Aus der Not, Teil 2

Besonders ein Gefühl werde ich einfach nicht los. Und ich weiß schon, wie sich das für vernunftbegabte Menschen anhören muss. Häufiger Sauerstoffmangel in großen Höhen wirkt sich eben irgendwann aus 🙂

Links das Lager 1. Rechts schwerbepackter frühmorgendlicher Aufstieg zum Lager 2.

Ich fing an, diesen Bergklotz aus Stein und Eis zu personifizieren. Je mehr man in einen Gipfel investiert, desto freundlicher ist er einem gesinnt. So jedenfalls bilde ich es mir ein.

Irgendwann wird er akzeptieren müssen, dass er uns Menschenzwerge nicht so einfach aus seinem weißen Pelz schütteln kann. Wir sind zu hartnäckig. Und dann wird er gnädiger werden und uns für die Strapazen belohnen.

Hier am Kyajo Ri war es so und an vielen anderen Bergen auch. Bilde ich mir ein…

In der Rinne unterhalb des Sattels, auf dem das Lager 2 stehen soll.

Bei unserem zweiten Versuch den Sattel und damit das zweite Hochlager zu erreichen, waren wieder alle fit. Der Nachtaufstieg verlangte uns deutlich weniger Kraft ab, auch weil sich nun alle bei der Spurarbeit abwechseln konnten. Schon am Morgen gegen halb neun erreichten wir den Sattel.

Traumplatz für ein Lager. Der Sattel auf 5700 m Höhe.

Und hier gab es erst einmal eine Überraschung. Die 500 m hohe Gipfelwand präsentierte sich nicht mehr so einladend wie auf den vielen Fotos, die wir gesehen hatten. Auch der Kyajo Ri hatte in den vergangenen Jahren viel Eis eingebüßt. Der Anteil am kombinierten Gelände hatte deutlich zugenommen.

Die Gipfelwand sieht zahmer aus, als sie dann tatsächlich ist. Aber das Schwierigste war sicher, bei diesen Verhältnisssen überhaupt bis hierher zu kommen.

Dennoch sah alles gut machbar aus. Und nun würde uns der viele Schnee sogar helfen. Auf der hart gefrorenen Schneeauflage ist das Steigen wesentlich einfacher und sicherer als im blanken Eis oder auf Fels. Große Strecken wären auch seilfrei machbar.

Euphorie machte sich breit. Wir würden unsere Chance bekommen.

Tiefblick auf das Lager 2 vom oberen Ende der unteren Fixseilstrecke über den ersten Felsriegel.

Während Max, Sven und ich loszogen, um die unteren felsigen Bereiche der Gipfelwand mit Seilen zu versichern, installierten die anderen das zweite Hochlager.

Alles ging Hand in Hand und schon am späten Vormittag lagen 200 m fest installierte Seile in der Wand. Der Aufstieg durch das untere Felsband war nun abgesichert und für alle leicht zu begehen.

Wie machen wir es morgen, am Gipfeltag? Alles drehte sich auf dem Sattel um diese Frage.

Den Nachmittag verbrachten wir mit Essen, Trinken, Dösen und vor allem auch Schauen. Am frühen Abend verzogen sich alle in die Zelte.

Der Tag des Gipfelversuchs begann bei Ludwig und mir kurz nach halb zwei. In unserem winzigen Samaya-Zelt war kaum Platz für uns beide, geschweige denn für einen Kocher. Die Vorbereitung für den Gipfeltag musste bei klirrender Kälte wohl oder übel draußen erledigt werden.

Jacob macht sich aufstiegsfertig.

Alle waren mehr oder weniger zur Abmarschzeit um 3.30 Uhr bereit. Sven und ich gingen voran, um den oberen Felsabschnitt ebenfalls mit fest installierten Seilen für alle sicher begehbar zu machen.

Max übernahm die Absicherung in den steilen Firnpassagen weiter unten. Den größten Teil der oberen zwei Drittel der Gipfelwand waren wir seilfrei unterwegs.

Laureen an den Fixseilen im unteren Felsriegel.

Alles lief wie am Schnürchen, die Verhältnisse in der Gipfelwand waren nahezu perfekt. Gemeinsam mit Sven verlegte ich über den Felsriegel unter dem Gipfel noch einmal 130 m Seil. Vom Seilende bis zum höchsten Punkt waren es dann nur noch etwa 60 oder 70 Höhenmeter.

