Der Wille zum Erfolg, Teil 1
Wir Bergsteiger sind schon seltsame Wesen. Nichtbergsteiger können sich vermutlich in ihren kühnsten Träumen nicht einmal vorstellen, wie seltsam.
Als ich nach 10 Stunden Kampf in erbarmungsloser Kälte und Wind in der komplexen Gipfelwand des Pumo Ri wieder im Lager 3 eintraf, war ich so unterkühlt und erschöpft, dass ich mehr als eine Stunde lang in meinem Zelt von Krämpfen und unkontrollierbarem Kältezittern geschüttelt, nichts tun konnte.
Die Tränen liefen mir die Wangen herunter. Ich war am Ende meiner Kräfte.
Irgendwann hatte ich es dann endlich geschafft, mir eine kleine Blechflasche mit heißem Wasser aufzufüllen und mit ihr in den Schlafsack zu kriechen.
Ich musste mich wieder aufwärmen, um kochen zu können. In den zehn Stunden in der Gipfeleiswand hatten wir alle so gut wie nichts gegessen und getrunken.
Doch mein Schlafsack war eine Falle. Mir wurde zwar langsam wieder warm. Aber mit der Wärme kam die bleierne Müdigkeit. Das war allerdings keine normale Müdigkeit.

Aufstieg von Lager 1 (5800 m) zum Lager 2 (6200 m). Genau in Bildmitte kann man mit guten Augen unser großes rotes Zelt im Lager 1 erkennen.
Sie fühlte sich bedrohlich an, eine Art Lähmung. Mit dem letzten Fünkchen Verstand, das noch arbeitete, begriff ich schon, dass ich nicht einfach wegdämmern durfte. Ich musste etwas essen und vor allem Trinken!
Also kämpfte ich mich in meinem winzigen Zelt wieder aus den Daunen nach draußen und begann zu kochen.
Mein Gipfelversuch begann am 20. Oktober, der von Max, Sven und Ludwig einen Tag später.
Laureen und Jacob konnten nicht mit uns aufsteigen, weil die beiden schon seit vielen Tagen mit einer schweren Erkältung zu kämpfen hatten. In dieser Höhe verschwindet die auch nicht so einfach. Eine profane Erkältung kann hier oben nicht selten zu einer Art Urteil werden.
Ich stieg am 20. Oktober vom Basislager zum Lager 1 auf. Zwar hatte ich schon zwei Mal zum Fixseilverlegen und Lastentragen das Lager 2 erreicht, dort oben aber noch nicht geschlafen.
Ein strategischer Nachteil, der nicht wieder aufzuholen war. Man könnte es auch Fehler nennen, dass ich bis zu diesem Tag noch nicht dort oben übernachtet hatte. Aber es gab einen klaren Grund dafür. Nämlich den letzten Blogbeitrag. Ich war in Gorak Shep im Internet, Max, Sven und Ludwig im Lager 2.
Max und Sven hatten sogar schon zwei Nächte im zweiten Hochlager verbracht, weil sie das Gros der Fixseile bis zum Sattel verlegt hatten.

Ein Tag, den ich so schnell nicht vergessen werde. Ludwig mit Riesenrucksack auf dem Weg von Lager 2 zum Lager 3.
Wir vier trafen uns am 21. im Lager 2. Hier wurde in den beiden Zelten getrunken und gekocht, was das Zeug hielt.
Ich hatte mich ja schon über die Nächte in den Hochlagern ausgelassen. Nächte auf einer neuen Schlafhöhe sind häufig anstrengend. Meine erste Nacht in Lager 2 war geradezu unsäglich mies. Ich dachte das erste Mal übers Umkehren nach.
Denn am nächsten Tag musste es ja hinauf ins Lager 3 gehen. In dieser Höhe hatte noch keiner von uns geschlafen. Wie sollte ich nach der häßlichen Nacht in Camp 2 die Nacht in Lager 3 überstehen und anschließend noch die Kraft finden, zum Gipfel aufzusteigen?
Ich zweifelte an einem guten Ende für mich.
Der Aufstieg vom zweiten zum dritten Lager war eisenhart. Ein einziges stundenlanges Ringen mit sich selbst und der Schwerkraft. Ein ganzes Lager war in unseren Rucksäcken: Zwei Zelte, Schlafsäcke, Isomatten, Kocher, Gas, Essen, Seile, Snowbars usw.
Ich hatte sogar noch eine große Powerbank für die Akkus meiner Kamera dabei .
Dieser Platz für Camp 3 dort oben auf der Schulter des Pumo Ri ist absolut spektakulär. Und zwar gleich in mehrerlei Hinsicht. Die Aussicht auf den Mount Everest und seine Trabanten ist geradezu überwältigend. Die Kälte und vor allem der Wind aber auch.
Große Kälte gepaart mit starkem Wind, bedeutet immer Gefahr. Erfrierungsgefahr!

Lager 3 auf dem sehr kalten und stürmischen Sattel. Man sieht den Wind sehr eindrücklich: Beeindruckende Schneefahnen an der Graten von Everest, Lhotse und Nuptse gegenüber.
Ende Teil 1







