Kampf

Eine news am Ort des Geschehens zu schreiben, ist sicher am authentischsten. Aber ob in sechseinhalbtausend Metern Höhe auch etwas vernünftiges dabei rauskommt? Wir sind im Lager 2. Um uns ist das Inferno ausgebrochen.

Donnerstag 26.07. Unser vierter Aufstieg sollte nun unbedingt Ergebnisse bringen: Lager 2 erreichen. Das Zelt für Lager 3 deponieren und mindestens zwei Nächte hier oben verbringen. Ausserdem wollten wir, wenn irgend möglich, Seile im Japaner Couloir befestigen. Doch als wir gestern früh um 3.00 Uhr im Lager 1 begannen, uns für den Aufstieg zum Lager 2 zu rüsten, schneite es stark und die Sicht lag bei Null Meter.

Es ist eine ganz und gar nicht wünschenswerte Situation, in der wir uns wieder einmal befanden. Der eine, bequeme Teil von Dir feixt und freut sich, weil er nun jeden Grund hat, im Schlafsack zu bleiben und weiter zu schlafen. Der andere Teil von dir ist total in Aufruhr. Das darf doch alles nicht wahr sein! Schon beim dritten Aufstieg sind wir mit dem Versuch gescheitert, das Lager 2 zu erreichen. Jetzt das Gleiche noch einmal? Das geht gar nicht. Wir brauchen die Nächte dort oben, um weiter aufsteigen zu können. Wir haben keine Zeit mehr, länger zu warten. Wir müssen gehen, auf Biegen und Brechen.

Umfangreiche Ausgrabungs- und Sicherungarbeiten waren an unserem tapferen Zelt nötig, ehe wir da endlich rein konnten.

Nach einigen Diskussionen mit Christoph sind wir das dann auch. Eine, allerdings nur wenige Minuten dauernde Aufklarung, die uns Hoffnung gemacht hat, tat zu diesem Entschluß ihr Übriges dazu.

Schon auf dem Weg vom Lager 1 zum Fuße des Eisbruches, welcher auf den Gasherbrum Pass führt, gab es gleich mehrere Gelegenheiten, umzukehren. Die Sicht lag weiterhin bei Null. Wir sahen die Spalten nicht. Wir sahen überhaupt nichts. Was sollte das alles für einen Zweck haben? Wir sind trotzdem weiter! Als wir am Beginn des Eisbruches angekommen waren, hatte sich Sturm, Schneefall und white out noch verstärkt. Doch hier gab es wenigstens ab und zu noch eine Kontur, an der wir uns orientieren konnten. Meter um Meter kämpften wir uns nach oben. Längst hatten wir kaum noch eine Wahl, denn die Aussicht, umzukehren, verlor mit jedem Schritt deutlich an Attraktivität. Das Zelt im Lager 2 war inzwischen näher. Aber ob es überhaupt noch stand? Doch wir hatten uns ja bei dessen Verankerung alle Mühe gegeben.

Eines darf einem weit oben in einer schwierigen Situation nicht passieren. Man darf den Mut nicht verlieren. Und da ist Christoph geradezu ein Idealpartner. Er hat ein unerschütterliches Vertrauen. In wen auch immer!

Kurz bevor wir es dann mit großer Anstrengung und Kampf erreicht hatten, kam, was kommen musste. Wir brachen beide mehrmals in die vom Schnee zugedeckten Spalten ein. Ein Wunder, dass sich keiner von uns dabei verletzt hat. Die letzten 500 m vor Lager 2 sind die mit Abstand spaltengefährlichsten des gesamten Aufstieges vom Basislager bis hierher.

Die gute Nachricht lautete, dass unser Zelt völlig unversehrt geblieben ist. Wir hatten allerdings zwei Stunden zu tun, es wieder bewohnbar zu machen. Wir mussten es ausgraben, neu verankern, den völlig uneben gewordenen Untergrund neu auffüllen, eine Toilette ausheben, unser Depot freilegen.

Als wir dann endlich am Nachmittag unser Zelt beziehen konnten, war es aber auch höchste Zeit, denn Sturm und Schneetreiben hatten ein Ausmaß erreicht, dass ein Aufenthalt ausserhalb unserer Nylonbehausung unerträglich geworden war. Und dieses Ausmaß haben sie noch immer und zwar seit nunmehr 24 Stunden. Selbst der Weg auf die Toilette ist jede Überlegung wert. An einen Abstieg brauchen wir derzeit nicht zu denken. Es ist eine bedrohliche Situation eingetreten. Hier oben lagern für zwei bis drei Tage Gas und Nahrung. Anderhalb Tage davon sind schon weg. Morgen müssen wir also runter oder richtiger gesagt: Morgen müssten wir eigentlich dringend runter. Aber so ein Schlechtwetter kann auch mal länger dauern. 2001 hatten wir auch Schlechtwetterperioden. Die längste hat gleich mal neun Tage gedauert. Da saßen wir allerdings bequem im Basislager.

Wir beide haben 42 Stunden in diesem etwa 3 Quadratmeter großen Zelt verbracht, ohne Freigang. Und in sechseinhalbtausend Meter Höhe wird es dann auch ganz schön frisch.

Derzeit können wir nichts weiter tun, als bangen und hoffen, dass irgendetwas von dem verheißungsvollen Wetterbericht doch stimmt. Allerdings habe ich da so meine Zweifel. Wenn das Wetter unsicher ist, also keine gewaltigen Hochs oder Tiefs angekündigt sind, wenn sich der Luftdruck, wie nun schon seit Wochen hier so gut wie nicht ändert, dann ist, wie wir gerade schmerzlich erfahren, alles möglich. Die Wetterberichte sind also nicht etwa schlecht, die wir hier bekommen. Es ist vermutlich schlichtweg unmöglich, einen verlässlichen Wetterbericht überhaupt zu erstellen.

Der Sturm nimmt momentan weiter an Intensität zu. Eine zweite Nacht im Höllenlärm steht uns bevor. Ich wär jetzt lieber woanders!

1 Antwort

  1. Janina sagt:

    Ich finde, für 6500 m seht ihr ja beide noch ganz frisch aus! 😉

    Haltet durch – das Wetter muss einfach wieder besser werden!

    Liebe Grüße, Janina

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