Unsere Chance?

Seit gestern zeigt sich das Wetter von der guten Seite. So wie es aussieht, ist das aber noch nicht das stabile, länger andauernde Wetterfenster. Der Luftdruck rührt sich nicht von der Stelle, ist wie einbetoniert. Aber Anfang August soll es endlich eine deutliche und stabile Änderung zum Besseren geben.

Wenn das tatsächlich alles so eintritt, dann liegt es nur noch an uns. Und, was wirklich wichtig ist, dann war unsere bisherige Strategie, vor allem die, uns nicht verrückt machen zu lassen, goldrichtig.

Der gestrige und heutige sonnige Tag ist genau das, was wir vor unserem kommenden Aufstieg brauchen. Der in der letzten Woche gefallene Schnee setzt sich. Alles was bedrohlich oben hängt, geht gerade ab. Überall um uns herum donnern Lawinen zu Tal. Als Lawinenfan sollte man hierher kommen.

Der heutige Morgen vor meinem Zelt. Heute krieg ich soviel Strom, dass ich das ganze Basislager illuminieren könnte.

Wir stehen nur noch vor der Entscheidung, schon heute Nacht oder erst morgen Nacht ins Camp 2 aufzusteigen. Wie das hier immer mit den Entscheidungen so ist, hängt vieles davon ab, es richtig zu treffen. Es macht mich nervös, bei schönem Wetter im Basislager zu sitzen. Aber vielleicht rettet uns gerade das unser Leben. Vielleicht geht deshalb die letzte Lawine im Japaner Couloir ab, ohne uns zu treffen. Es kann natürlich auch sein, dass wir einen Tag zu spät oben sind und sich das Wetterfenster schließt, bevor wir am Gipfel gewesen sind.

Aber genau das macht den Reiz des Ganzen ja aus. Es ist eben alles wahnsinnig unwägbar. Gerade deshalb ist es ja so schwer, an einem Achttausender erfolgreich zu sein.

Ebenfalls heute morgen. Packpferde vor der berühmten Chogolisa. Die Abreisewelle läuft auf Hochtouren. Aber die Gesichter der abziehenden Alpinisten sprechen Bände. Vielleicht wäre jetzt doch noch was zu machen? Aber wenn die Träger oder Packtiere da sind, ist es zu spät.

Apropos schwierig. Hier im Basislager ist auch alles gerade sehr unwägbar und schwierig. Unsere polnische Partnerexpedition hat sich ja nun entschieden, morgen bei vermutlich schönstem Wetter und lange vor der Zeit, hier abzureisen. Unsere Agentur war natürlich der Meinung, dass wir das auch tun. Doch wir bleiben. Aber nun gibt es natürlich ein logistisches Problem. Wer kriegt den Koch, das Messzelt usw.? Auch die Agentur kann unsere Entscheidung nicht verstehen, wo doch einer der erfolgreichsten und berühmtesten Bergsteiger der Welt absteigt!! Solche Dinge belasten mich auch ziemlich. Aber ich habe mich durchgesetzt. Und die müssen das auch irgendwie hinkriegen, denn unser schon in Skardu festgeklopfter Abmarschtermin aus dem Basecamp ist der 9. August. Dabei bleibt es unter allen Umständen. Und wenn ich aus dem Zelt schaue, dann ist das die momentan absolut richtige Entscheidung.

Ich bei meiner Lieblingsbeschäftigung. Niemals werde ich verstehen, warum man diesen Ort auch nur eine Stunde eher verläßt als nötig. Trotzdem es hier kein Bier, keine Frauen (ich meine natürlich Ehefrau bzw. Lebensgefährtin), kein Internet, dafür aber jeden Tag das gleiche Essen gibt. Und es ist erbarmunglos heiß am Tag und kalt in der Nacht.