Etwa um halb Neun erreichte ich den Gipfel, kurz danach kam Sven zu mir herauf, und es dauerte nicht lange, bis alle auf dem Gipfel standen.

Seilfreies Steigen in bestem Trittfirn. Bergsteigen nun endlich leichter gemacht.

Was für ein toller Erfolg und was für ein großartiges Team! Das Gefühl, dass wir es alle nach den Strapazen der vergangenen Tage auf diesen wunderschönen Gipfel geschafft hatten, war grandios.

Und hier sind wir wieder am Anfang dieser Geschichte. Bei den Tugenden, welche die Not bei uns vielleicht zu Tage befördert. Oder eben auch nicht.

Tiefblick nun vom oberen Felsriegel hinunter auf den Sattel.

Ich war schon bei unserem Aufstieg zum Basislager des Kyajo Ri skeptisch, ob wir den höchsten Punkt dieses eleganten Sechstausenders erreichen könnten. Und die Skepsis nahm nach dem ersten Aufstieg in Richtung des ersten Hochlagers höchstens noch zu.

Sven auf den allerletzten Metern zum höchsten Punkt des Kyajo Ri. Im Hintergrund links das gigantische Massiv von Everest, Lhotse und Nuptse.

Doch der Teamspirit in unserer Gruppe, der unbedingte Wille jedes Einzelnen, sein Bestes für das gemeinsame Ziel zu geben, sich gegenseitig zu helfen und zu motivieren, wenn die Kraft beim anderen zu erlahmen drohte, hat diesen Erfolg erst möglich gemacht.

Dieses Team kann tatsächlich alles schaffen. Das macht zuversichtlich für unser Hauptziel, den Pumo Ri.

Das gesamte Team auf dem höchsten Punkt des 6186 m hohen Kyajo Ri. Ein Grund zu großer Freude für uns alle. Allerdings zum Feiern war nicht genug Platz!

Wir sind inzwischen wieder in Namche Bazar eingetroffen. Hier wird in den kommenden beiden Tagen unweigerlich ein großes Trocknen, Putzen, Flicken und neu Packen anheben. Sein halbes Bergsteigerleben verbringt man mit diesen zunehmend lästigen aber wichtigen und unvermeidbaren Tätigkeiten.

Und nebenbei werden wir auch unverschämte Nahrungsmengen vertilgen.

Vielen Dank an das Ingenieurbüro Schilling und die Leipziger Sektion des Deutschen Alpenvereins für die großzügige Unterstützung, ohne die ich jedenfalls nicht hier sein könnte.

Schon übermorgen werden wir zum Basislager des Pumo Ri aufbrechen. Nur zwei Tage haben wir für den Aufstieg an den Fuß des Pumo Ri eingeplant, denn unser Zeitplan bleibt eng.

Wenn alles gut geht und die Technik hält, werden wir uns von dort das nächste Mal melden…

Das könnte dich auch interessieren …

5 Antworten

  1. Christian Pech sagt:

    Herzlichen Glückwunsch zu dem tollen Gipfelerfolg. Das habt Ihr Euch aber auch verdient!
    Viele Grüße an alle aus dem brandenburgischem Flachland.

  2. Kai Bittner sagt:

    Absolut starker Gipfelerfolg…Gratulation und alles Gute Dir Olaf und Alle Anderen…das war sicher ganz hart erkämpft…Großartige Bilder…und jetzt viel Wetterglück und Erfolg für den Pumo Ri…Alles Gute und Berg heil.

  3. Ver sagt:

    Herzlichen Glückwunsch zum Gipfelerfolg an euch alle!

  4. Detlef Weyrauch sagt:

    Auch von mir einen großen Glückwunsch zum ersten gemeinsamen Gipfelerfolg. Es ist immer besonders schön, wenn alle zusammen das Ziel erreichen. So war es auch bei unserer Khumbu-Tour 2024, an die ich immer wieder gerne zurück denke. Weiterhin besten Teamgeist und Wetterglück für den Pumo Ri wünscht euch Detlef

  5. Elke Wolter sagt:

    Glückwunsch an das großartige Team! Es sind wunderschöne Fotos..viel Erfolg am Pumori, wir drücken die Daumen! Lg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen