Gespenstisch

Wir sind wohlbehalten wieder im Basislager und nun auch hier unten so gut wie allein. Die Situation, die gerade hier eintritt, ist gespenstisch. Alle ziehen ab, nur wir bleiben. Stimmt vielleicht etwas nicht mit uns?

Freitag 27.07.
Als ich wie üblich um drei Uhr morgens aus dem Zelt schaute, schlugen mir Eiskristalle schmerzhaft entgegen. Keine Sicht, Schneesturm. Ich wusste ja schon vor dem Blick hinaus, dass es zwecklos war. Ich bin ja schließlich nicht taub. Aber natürlich gab es Hoffnung. Das Wetter konnte sich innerhalb von Minuten ändern. Das stand fest, denn der Luftdruck hatte sich kein bisschen verändert. Deshalb von nun an alle halbe Stunde dieser Blick nach draussen. Um vier Uhr hatte ich den Eindruck, dass der Sturm abflaute. Also Kocher an. Christoph war nur schwer zu einer Aktivität zu bewegen. Der nächste Blick nach draussen ließ mich sogar hektisch werden. Wir hatten Sicht. Um sechs Uhr standen wir gestiefelt und gespornt abmarschbereit. Es war sehr kalt und immer noch stürmisch. Wir hatten große Mühe, unsere Finger und Füße warm zu bekommen. Aber wir bewegten uns und zwar nach unten, ziemlich rasch sogar!

L2 im Sturm

Am Freitagmorgen Punkt sechs Uhr Lager 2 auf dem ausserordentlich windexponierten Gasherbrumsattel. Das Foto enstand unmittelbar vor unserem Aufbruch Richtung Basislager. Für die Kameraeinstellungen musste ich die Handschuhe ausziehen.

Der Grund für die Geschwindigkeit war unser Trotz. Wir hatten kein Gepäck. Sämtliche Ausrüstung, also Schlafsäcke, Daunensachen, Isomatten, Kocher usw. blieben hier oben im Camp 2. Wir nahmen nichts mit runter ins Camp 1 oder ins Basislager. Wir müssen bei unserem nächsten Aufstieg also gleich hoch ins Camp 2. Das ist eine Riesenstrecke und mehr als 1500 Höhenmeter. Ich grause mich schon jetzt davor, um ehrlich zu sein.

Der Abstieg ging problemlos vonstatten. Nach sechs Stunden erreichten wir das Basislager. Man freute sich, uns wieder zu sehen und schaute uns trotzdem ein bisschen seltsam an. Schließlich waren wieder alle abgestiegen, nur wir mussten diesmal unbedingt aufsteigen. Das sorgt bei unseren Pakistanis schon immer für ein bisschen Verwunderung.

Bei allen anderen hier im Basislager inzwischen auch. Man hat sich arrangiert. Alle blasen ins gleiche Horn: Niemand ist hier auch nur in die Nähe eines der beiden Gipfel gekommen, denn die Verhältnisse sind furchtbar in diesem Jahr. So etwas hat es seit vierzig Jahren noch nicht gegeben (Originalton unseres polnischen Superbergsteigers). Auch er und seine Resttruppe steigen übermorgen, eine Woche vor der Zeit, nach Skardu ab. Die Heimflüge wurden schon von hier umgebucht. Amical ist weg. Die Koreaner sind schon lange weg, die Francokanadier auch. Die Balten sind ebenfalls unterwegs nach Hause, die slowenischen Damen mit ihnen. Am Hidden Peak sind wir allein. In zwei oder drei Tagen werden wir vermutlich auch die einzigen im Basislager sein. Eine spanische Gruppe ist heute zum letzten Versuch am Gasherbrum II aufgebrochen, ein einzelner Iraner ist mitgegangen, ein einzelner Deutsch-Chilene wollte mitgehen, hat es aber dann doch nicht getan.

Steilstufe

Christoph an einer Steilstufe im oberen Teil des Gasherbrumgletschers. Im Hintergrund der Gasherbrum II. Hier sieht das Wetter mal für ein paar Minuten wirklich gut aus. Wer allerdings genau hinschaut, sieht die Wolken. Sie weisen auf starken Wind in großer Höhe. Aber womöglich deutet genau dieser Sturm den Wetterwechsel an?

Ach ja, dann ist da noch eine Deutsch-Österreichische Gruppe, die öffentlich verkündet hat, sowohl Gasherbrum II als auch den Hidden Peak besteigen zu wollen. Allerdings kam es bald zu Planänderungen, denn nach dem ersten Kontakt mit dem Eisbruch, hat die Hälfte der Leute beschlossen, dass sie augenblicklich wieder heim wolle. Der Rest hat es trotz mehrerer Anläufe nicht vermocht, bisher auch nur Lager 1 zu erreichen. Ich möchte wirklich mal wissen, was die Jungs hier her geführt hat.

Doch ich weiss es. Die Agenturen suggerieren, dass jeder einen Achttausender besteigen kann. Aber so ist es eben nicht. Leider, sonst wären wir womöglich auch schon auf dem Heimweg mit dem Gipfel in der Tasche. Ein bisschen schlechte Bedingungen und schon geht nämlich gar nichts mehr. Und so ein Achttausender ist verdammt hoch. Man braucht wahnsinnig viel Kraft und Härte. Die holt man sich an anderen hohen Bergen in Laufe von vielen Jahren. Doch soviel Zeit nimmt sich heute kaum einer mehr.

GI bedrohlich

Die Westseite des Hidden Peak. Das Foto entstand gestern auf dem Abstieg vom Lager 2 zum Basislager. So haben wir ihn nur ganz selten zu Gesicht bekommen. Bisher war der Gipfel fast immer wolkenverhangen.

Wir werden bis zum letzten Tag hier bleiben und weiter auf unsere Chance warten. Auch wenn wir die Letzten hier sind. Auch wenn unsere Agentur verrückt spielt, auch wenn man uns auslacht und nichts mehr zutraut. Vielleicht, wenn wir hier ganz allein sind, belohnt uns ja der Berg für unsere Geduld und Hartnäckigkeit. Aber meine Erfahrung sagt, dass sich ein Berg einen feuchten Kehrricht darum schert, wer da in seinen Flanken herum klettert. Wenn er will, schüttelt er uns wie Ungeziefer aus seinem weißen Pelz. Und das ist auch gut so, denn die Berge haben wir uns Gott sei Dank noch nicht völlig Untertan gemacht.

3 Antworten

  1. Veronica sagt:

    Hallo Olaf,
    wieviel Zeit (Tage) habt ihr eigentlich noch Zeit??
    Ich drücke euch die Daumen, dass der Wettergott mal mitspielt und ihr einen Gipfelversucht startet könnt!
    Herzliche Grüße an euch beide!
    Veronica

  2. Dieter sagt:

    Hallo Olaf,
    ich wünsche euch besseres Wetter für die nächsten Tage, so dass es doch noch mit dem Gipfel klappt.
    Kommt gesund wieder!
    Herzliche Grüße
    aus Nerchau

  3. Wolfgang u. Sybille sagt:

    Lieber Olaf,

    regelmäßig lesen wir deine Berichte. Diese Tour
    ist recht strapaziös….
    Wir denken an euch zwei und wünschen Kraft, Gesundheit und immer die besten Wetterbedingungen!
    Herzlichst deine Familie

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