Wir werden also heute oder morgen Nacht direkt ins Camp 2 aufsteigen. Ich weiss, was uns schon damit bevorsteht. Am darauffolgenden Tag müssen wir ins Couloir, um es zu versichern. Am nächsten Tag installieren wir Camp 3. Wenn alles gut läuft, bleiben wir dort, kochen und hoffen, dass es möglich ist. Ich traue mir gar nicht, es überhaupt auszusprechen. Es kann so viel dazwischen kommen. Vielleicht ist ja das Wetter gut, aber wir zu hasenfüßig oder einfach zu schwach?

Man macht sich schon so seine Gedanken. Zum Beispiel diesen hier: Das Leben ist zu schön und wichtig, um an einem Berg zu sterben und sei er auch noch so großartig.

8 Antworten

  1. Hans-Peter sagt:

    Hallo Olaf und Christoph,

    unglaublich was Ihr da leistet, physisch und mental, meinen allergrößten Respekt!
    Was Ihr auch tut, ich wünsche Euch viel Glück.
    Mögen Berg und Wetter sich einige Tage Ruhe gönnen und Euch einfach mal machen lassen ….

    (Hans-)Peter aus Thüringen

  2. Veronica sagt:

    Lieber Olaf,
    da hast du etwas sehr Wahres ausgesprochen im letzten Satz!!!
    Heute schaut das Wetter ja wirklich fantastisch aus! Ich drücke fest die Daumen, dass es so bleibt!!!
    Herzliche Grüße, Veronica

  3. Birgit sagt:

    Hallo Olaf und Christoph,

    ihr habt schon sehr viel erreicht und durchgestanden,meinen größten Respekt an euch beide.
    Ich wünsche euch für eurer weiteres vorhaben und Ziel viel Glück,ihr könnt jetzt schon Stolz auf euch sein.
    Alles gute und kommt gesund wieder.

    Liebe Grüße aus Wilthen
    Birgit

  4. Christiane sagt:

    Der letzte Satz sagt es… und deswegen sind alle schon weg. Aber der Sack hängt! Glück, das ist eine Sache der Definition. Aber weiß Dein unerfahrener Seilpartenr wirklich, worauf er sich da einlässt?

  5. Peter (Heinz) sagt:

    Hallo Olaf, hallo Christoph,

    ich bin wieder zurück und hatte gehofft, daß es vorwärts (aufwärts) gegangen wäre.
    Hoffentlich bleiben Wetter und Berge Euch nun endlich mal gewogen.

    Hasenfüßig und schwach würde ich das nicht bezeichnen, wenn Ihr Euch eventuell zum Abbruch entschließt, im Gegenteil! Meinen Respekt habt Ihr in jedem Fall.
    Wie Hans vor einigen Tagen sagte: Wer sich nicht im richtigen Augenblick zurückzieht, kann nicht wieder angreifen. Der Berg läuft Euch nicht davon.
    Aber noch ist ja etwas Zeit bis zum 9.
    Ich drücke Euch alle Daumen, die ich habe, leider sind es nur zwei.

    Viele Grüße aus Leipzig
    Peter

  6. Hartmut Büttner sagt:

    Hallo Olaf und Christoph,

    die Fähigkeit, in Geduld warten zu können und an seine Chance zu glauben, zahlt sich in den meisten Fällen aus. Ich wünsche euch sehr, daß das auch für euch zutrifft und bin mir sicher, ihr werdet das Richtige tun.

    Herzliche Grüße von Hartmut

  7. Günther Herfurth sagt:

    Hallo Olaf und Christoph,

    ich bin mir sicher,das ihr die richtigen Entscheidungen trefft.
    Wenn ihr schon mal dort seit solltet ihr das Wetterfenster nutzen.
    Und außerdem,Du Olaf,weist ganz bestimmt wann Du umkehren musst.
    Ich wünsche Euch viel Glück.

    Herzliche Grüße von Günther

  8. Karin sagt:

    Habt Geduld in allen Dingen,vor allem aber mit euch selbst.Meine Hochachtung vor eurer bisherigen Leistung,ihr macht mir keinen schwachen Eindruck und Hasenfüsse erkenne ich auf den Bildern auch nicht.Hebt euch Kraft für den Rückweg auf.Weiterhin viel Glück.
    Herzliche Grüsse von Karin aus Dublin

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