Was uns nicht umbringt
Eine gesunde Ernährung und regelmäßiger Sport sind das Elixier für ein langes und gesundes Leben, gute Gene vorausgesetzt. Aber es gibt auch die These, dass noch ein dritter Faktor hinzukommen sollte, um gesund alt zu werden.
Die Evolution zum modernen Menschen, den es schon seit etwa 200000 Jahren gibt, war ein einziger langer Kampf gegen wilde Tiere, gegen Kälte, Hitze und Nässe. Vor allem aber mussten unsere Vorfahren Strapazen ertragen. Sie legten auf der Jagd gewaltige Strecken zurück, schleppten das erlegte Wild in die Wohnhöhle, ertrugen Krankkeiten.

Es ist Hochsaison, und auch wir mussten uns einreihen und waren doch sehr froh, dass wir schon nach zwei Tagen wieder mutterseelenallein in unserem Basislager sein durften.
Die Natur ist gnadenlos. Die Menschheit ist über Jahrtausende darauf programmiert worden, in dieser harten Umgebung zu überleben. Doch unsere moderne Umwelt ist nicht mehr gnadenlos. Im Gegenteil. Technologie kürzt alle negativen Umwelteinflüsse aus unserem Leben heraus.
Wir schalten die Heizung ein, wenn wir frieren, die Klimaanlage, wenn es uns zu warm ist. Wollen wir von einem Ort zum anderen, steigen wir ins Auto, den Bus oder die Straßenbahn.
Die meiste Zeit unseres Lebens sitzen wir auf einem Stuhl vor dem Rechner, auf der Couch vor dem Fernseher oder liegen im Bett.
Diese Bequemlichkeit ist ungesund. Ganze Bücher sind schon zu diesem Thema geschrieben worden. In seinem Buch „What Doesn´t Kill Us“ konstatiert der Anthropologe Scott Carney „Ohne Strapazen, die wir überstehen müssen, und ohne Gefahren, vor denen wir fliehen müssen, sind die Menschen dieses Millenniums überfüllt, überhitzt, übersättigt und werden nicht genug stimuliert“.
Ich persönlich glaube schon, dass Herr Carney richtig liegt, und falls das tatsächlich so ist, dann machen wir ja gerade alles richtig.
Nach zwei sehr langen und demzufolge anstrengenden Marschtagen von Namche Bazar aus und über Dingboche sind wir am 10. Oktober im fix und fertig eingerichteten Basislager am Fuß des Pumo Ri eingetroffen.
Bijai, Indra und unser Koch Pemba Sherpa haben hart gearbeitet, damit wir es hier von der ersten Minute an so wohnlich haben, wie es in einem Lager auf 5300 m Höhe eben möglich ist. (Während ich das hier gerade schreibe, es ist 6.00 Uhr morgens, 13.10., zeigt das Thermometer -11,7 °C)
Viel ging nicht mehr an unserem ersten Abend im Basecamp außer jede Menge Nudeln essen. Das Zelteeinrichten haben wir auf den nächsten Morgen verschoben. Aber wirklich Zeit genommen haben wir uns dafür auch am nächsten Morgen nicht.
Denn dass wir am Kyajo Ri gewesen sind, hatte ja tatsächlich nur einen Grund: Wir wollten gut akklimatisiert am Pumo Ri eintreffen, um hier sofort mit der Arbeit beginnen zu können.
Und genau das haben wir auch getan. Schon am Tag nach unserer Ankunft trugen wir die ersten Lasten ins Lager 1 hinauf. Alle Mann haben mit angepackt und unsere eine superstarke Frau natürlich auch.

Hier der Blick nach Osten. Der Mount Everest in Bildmitte und rechts der Nupste beherrschen das Bild.
Das erste Hochlager liegt auf 5800 m und hat tatsächlich das Zeug, mein persönlicher Favorit zu werden. Das war ja bis jetzt immer das Hochlager am 6000er ChukhungTse, den ich mit einem tollen Team 2008 erstbestiegen habe.
Aber dieses erste Hochlager am Pumo Ri bietet einen fulminanten Rundblick unter vielem anderen auch auf das gigantische Massiv von Everest, Lhotse und Nuptse. Und genau in die andere Richtung ragt zum Greifen nah der Pumo Ri auf.

