Was bleibt? Das Jahr 2025

In diesem Jahr habe ich doch tatsächlich überlegt, den Rückblick einfach wegzulassen. Es war nicht mein Jahr. Und Ausdruck dessen ist ein zumindest für mich bemerkenswerter Umstand. Der erste Gedanke zu diesem wieder sehr ereignisreichen 2025 galt einer kurzen Begegnung mit Bernd Arnold. Ich traf ihn während einem meiner Vorstiegskurse am Fuße des Daxensteins im Bielatal.

Ich teilte meinen beiden Klettergästen mit, dass sie gerade vor einer lebenden Legende des Sächsischen Kletterns stehen. 900 zum Teil extrem schwierige Erstbegehungen gehen hier auf sein Konto. In den achtziger Jahren war er nicht mehr und nicht weniger als einer der besten Kletterer weltweit. Sein lapidarer Kommentar dazu: “ Das hat alles keinerlei Bedeutung“.

Bernd Arnold im August 2025.

Dieser Ausspruch war dann bis heute Stoff zum Nachdenken für mich. Nur so daher gesagt? Oder der Gipfel der Eitelkeit, weil er auf Widerspruch erpicht war? Oder meinte er das vielleicht tatsächlich ernst?

Hätte man Bernd vor 40 Jahren ins Gesicht gesagt, dass seine exzessive Klettererei ja eigentlich völlig bedeutungslos sei, er wäre sicher nicht amüsiert gewesen. Heute sieht es das vielleicht wirklich so.

Aber was ist denn nun von Bedeutung?

Mein Lieblingsdenker, Michel de Montaigne, hat dazu eine sehr klare Meinung und wie so oft eine schöne Metapher parat: Er sagt in seinen Essais im Kapitel „Von der Reue“, dass er sich den Sokrates sehr wohl an der Stelle des Alexanders vorstellen könne. Umgekehrt ginge das aber auf keinen Fall. Fragte man Alexander, was er will, so wird er antworten: „Die Welt unterwerfen“. Fragte man Sokrates, so wird er sagen: „Die eigentlichen Aufgaben erfüllen, die das Leben uns stellt.“ Das sei, laut Montaigne, ein in der Tat viel umfassenderes, gewichtigeres und berechtigteres Können. Die Welt zu unterwerfen, 900 Erstbegehungen zu machen und der beste Kletterer der Welt zu werden, sind damit jedenfalls nicht gemeint.

Die eigentlichen Aufgaben des Lebens? Es ist nicht so wahnsinnig schwer, herauszufinden, welche das sind. Bitter ist, zu erkennen, wenn man darin womöglich nicht besonders erfolgreich gewesen ist.

Dafür war es der Jahresauftakt im Januar umso mehr. Veronika, Jörg und Stefan hießen meine Eisklettergäste und der Schauplatz unserer eisigen, vertikalen Abenteuer waren wieder die Hohen Tauern. Dort kenne ich mich inzwischen aus, wie in meiner Westentasche. Das ist beim Eisklettern umso wichtiger, weil diese Bergsportdisziplin extrem von den äußeren Bedingungen abhängig ist.

Der Höhepunkt der beiden Durchgänge war der Eisfall „Nugget“ im Fleißtal. Im linken Bild habe ich gerade die zweite Eisschraube in der ersten Seillänge gesetzt (Foto: Stefan Hanf). Rechts steigt mir Stefan die letzte Seillänge nach. Stefan war schon zum dritten Mal mit mir zum Eisklettern.

Wärme- oder Kälteeinbrüche, starke Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht und vor allem die Lawinenlage erfordern ständiges Nachdenken darüber, welcher Eisfall denn nun bei den vorliegenden Bedingungen der am besten geeignete ist. Und da ist es sehr von Vorteil, wenn man möglichst viele kennt und sie auch schon alle geklettert ist.

Veronika, Jörg und ich am Schildalmfall.

Fast ohne Verschnaufpause ging es in der ersten Februarhälfte von den eisigen Nordwänden im Tauerntal auf Vortragstournee durch sieben Städte in Nord- und Westdeutschland. Organisiert wurde die Vortragsreise von den Alpenvereinssektionen dieser Städte. Der Hidden Peak– und der Feuerlandvortrag standen auf dem Programm.

Mir macht es natürlich immer besonders großen Spaß, vor bergaffinen Leuten aufzutreten und im Anschluss mit diesem kompetenten Publikum ins Gespräch zu kommen. Aber ich empfinde es auch als Privileg, die Menschen hinter den Kulissen kennenzulernen, welche ehrenamtlich in den Sektionen diese Vorträge organisieren.

Der Hidden Peak in Kiel.

Anschließend blieb wieder kaum Zeit zum Luftholen, denn nur ein paar Tage später brach ich nach Nepal auf. Zwei ausgebuchte Touren durch die vier Täler der Everest-Region und die Besteigung des Mera Peaks (6461 m) mit nachfolgender Überquerung des knapp 5800 m hohen Amphu Labtsa (Pass) standen auf dem Programm.

Zu diesen beiden Touren gibt es unter der News/Blog-Rubrik insgesamt 17 Beiträge. Nachstehender Link führt zum ersten Text vom 3. März 2025. Wer Lust hat, kann also diese beiden Touren bis ins Detail noch einmal Revue passieren lassen.

Mein großartiges Vier-Täler-Team vollständig versammelt auf dem höchsten Punkt ihrer Tour (5650 m) vor der makellosen Kulisse von Mount Everest (Mitte) und Nuptse (rechts).

Für mich besonders fordernd war die Besteigung des Mera Peaks. Wir hatten zwar hervorragende Bedingungen am Berg, aber es war sehr kalt, und das machte allen mächtig zu schaffen. Trotzdem erreichten gleich mehrere meiner Gäste den höchsten Punkt des Berges.

Doch richtig aufregend für mich gestaltete sich die Überquerung des Amphu Labtsa. Dieser fast 5800 m hohe Pass verbindet das Honku- mit dem Imjatal. Sowohl der Auf- als auch der Abstieg sind teilweise recht steil und ausgesetzt. Und es lag verhältnismäßig viel Schnee.

Mein Höhepunkt des soeben vergangenen Jahres: Luisa Kurowski, Bernd Weimann und ich auf dem höchsten Punkt des Mera Peaks. Rechts bei der Überquerung des Amphu Labtsa.

Wie immer waren die Träger der limitierende Faktor. Grundsätzlich entscheiden allein sie, ob eine Etappe machbar ist oder nicht. Sie votierten für die Passüberquerung. Und ich muss gestehen, dass es für mich schon fast an ein Wunder grenzt, wie souverän diese Jungs den Amphu Labtsa bei diesen schwierigen Bedingungen mit ihren Lasten bewältigt haben.

Wie geschickt, wie stark, ausdauernd und zäh diese Jungs sind, ist schier unglaublich. Und meine Hochachtung vor meinen Trägern, die mir nun schon seit vielen Jahren die Treue halten, hat sich weiter enorm vergrößert.

Meine Gäste und meine treuen Träger auf einem besonderen Bild vor großartiger Kulisse. Wir sind hier gerade auf dem Abstieg vom Hochlager in das Basislager des Mera Peaks.

Lange Rede, kurzer Sinn, ich war den Berggöttern überaus dankbar, dass sie uns alle unfallfrei über diesen anspruchsvollen Pass gelassen haben.

Ende April war ich wieder zu Hause und nun galt es, rasch den Rückstand bei meiner Kletterfitness wettzumachen. Vier Monate hatte ich keinen Griff mehr angefasst und die ersten Kletterkurse standen vor der Tür. Es macht keinen guten Eindruck, wenn der Klettergast besser klettert als ich. Also ging es in jeder freien Minute raus an die Felsen: die Sächsische Schweiz, Wolkenstein, das Okertal im Harz, der thüringische Lauchagrund, der Gaudlitzberg, das Müglitztal waren nur einige Stationen auf dem Weg zur Wiederherstellung meiner Form.

Vorstiegskurs mit Caroline und Uta in der Sächsischen Schweiz. Die beiden Fotos halten gerade ganz spannende Momente fest. Nach zwei intensiven Tagen, an denen vor allem das Schlingenlegen und die verschiedenen Klettertechniken im Vordergrund standen, wird es nun tatsächlich Ernst. Auf dem linken Foto steigt Uta sogleich in ihren ersten im Vorstieg gekletterten Weg im Elbsandstein ein. Und im rechten Bild ist Caroline dabei, während ihres zweiten Vorstiegs ein sogenanntes Ufo zu legen. Alles sehr aufregend, vor allem für mich!

Im Juni ging es in den Wilden Kaiser, und das war für mich definitiv der zweite Jahreshöhepunkt. Ich war in diesem Gebirgskleinod noch nicht geklettert und fand mich nun in einem Paradies der Vertikalen wieder. Es gibt nicht wenige Leute, die halten die berühmten Felsen des Wilden Kaisers für die besten Klettergipfel der gesamten Alpen.

Seit 2008 bin ich Fachübungsleiter für Hochtouren und habe seitdem eine ganze Reihe von Pflichtfortbildungen absolviert. Aber diese im Wilden Kaiser gehört sicher zu den eindrücklichsten. Links Übungen im geschützten Kursgelände, rechts praktische Anwendung des Gelernten in den 7 Seillängen des „Heroldweges“.

Die ersten drei Tage dort verbrachte ich auf einer Fortbildung. Alle zwei Jahre ist die fällig, um meine Fachübungsleiterlizenz zu erhalten. Ich bin übrigens immer wieder positiv überrascht, wie professionell und engagiert diese Fortbildungen von den DAV-Bergführern durchgeführt werden. Keine Selbstverständlichkeit! Übrigens ging es um die Strategie und Taktik in langen alpinen Klettertouren. Unser Stützpunkt war das Stripsenjochhaus.

Kletterführerstudium bei Kaiserwetter und einem Glas Wein auf der Terasse des Stripsenjochhauses mit Blick auf das vom Abendlicht beschienene Totenkirchl. Besser gehts nicht!

Anschließend kam Luisa und wir hatten eine besonders großartige weil sehr intensive Zeit. Insgesamt sind wir beide 40 Seillängen geklettert und konnten mit dem „Heroldweg“, dem „Schneiderweg“ und dem „Christ-Fick-Kamin“ unter anderem auch drei Superklassiker am Totenkirchl klettern.

Links Luisa im Vorstieg in der „Via Christina“ an der Wildangerwand am Totenkirchlsockel. Rechts im ausgesetzten Quergang des „Schneiderweges“ an der Totenkirchl Nordwand (Foto: Luisa Kurowski)

Für mich ist der Erlebniswert solch komplexer alpiner Mehrseillängentouren durch nichts zu toppen. Das wird sich bei mir vermutlich auch nie ändern. Mithalten kann da eigentlich nur unser Sächsischer Sandstein. Auch dort brennen sich die Kletterwege ganz oft für immer ins Gedächtnis. Und es freut mich, dass meine alljährlichen Sandstein-Spezial-Kurse für die DAV-Sektion in Leipzig immer ausgebucht sind.

Im August war es wieder soweit. Sechs Teilnehmer haben zwei Tage lang das mobile Absichern mit Schlingen und Ufos geübt und sich sogar auch schon an erste eigene Vorstiege gewagt. Sich im Nachstieg anzuschauen, wie und wo ein erfahrener Vorsteiger Schlingen gelegt hat, ist das eine. Doch selbst gute Placements zu identifizieren und die Schlingen dort sicher aus der Kletterstellung unterzubringen, das andere. All das muss man wieder und wieder üben!

Vielleicht wird das Sächsische Bergsteigen eben doch nicht so bald aussterben. Auch wenn im Elbsandstein die alten Traditionen nach wie vor sehr hochgehalten werden und das selbst abzusichernde Klettern eine ernste Sache geblieben ist. Und deshalb ist es eine gute Idee, sich die überlebensnotwendigen Fähigkeiten bei der Absicherung durch Schlingen gründlich anzueignen.

Ich hatte jedenfalls den Eindruck, dass der ein oder andere von meinen Kursteilnehmern nicht das letzte Mal an den herrlichen Sandsteintürmen der Sächsischen Schweiz unterwegs gewesen ist.

Ein ebenfalls alljährlich im Herbst wiederkehrendes Event ist das Kennenlernwochenende für meine Nepaltour.

Mein Nepalteam für die Tour 2026 in der Häntzschelstiege links und rechts in der Rübezahlstiege. Vor allem für die Sandsteinneulinge immer ein spannendes Abenteuer.

Die Erfahrung hat gezeigt, dass besonders die Teilnehmer selbst und zwar als hoffentlich gutes Team den größten Einfluss auf den Erfolg der Unternehmung haben.

Dieses Wochenende bietet meinen Gästen die Gelegenheit, die anderen Teilnehmer, mit denen sie in Nepal wochenlang unter ungewohnten Bedingungen auskommen müssen, ausserhalb ihres Komfortbereiches zu erproben. Und natürlich muss auch ich meine Gäste kennenlernen und sie mich! 

