Der Weiße Wal
Er ist eine der bekanntesten Romanfiguren der Weltliteratur. Er ist das Sinnbild einer von uns Menschen unbezwingbaren Natur, er ist Moby Dick, der Weiße Wal. Die Farbe „Weiß“ steht bei ihm für Schönheit, Unschuld, Ehre, Güte und Gerechtigkeit. Ich lese gerade dieses gewaltige Buch von Herman Melville, welches nach Rudolf Sühnel nicht weniger als die „Summe menschlicher Erfahrung von Jahrtausenden“ umfasst.
Melvilles Roman gehört zu den einflussreichsten Werken der Weltliteratur. Und wenn man den Inhalt der fast 1000 Seiten in drei Sätzen zusammenfassen wollte, dann vielleicht so: Der von einer fanatischen Rachsucht getriebene Kapitän Ahab hat nur noch einen Lebenszweck. Er will den Weißen Wal, der ihm ein Bein abgerissen hat, um jeden Preis töten. Aber er führt sein Schiff und fast die gesamte Mannschaft ins Verderben, denn Moby Dick ist unbezwingbar.
Was für eine Metapher! Na und ich bin natürlich immer sofort hellwach, wenn es um die menschliche Hybris geht. Wir Menschen haben den scheinbar unausrottbaren Hang, uns selbst zu überschätzen, unsere Fähigkeiten, unsere Macht über die Natur und über unsere Leidenschaften. Bescheidenheit, Zurückhaltung und Demut sind Attribute, die uns in unserer Hochgeschwindigkeitsgesellschaft ganz schnell zu Verlierern macht.
Die Berggiganten im Himalaya sind auch riesige „Weiße Wale“. Wir Menschenzwerge können sie nicht erobern oder besiegen, denn wir sind wohl kaum für solche Berge gemacht! Wenn wir Glück haben, bestehen wir vielleicht ein paar wenige Stunden oder Tage auf ihnen. Mehr nicht!
So ist es schon immer: Wenn ich wieder auf dem Weg zu einem dieser Himalayariesen bin, dann bringen sie mich regelmäßig zum Nachdenken über mich und mein nun schon über dreißig Jahre andauerndes Tun.

Die elegante Gestalt des 7165 m hohen Pumo Ri von der Seitenmoräne des Khumbu-Gletschers oberhalb der Alm Lobuche aus gesehen.
Unser Ziel ist der Pumo Ri. Er ist unnahbar, gefährlich und wunderschön. Schon 1994, als ich zum ersten Mal vor ihm stand, übte er eine regelrecht planetarische Anziehungskraft auf mich aus. Seit dem kehrte ich Jahr für Jahr an seinen Fuß zurück, und die Ehrfurcht wuchs mit jedem Besuch. Nun bin ich wohl bald am Ende meiner Reise angekommen. Und da ist er, der schon länger als jeder andere Berg meine Phantasie beflügelt, genau das richtige Ziel.
Mich treibt aber weder Rachsucht noch Ehrgeiz oder der Drang nach Ruhm oder Ehre an. Dafür ist der Berg zu unbekannt und viel zu niedrig. Wer hat jemals schon etwas vom Pumo Ri gehört? Doch dieser Berg hat Eigenschaften, die ihn zumindest für mich extrem begehrenswert machen. Er zählt zu den schönsten Berggestalten der Erde und ist der wohl großartigste Siebentausender überhaupt. „Wie ein Kristall, welcher die graue Oberfläche der Erde schmückt“ sagte sein Erstbesteiger, Gerhard Lenser, über ihn. (1. Besteigung 1962)
Und er steht dem zweifellos gewaltigsten Gebirgsmassiv auf diesem Planeten direkt gegenüber, dem Mount Everest und seinen riesigen Trabanten, Nuptse und Lhotse. Der Ausblick von seinem Gipfel ist mit nichts zu vergleichen. Nirgendwo auf unserem Globus gibt es mehr Berg zu sehen als vom Gipfel des Pumo Ri. Ich liebe es, die Schönheit der Natur zu schauen, ihre Erhabenheit und Größe zu fühlen. Der französische Schriftsteller René Daumal (1908-1944) hat das folgende in Worte gefasst:
„Man kann nicht für immer auf dem Gipfel bleiben; man muss wieder runterkommen. Also, warum überhaupt? Nur das: Was oben ist, weiß, was unten ist, aber was unten ist, weiß nicht, was oben ist. Man steigt, man sieht. Man steigt ab, man sieht nicht mehr, aber man hat gesehen. Es gibt eine Kunst, sich in den unteren Regionen zu verhalten, indem man sich an das erinnert, was man weiter oben gesehen hat. Wenn man nicht mehr sehen kann, kann man zumindest noch wissen.“

Meine diesjährige Nepal-Gruppe besteigt den ultimativen Aussichtspunkt auf einer Erhöhung des Südwestgrates des Pumo Ri (5650 m). Und der gewaltige Berg schaut zu.
Damit meint Daumal aber vielmehr als den Ausblick, auch wenn er noch so einmalig ist. Dort oben bekomme ich eine andere Perspektive auf die Dinge der Ebene. Die Probleme hier unten, die alle menschengemacht sind, werden lächerlich klein und unbedeutend.
Diese Berge werden noch da sein, wenn die „klugen Tiere“, die das Erkennen erfanden nach wenigen Atemzügen der Natur wieder vom Antlitz der Erde verschwunden sind (etwas frei nach Friedrich Nietzsche). Wie klein und verletzlich ich bin, wird mir da oben nicht selten schmerzlich bewußt. Und besonders deutlich wird mir die Tatsache, dass ich nur ein winzig kleiner Punkt auf der unendlichen Achse der Zeit bin. Das rückt den Blick auf mich selbst und meine Probleme wieder ins richtige Licht.

Die Khumbu-Region am Fuße des Mount Everest mit unserer Anmarschroute. Zuerst geht es von Lukla aus nach Namche Basar zu meinem Ausrüstungsdepot. Dann werden wir zum Basecamp des Kyajo Ri gehen. Anschließend durchqueren wir das gesamte Khumbu von West nach Ost auf dem Weg ins Basislager des Pumo Ri.
Da oben mache ich Urlaub von meinen Ängsten und Selbstzweifeln. Ich kann zwischen und auf diesem gewaltigen Berg bestehen. Das gibt neue Energie, spendet Lebensmut, verschafft mir wie nichts anderes ein intensives Lebensgefühl. Für mich ist das Höhenbergsteigen tatsächlich so etwas wie ein Lebenselixier.
„Da bläst er“ ruft der Ausguck des Walfangschiffes Pequod in Moby Dick. Unser Weißer Wal wird auch schon bald am Horizont auftauchen. Wir wissen, dass er soviel größer, soviel stärker ist als wir. Hier liegen Triumph und Tragödie oft nur einen Wettersturz auseinander. Und deshalb werden wir geduldig warten, bis er uns wohl gesonnen ist und uns auf sich duldet. Oder wir werden ihn ziehen lassen und uns weiter von unten an seiner Größe und Schönheit erfreuen.

Das Team bei unserem gemeinsamen Arbeitsausflug in die Fränkische Schweiz.


