Im Lager 1 (5800 m) stehen drei Zelte. Wir können alle zugleich hier oben übernachten.
Es liegt eine gute Fixseilstrecke bis ins Lager 2 (6250 m). Und auch dort stehen inzwischen zwei Drei-Mann-Zelte. So ist auch unser zweites Hochlager bezugsfertig.
Gestern haben Max und Sven vom Lager 2 aus die Schulter des Pumo Ri erreicht. Von dort aus sind es nur noch knapp 500 Höhenmeter bis zum Gipfel!!
Leider sieht diese letzte Etappe zum Gipfel nicht besonders einladend aus. Es gibt viele Spalten.
Momentan ist das Wetter ein großer Pluspunkt für uns. So überragend schlecht, wie es am Beginn unserer Reise war, so perfekt und vor allem stabil ist es gegenwärtig. Und es soll auch weiter so bleiben.
Es ist kaum zu glauben, wieviel wir in den nur neun Tagen, die wir am Pumo Ri sind, schon geschafft haben. Ich wage es kaum auszusprechen aber der Gipfel rückt gerade in greifbare Nähe.
Ich bin gespannt, was im nächsten Blog stehen wird!

Max und Sven beim Verlegen der Fixseile oberhalb von Lager 2. Man sieht die beiden etwas unterhalb der Bildmitte.
P.S. Ich möchte mich ganz herzlich für die so überaus zahlreichen Glückwünsche zu meinem Geburtstag aus der Heimat bedanken. Es hat mich sehr berührt, wie viele Menschen an mich gedacht haben. Ich würde mich sehr gerne persönlich bei jedem einzelnen bedanken. Aber das geht momentan leider nicht. Die Aufenthaltsdauer in der Internetblase von Gorak Shep, von wo ich diese Beiträge hier absetze, ist begrenzt. Mein Platz ist am Berg.
Ganz besonders gefreut habe ich mich über unser Küchenteam und Te Kumar. Es ist kaum zu glauben, dass er mir tatsächlich einen Geburtstagskuchen ins erste Hochlager getragen hat. Und das auch noch wohlbehalten. Der Weg dort hinauf ist wirklich lang und anstrengend. Solche liebenswürdigen Menschen gibt es nur in Nepal!

Max, Sven, Te Kumar und ich haben nicht wirklich viel von dem leckeren Kuchen übrig gelassen 🙁 (Foto: Te Kumar Rai)
Und nicht zu letzt ganz lieben Dank an das großartige Team für die guten Wünsche und das sehr passende und willkommene Geschenk.








Lieber Olaf, es ist toll von Euch Neues zu lesen. Ich bin total berührt. Ihr seid ein phantastisches Team und seid bald an Euerm gemeinsamen Ziel – dem Gipfel des Pumo Ri angekommen. Was für eine Leistung!!!! Besser kann man Teamgeist nicht leben. Bleibt alle gesund und Ihr schafft DAS!!!!Ich freue mich über den nächsten Blog und die wunderschönen Bilder. Grüsse an das gesamte Team!
Das Wetter ist ja fantastisch! Und wow, was für eine Überraschung muss das gewesen sein …. der Geburtstagskuchen! Alles Gute für euch alle!