Anschließend wissen wir alle viel besser, mit wem wir es zu tun haben werden, aber auch wie es um die eigene körperliche Fitness bestellt ist. Und deshalb gibt uns dieses Wochenende nicht zu letzt eine Reihe von Anhaltspunkten, was bis zur Abreise diesbezüglich noch getan werden muss.

Abendessen in unserer gemütlichen Boofe. Rechts: Bevor es in die Vertikale geht, muss natürlich noch das Wiederrunterkommen geprobt werden.

Das Jahresende stand ganz im Zeichen des Sportkletterns. Denn es ist ja so: Will man seine Fähigkeiten und seine Ausdauer beim Klettern verbessern, so wird das ganz sicher nicht gut funktionieren, wenn man ausschließlich in schlecht abzusichernden Abenteuerrouten im Elbsandstein oder in alpinen Klassikern in den Alpen klettert. Und das gilt natürlich auch für mich, der ich ja am liebsten in solchen Routen unterwegs bin, denn sie bieten für mich nun mal den höchsten Erlebniswert.

Die herrlichen, um die 200 m hohen Wände über Leonidio sind ein Tummelplatz für wärmeliebende Kletterer aus der ganzen Welt.

Nichtsdestotrotz habe ich mich sehr darauf gefreut, mit meinen Berliner Freunden in das griechische Leonidio zurückzukehren. Dort kannte ich mich ja von meinem ersten Aufenthalt 2022 schon ganz gut aus und wusste, wie großartig es sich dort lebt und klettert. Und weil es mir dort wieder ganz ausgezeichnet gefallen hat, habe ich sogar einen eigenen Blogbeitrag zu Leonidio geschrieben.

Links klettere ich die Route „Draculine“ im Sektor Hot Rock (Foto: Friedrich). Rechts klettert mein Patensohn Jacob in der herausfordernden 2. Seillänge der Route „Ramisi Rock an der Kokkinovrachos im Sektor Right of the Flag.

Ganz am Jahresende stand dann noch ein weiteres sehr angesagtes Sportklettergebiet auf dem Programm. Denn natürlich gehört es nicht nur zu meinem Job, halbwegs gut zu klettern. Ich sollte auch wissen, wo man das gut machen kann. Und Sportklettern ist nun mal sehr populär. Von verschiedenen Seiten hatte ich gehört, das Geyikbayiri an der türkischen Rivera nahe Antalya eines der besten Sportklettergebiete der Welt sei. Ich gestehe, dass ich diesen Namen noch nie gehört hatte.

Also galt es, diese Charte des Nichtwissens auszumerzen. Deshalb brach ich mit drei Freunden in der zweiten Dezemberhälfte in die Türkei auf. Doch ich will hier nicht zu viel verraten, weil ich auch über Geyikbayiri einen eigenen Artikel schreiben möchte. Denn eines steht tatsächlich fest. Die Sportkletterregion rund um Antalya ist tatsächlich eine Reise wert und zwar nicht nur wegen der Felsen.

Links der Blick von den Kletterfelsen auf das nur eine halbe Autostunde entfernte Antalya mit seinen Stränden und der sehenswerten Altstadt. Rechts schauen wir auf einen winzigen Teil des kilometerlangen Hauptriegels. Die Zustiegszeit von unserer Unterkunft zu den ersten Routen-Einstiegen betrug 120 Sekunden. So etwas lieben Sportkletterer. Bis um 10.00 schlafen und schon eine halbe Stunde später klettern.

Und was wird nun von diesem Jahr bleiben? Die Frage nach den Dingen im Leben, die Bedeutung haben, steht ja noch im Raum. Vermutlich sind die Antworten so vielfältig, wie die Menschen selbst. Doch die zweifellos glücklichsten Leute, die ich traf, waren immer die, welche von ihren Familien und ihren tollen Kindern und Enkeln schwärmten.

Ich jedenfalls habe in diesem Jahr besonders deutlich gespürt, wie wichtig Freunde sind. Wären sie in diesem Jahr nicht gewesen, wer weiß, wie es ausgesehen hätte.

Ich wünsche meinen Lesern, Zuhörern und Gästen ein gesundes und friedliches neues Jahr voller Zuversicht, Zufriedenheit, glücklich machenden Momenten, neuen Perspektiven, inspirierenden Erlebnissen und vor allem verlässlichen Freunden an ihrer Seite.

 

 

 

 

 

 

 

Das könnte dich auch interessieren …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen