Fazit und Ausblick

Die perfekte Expedition ist wohl so selten wie ein Meteoriteneinschlag vor der Haustür. Doch diese gerade zu Ende gehende, kommt der Sache schon sehr nahe.

Da ist der viele Schnee, der uns das Leben am Kyajo Ri so schwer gemacht hat. Doch auch schon am Kyajo Ri war zumindest die Gipfeletappe einfacher und von den Verhältnissen her auf Grund der vom Wind verfestigten Schneeauflage deutlich gängiger.

Schnee am Kyajo Ri: Spuren, bis zum buchstäblichen Erbrechen.

Am Pumo Ri hat uns der Schnee sehr geholfen. Vieles war durch die Schneedecke einfacher, sicherer und dadurch auch schneller zu begehen. 

Das Wetter war an beiden Bergen ganz entschieden auf unserer Seite. Mir ist bewusst, dass wir die ganze Zeit am Pumo Ri über die Kälte geklagt haben. Aber das war keine echte Überraschung. Immer wieder konnte man im Vorfeld lesen, dass es am Pumo Ri häufig Probleme diesbezüglich gab. Dieser Berg hat nun mal diesen unangenehmen Charakterzug.

Die Sehnsucht nach der Sonne und ihrer Wärme war bei uns am Pumo Ri allgegenwärtig. Sonnenaufgang über dem Nuptse! Der wichtigste Moment des Tages.

Hinzu kam die Lage des Basecamps. Darauf hatten wir nicht wirklich Einfluss. Niemand von uns kannte sich am Pumo Ri halbwegs aus.

Ich war zwar 2005 schon mal im Lager 1 an diesem Berg, und ich wusste, dass es mehrere Basislagermöglichkeiten gab. Aber ich wusste auch, dass der Pumo Ri noch eine  weitere lausige Eigenschaft hat: Ihm gefällt es, hin und wieder gewaltige Lawinen in Richtung Khumbugletscher abzuschicken:

Tiefblick den Pumo Ri hinunter direkt auf das Basislager des Mount Everest. Kaum zu glauben, dass Lawinen vom Pumo Ri groß genug gewesen sind, um über diese riesigen Seitenmoränen des Khumbugletschers hinweg zu spülen.

Ein schweres Erdbeben der Stärke 7.8 in Nepal löste am 25. April 2015 eine verheerende Lawine von Pumori aus, die direkt in das Everest-Basislager stürzte. Mindestens 24 Menschen kamen ums Leben und über 60 wurden verletzt. Daraufhin musste das erste Mal seit 41 Jahren eine Klettersaison am Everest komplett ausfallen. 

Auch am 4. und 5. Mai 2025 gab es Lawinen vom Pumo Ri, die ebenfalls das Basislager des Everest erreicht haben. Aber es gab keine Opfer.

Die letzte große Lawine vom Pumo Ri wurde am 11. April 2026 gemeldet.

Unsere fleißige und tapfere Basislagercrew. Sie hatten am meisten unter der Kälte im Basecamp zu leiden. Links Te Kumar, in der Mitte unser wackerer Koch Pemba und rechts Indra, sein Gehilfe.

Lawinen sind ein nicht zu unterschätzendes Risiko am Pumo Ri. Wir mussten also die ganze Zeit auf der Hut sein. Und die wichtigste Vorsichtsmassnahme diesbezüglich war die Lage des Basecamps. Mingmar Sherpa, der äußerst erfahrene Chef unserer Agentur, Te Kumar, mein langjähriger Guide sowie Chatur, mein Shirdar hatten sich für einen weitgehend sicheren aber dafür umso kälteren Platz entschieden.

Um 8 Uhr morgens kam die Sonne, um 15 Uhr war sie wieder weg. Dann begann das große Frieren.

Aber auch weiter oben am Berg selbst war es sehr kalt. Wir hatten Mühe, uns vor Erfrierungen zu bewahren. Ganz gelungen ist es uns nicht. Aber Svens Finger kann wieder werden, auch wenn es eine Zeit dauern wird. 

Das große Los gezogen hatten wir auch mit unserer Basislagercrew am Pumo Ri. Am Kyajo Ri haben wir ja aus logistischen und vor allem auch aus Kostengründen auf eine Basislagerbesatzung verzichtet.

Was in dieser „Küche“ zustande gebracht wurde, grenzt an Zauberei.

Umso schöner war es, am Pumo Ri erschöpft und hungrig vom Berg zu kommen und im Messzelt auf Pembas und Te Kumars Essensberge zu treffen. Wir alle haben uns regelmäßig an den leckeren, mehrgängigen Menüs überfressen. Sogar ein neues Wort haben wir dafür kreiert: Waren wir „gepembert“, drohte eine schwere Magenüberladung bis hin zur Ruptur!

Der einzige Wermutstropfen am Pumo Ri, war die Tatsache, dass wir nicht alle auf dem Gipfel sein konnten. Wenn jemand auf einer solch herausfordernden Unternehmung krank wird, so ist das oft nicht mehr zu kompensieren.

Meine Mutter hätte nichts daran auszusetzen gehabt. Im Gegenteil! Ein Schnitzel in einem Basislager. Ganz großes Kino und von mir zum besten gekürt, was ich jemals in einem Basislager zwischen die Kiemen bekommen habe.

In Höhen über 5000 m, unser Basislager lag auf 5300 m, wird man einfach nicht wieder gesund. Und wenn man absteigt, Laureen und Jacob haben auch das versucht, so wird man Zeit verlieren, bei der Akklimatisation ins Hintertreffen geraten und durch den Ab- und Wiederaufstieg auch Kraft einbüßen.

Trotzdem können wir natürlich stolz darauf sein, dass vier von uns den höchsten Punkt dieses in vielerlei Hinsicht anspruchsvollen Berges erreicht haben.

