Fitz Roy

Wer nach Patagonien kommt, um die wirklich einmaligen Granitriesen zu bewundern, die Gletscher, Seen und Wälder, der sollte wegen des häufig schlechten Wetters Zeit und vor allem Geduld mitbringen. Wieviel davon nötig ist, um hier zu klettern, will ich mir noch gar nicht vorstellen. Doch einen Vorgeschmack darauf habe ich in den letzten zwei Wochen bekommen. Auch auf die Gefahr hin für albern gehalten zu werden, ich habe, wenn ich einen Berg belauere, immer das Gefühl, dass er seine Gunst nur gewährt, wenn ich genug Einsatz zeige. Das gilt hier in Patagonien scheinbar auch, wenn man ihn nur sehen will! Der lange Weg über das Eis und inzwischen viele Tage und Nächte in Sturm und Regen in meinem Biwaksäckchen scheinen ausgereicht zu haben. Denn gestern war es soweit. Ein Tag brach an, wie ich nur einen einzigen in der gesamten Zeit in Patagonien erlebt habe: Völlig wolkenlos, windstill und warm.

sunrise

Ich weiss, das ist schon das zweite Morgenlichtbild vom Fitz Roy und seinem grandiosen Nachbarn dem Cerro Poincenot. Doch dieses übertrifft wirklich alles, und die Farben hab ich nicht nachgebessert!

Gestern wäre man in den Kletterrouten weit gekommen. Doch 24 Stunden später war es mit der Herrlichkeit auch schon wieder vorbei. Aber natürlich habe ich diesen Tag bis zum Anschlag genutzt.

Ein wichtiges Ziel dieser Reise bestand ja auch darin, an den Bergfuss zu gehen, Fotos verschiedener Routen zu machen und mir deren Einstiege anzusehen. Allerdings müssen dafür vom Basislager noch einmal gut 1500 Meter aufgestiegen werden. Früh um sieben, nach den Morgenlichtfotos, ging es mit leichtem Gepäck zum Glaciar de los Tres und auf ihm dann hinauf zum Paso superior (oberer Pass). Dieser Pass ist die Eintrittspforte zur Granitwelt des Fitz Roy und seiner Trabanten.

Paso Superior

Es ist fast wie im Märchen. In einer Granitmauer öffnet sich weit oben nach 1000 Höhenmetern Aufstieg eine Bresche, durch die der Weg zum Fuss des Fitz Roy führt. Wer genau hinschaut, der kann eine Spur und ein Menschlein entdecken.

Ich kam mir dort oben wie im Thronsaal der Götter vor. Ausser zwei argentinischen Kletterern, die wie ich zum Routenstudium hinauf gestiegen waren, gab es niemanden. Die Klettersaison hat noch nicht begonnen. Es war einerseits ein überwältigendes Gefühl, diesem Granitgiganten jetzt so nah zu sein. Auf der anderen Seite war es beängstigend. Wo soll der Mut herkommen, in solche Wände einzusteigen?

Nach etwa vierstündigem Aufstieg vom Basislager zum Wandfuß, habe ich den ganzen restlichen Tag dort oben verbracht und das gesamte Gletscherplateau kreuz und quer durchwandert. Man kann relativ problemlos von der Südost- auf die Nordostseite des Fitz Roy gelangen und sich aus nächster Nähe die gewaltigen Flanken und Pfeiler ansehen. Vor allem der riesige Nord-Nordostpfeiler ist sehr imposant und interessant zugleich. Durch ihn führt eine Route von Renato Casarotto.

Pfeiler

Der von der Nachmittagssonne beschienene Nord-Nordostpfeiler des Fitz Roy. Mitten durch die sonnenbeschienene Wand führt in verschiedenen Varianten die Casarotto-Route, die auch für mein Kletterkönnen machbar erscheint, einen guten Partner, entsprechendes Wetter und sehr viel Mut vorausgesetzt.

In den nun noch verbleibenden zwei Tagen werde ich versuchen, auch noch die Nord- und Westseite des Berges in Augenschein zu nehmen. Vorausgesetzt, das Wetter läßt einen Augenschein überhaupt zu. Bisher, so viel ist sicher, hab ich diesbezüglich schon eine Menge Glück gehabt. Aber zwei Tage sind hier nicht viel.

1 Antwort

  1. kerstin sagt:

    Hallo Olaf,
    das Morgenlicht-Foto ist wundervoll. Diese Farben hätte selbst ein Maler mit viel Phantasie nicht so schön wiedergeben können. Man will es sich immer wieder ansehen.
    Weiterhin schönes Wetter und tolle Fotos wünscht
    Kerstin

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