Laureen beim Aufstieg zum 5800 m hoch gelegenen Lager 1. In Bildmitte der Khumbueisfall. Davor das Everest-Basislager in dem aber jetzt kein einziges Zelt steht.
Gestern (12.10.) sogleich der zweite Aufstieg ins Lager 1. Diesmal allerdings nur zu dritt, weil der eine oder andere von uns nun doch mal einen Ruhetag gebraucht hat.
Aber jetzt ist unserer erstes Hochlager schon so gut bestückt, dass wir nur noch die persönlichen Sachen, wie zum Beispiel Schlafsack, Isomatte und das Hochlageressen hinauftragen müssen.
Zwei große Zelte sind oben, 17 Gaskartuschen, 600 m Statikseil, eine 60-m-Reepschnur, ein Einfachseil für den Vorstieg, 6 große Schneeanker, 2 Kocher, alle Steigeisen, Eisgeräte, etliche Karabiner, Schlingen, Eisschrauben, Schneeschaufel, alle Thermosflaschen und noch ein paar Kleinigkeiten mehr.
Mit nur noch einem weiteren Aufstieg, ist das Lager 1 für mindestens drei bis vier Tage bezugsfertig. Das ist wirklich toll. Und toll ist seit zwei Tagen auch das Wetter. Wie ausgewechselt!
Die Prognose verspricht uns, dass uns dieses wunschlos machende Wetter auch noch viele Tage erhalten bleibt.
Glücklich macht uns auch die Tatsache, dass wir das eine große Problem, welches uns das Leben am Kyajo Ri wirklich schwer gemacht hat, hier nicht mehr haben. Hier hat es ganz offensichtlich viel weniger geschneit.
Weiß der Fuchs, warum. Aber das ist auch egal. Hauptsache dieses elende Schneegewühle hat nun ein Ende.

Unser Depot im Lager 1. Wir können sehr zufrieden sein, was wir schon in den ersten Tagen hier geschafft haben. (Foto: Sven Kortmann)
Der Plan für die kommenden Tage sieht relativ vorhersehbar aus. Wir werden das Lager 1 mit einem weiteren Aufstieg bezugsfertig machen. Das wird schon heute geschehen. Allerdings ohne mich, denn ich sitze gerade unten in Gorak Shep und versende diesen Blogbeitrag. Heute ist also mein „Ruhetag“.
Anschließend werden wir von dort aus beginnen, die steilen Passagen bis zum Lager 2 mit Fixseilen zu versichern.
Wenn das erfolgreich erledigt ist, werden wir ins Basislager absteigen, um die Ausrüstung für das zweite Hochlager hinaufzutragen.
Aber bis es soweit ist, hoffe ich auf eine weitere Gelegenheit, in Gorak Shep ein Zipfelchen WLAN abzubekommen.
Das kann allerdings wieder ein Weilchen dauern. Beste Grüße von uns Sechsen an alle Leser…







Ich drücke die Daumen, dass auch der Rest des Aufstiegs so erfolgreich verläuft wie bisher! Eine Frage … warum ist eigentlich am Everest die Saison vorbei und woanders, z.B. am Pumo Ri (noch) nicht? Liebe Grüße an euch alle! Veronica
Hallo Veronica, die Saison am Everest ist im Frühjahr. Der Mai ist der Monat mit den meisten erfolgreichen Aufstiegen. Im Herbst ist es für die ganz großen Berge einfach zu kalt. Oft liegt auch noch viel Schnee, vor allem in größeren Höhen, wie wir ja schmerzlich am Kyajo Ri erfahren haben. Liebe Grüße zurück von uns Sechsen
Lieber Olaf, es ist toll zu lesen, dass es Euch allen gut geht und Ihr Euch erfolgreich Euerm Ziel Stück für Stück nähert. Tolle Bilder und Berichte. Danke, dafür und weiterhin ganz viel Glück und Sonnenschein auf Euerm Weg. Liebe Grüsse an Dein Team ….Ramona
Alle Daumen bleiben weiterhin gedrückt…dass das Wetter hält…was die Vorhersage verspricht…großartige Bilder und tolle Zeilen wie immer…Viel Erfolg Euch.