Bemerkenswert ist auch, dass es uns gelungen ist, von den etwa 1200 m fest installierten Seilen, jeden einzelnen Meter wieder zurück ins Tal zu bringen. Das war nach den anstrengenden Aufstiegstagen ein eisenhartes und nicht ungefährliches Geschäft. Leider ist das heutzutage alles andere als selbstverständlich.

Alle Fixseile wieder im Basislager. Darauf können wir besonders stolz sein.

Für den Lastentransport beim Einrichten der Hochlager, aber vor allem für einen sicheren Rückzug bei schlechtem Wetter oder anderen unvorhersehbaren Ereignissen, ist die feste Installation solcher Seile eine gute aber eben auch sehr aufwendige und strapaziöse Sache.

Alle haben beim Seilabbau mitgeholfen. Auch Te Kumar und Indra. Auf diese Leistung können wir alle gemeinsam mindestens so stolz sein wie auf den Gipfel selbst.

Doch eine Sache wird mir nach dieser Reise in besonderer Erinnerung bleiben.

Seit ich 1989 meine erste große Tour mit Expeditionscharakter in Tadschikistan unternahm, bin ich mehr und mehr zu der Überzeugung gekommen, dass Expeditionsteams klein sein sollten. Die allermeisten meiner anspruchsvolleren Reisen habe ich zu zweit oder zu dritt unternommen.

Abschied von der phänomenalen Kulisse des Nuptse. Abstieg nach Namche Bazar.

Auf solchen Touren ist man schnell an den Grenzen seiner physischen aber vor allem psychischen Belastbarkeit angelangt. Die Masken fallen. Es gelingt oft nicht mehr, in stressigen Situationen die Contenance zu bewahren.

Die Reibungen nehmen zu. Aber das ist normal. Darauf kann man sich einstellen. Man muss nur immer im Hinterkopf behalten, dass sich alle Beteiligten in krassen Ausnahmesituationen befinden und darf deshalb Auseinandersetzungen auf gar keinen Fall zu wichtig nehmen oder gar nachtragend sein.

Je kleiner die Gruppe ist, desto leichter wird einem das gelingen. Die Gruppendynamik ist weniger komplex.

Das Team gemeinsam mit Billi Bierling im Hotelgarten in Kathmandu. Billi Bierling setzt die Arbeit an der Himalayan Database der berühmten Elizabeth Hawley fort. Hier werden alle wichtigen Himalaya-Expeditionen verzeichnet. Und auch wir sind jetzt zum Pumo Ri befragt worden und werden uns demnächst dort wiederfinden können. Vielen Dank Billi für diese tolle Arbeit!

Aus verschiedenen Gründen war das bei dieser Gruppe aber grundlegend anders. Am Kyajo Ri waren wir sieben Leute, am Pumo Ri sechs. Trotzdem gab es in den gesamten sieben gemeinsamen Wochen kein einziges böses Wort. Meinungsverschiedenheiten wurden ausdiskutiert oder einfach ausgehalten.

Nichts hat unser Verhältnis untereinander auch nur für kurze Zeit eingetrübt. Das würde ich im Rückblick auf die 37 Jahre meiner Expeditionstätigkeit ebenfalls als ein kleines Wunder bezeichnen.

Gestern ging es für Laureen und Jacob, Max, Sven und Ludwig wieder zurück in die Heimat. Ich vermisse Euch jetzt schon.

Das Murmeltier grüßte! Wie schon auf dem Hinweg wieder Wettersturz und zwei Tage Regen wie aus Eimern. Und wieder gab es Erdrutsche und Überschwemmungen. Und weit oben massenhaft Schnee!

Ich bleibe noch für weitere knapp vier Wochen. Gemeinsam mit Katrin, einem langjährigen Kletter- und Trekkinggast, werde ich eine ausgedehnte Tour durch das Rolwaling-Himal unternehmen. 

Das Rolwaling folgt der Everest-Region in westlicher Richtung. Mit dem Gaurishankar (7134 m) und dem Melungtse (7181 m) stehen hier zwei besonders attraktive Berge. Auch die Überquerung des Passes Tashi Laptsa (5750 m) steht auf dem Programm. Mit dem 6187 m hohen Pachermo Peak soll sogar noch ein weiterer Gipfel versucht werden.

Leider gab es ja am vergangenen Freitag und Samstag (30. und 31.10.) wieder einen massiven Schlechtwettereinbruch. Abermals ist in den Hochlagen der Schnee gleich meterweise gefallen. Heute erreichte mich die Nachricht, dass eine sehr große Gruppe mit 14 Gästen und etlichen Trägern wegen der extrem schlechten Verhältnisse am Tashi Laptsa umkehren musste.

Auf gar keinen Fall darf ich in meiner Aufzählung all dessen, was an dieser Reise besonders gut lief, die Arbeit meiner nepalesischen Partneragentur „Boss-Adventure“ vergessen. Hier der Vater Mingmar Sherpa mit dem zukünftigen Chef Ang Nuru, seinem cleveren Sohn.

Mal schauen, wie es uns ergehen wird. Bis wir den Pass erreichen, werden noch etwa 14 Tage vergehen. Noch ist alles offen.

Hier bleibt es demnach weiter spannend, allerdings weiß ich nicht, inwieweit ich dort oben Gelegenheit haben werde, halbwegs regelmäßig zu berichten. Für mich wird in den kommenden Wochen alles neu sein, denn das Rolwaling kenne ich noch nicht.

Genau das ist der Grund, warum ich diesen Trek schon lange einmal machen wollte. Meine langjährigen treuen Nepalgäste suchen neue Herausforderungen. Mal schauen, ob ich sie ihnen mit dem Rolwaling bieten kann…

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