Maurice Wilson 4, Sein Ende

Am frühen Morgen des 29. Mai 1934 wollte Rinzing nach Wilson sehen. Doch der war schon seit Stunden unterwegs. Bei Tagesanbruch konnte er einen kleinen Punkt erkennen, der sich in etwa 6700 m Höhe langsam aber stetig den steilen Hang in Richtung Nordsattel hinauf kämpfte. Das war der letzte Tag, an dem er lebend gesehen wurde.

Wilson hatte seine beiden Helfer gebeten, zehn Tage im Lager 3 auf ihn zu warten. Sein letzter Tagebucheintrag stammt vom 31. Mai. Dort steht: „Auf gehts, ein großartiger Tag!“ 

Bis heute ist nicht geklärt, wie weit Wilson tatsächlich am Everest gekommen ist. Aber das ist nicht das einzige Geheimnis, welches Wilson mit in den Tod genommen hat. Das größte Mysterium ist der Fundort seiner Leiche.

Ein Jahr später waren wieder Briten auf einer Erkundungsexpedition unter Eric Shipton an der Nordseite des Everest unterwegs. Am 7. Juli 1935 erreichte eine siebenköpfige Gruppe das Gletscherbecken unter dem Nordsattel. Der Kinderarzt Charles Warren entdeckte am 9. Juli als erster die Leiche Wilsons. Ein Kocher stand neben ihm, einige Schritte weiter ragten die Überreste eines Zeltes aus dem Schnee. Sie fanden auch seinen Rucksack in dem das unversehrte Tagebuch steckte. Merkwürdigerweise wurde aber gerade sein Schlafsack nicht gefunden. Sie wickelten ihn in die Zeltplane und warfen ihn und seine komplette Ausrüstung in eine Gletscherspalte. Nur das Tagebuch nahmen sie an sich.

Der Everest von Südwesten. Wir sehen sehr schön den Nordsattel und die beiden Grate der Nordroute.

Wilson war also zurück bis ins Lager 3 gekommen. Warum ist er dort gestorben? Hatten seine beiden Helfer also nicht auf ihn gewartet, sondern waren noch am 29. Mai oder am Tag darauf abgestiegen? Oder war Wilson so lange hoch oben am Berg unterwegs, dass die zehn Tage längst verstrichen waren, als er wieder das Lager 3 erreichte? Doch warum haben sie ihn dann nicht gesehen?

Nach den Aussagen von Rinzing und Tewang warteten sie die vereinbarte Zeit im Lager 3 auf Wilson. Aber von hier aus ist sowohl die Wand unter dem Nordsattel als auch der untere Teil des Nordgrates gut einsehbar. Sie behaupteten beide, Wilson nach dem 29. Mai nicht mehr gesehen zu haben. Warum sollten sie lügen? Weil sie doch sofort abgestiegen sind? Und wenn sie die Wahrheit sagten, wo war Wilson in dieser langen Zeit?

Sir Georg Everest (Foto: Wikipedia)

Ob Wilsons Helfer tatsächlich unverzüglich nach Rongpu zurückkehrten oder warteten, ist bis heute nicht geklärt. Unklar ist auch, wann Wilson nun tatsächlich starb und weshalb. Sicher dagegen ist, dass er in der relativen Sicherheit von Lager 3 und nicht irgendwo hoch oben am Berg ums Leben kam. Er lag keine 200 m vom Lebensmitteldepot entfernt, von dem er ja wusste und dass er auch schon genutzt hatte.

Bis heute wird spekuliert, wie es gewesen sein könnte. Und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Wilson tatsächlich über den Nordsattel hinaus gelangt ist, und dann rechts vom Nordgrat höher stieg, so dass er von unten nicht gesehen werden konnte. Dann aber musste er umkehren. Fast seine gesamte Ausrüstung liess er womöglich in dem Glauben zurück, dass Rinzing und Tewang auf ihn im Lager 3 warteten.

Doch niemand war da außer ein leeres Zelt. Vermutlich starb Wilson kurz nach seiner Rückkehr ins Lager 3 an Erschöpfung.

Nachdem sie noch zwei Wochen vergeblich im Kloster Rongpu auf Wilson gewartet hatten, kehrten seine drei Helfer nach Darjeeling zurück. Hier wurden sie von der Polizei verhört, aber man bestrafte die drei nicht, obwohl sie Wilson bei seiner illegalen Grenzüberschreitung nach Tibet geholfen hatten. Nun drang auch die Nachricht vom Tod Wilsons in die Welt. Am 17. Juli 1934 erschien die erste unbestätigte Nachricht zu seinem Schicksal in der TIMES. Noch ein letztes Mal stand er ganz weit oben im Interesse der Medien. Aber Wilson wurde nicht verurteilt, sondern man würdigte größtenteils seine Tapferkeit, seinen Mut und seine Kühnheit.

Wilson litt ganz sicher an Selbstüberschätzung und einer kindlichen Sorglosigkeit gegenüber den Realitäten am Everest. Weshalb das offensichtlich so war, wird mir ein Rätsel bleiben, denn er kannte die Beschreibungen seiner Vorgänger genau. Er hatte alles gelesen über die erbarmungslosen Bedingungen in großen Höhen, über Lawinen, Kälte, Höhenkrankheit und die vielen Toten. Er wusste, das seine Vorgänger die besten und erfahrensten Alpinisten ihrer Zeit waren.

Der neuseeländische Imker Edmund Hillary und der Sherpa aus Thame, Tensing Norgay bestiegen als erste am 29. Mai 1953, 19 Jahre nach Wilson im Rahmen einer britischen Großexpedition unter dem Armeeoffizier John Hunt den Everest von Süden. (Foto: Wikipedia)

Selbst heute noch fast 90 Jahre später, wird ein Alleingang auf den Everest ohne Lagerkette, Fixseile und Sauerstoffdepots ganz schnell zu einem geradezu selbstmörderischen Unterfangen. Genau genommen ist solch ein Alleingang zumindest auf den beiden Normalrouten gegenwärtig gar nicht mehr möglich. Schon allein die Ankündigung eines solch kühnen Unternehmens macht heutzutage den zukünftigen Everestaspiranten zum Medienstar.

Umso undurchführbarer war ein solcher Plan zu Wilsons Zeiten. Dennoch ist Wilson mir zutiefst sympathisch. Seine Geschichte berührt mich sehr. Er hat das Unmögliche versucht und ist nach den Kategorien, mit denen wir die Welt bewerten, grandios gescheitert. Doch was wäre, wenn diese Kategorien heutzutage längst überholt sind, wir Menschen das aber nicht verstehen oder nicht wahrhaben wollen? Wenn die Motive einer Tat und das „WIE“ ihrer Ausführung viel wichtiger und wertvoller wären als das Resultat selbst?

Wilson war tatsächlich seiner Zeit um Jahrzehnte voraus, wie ich eingangs schrieb. Vielleicht hat er das selbst schon geahnt, denn in seinem Tagebuch findet sich der Satz: „Wenn ich den Everest nicht besteige, wird er in meiner Generation gar nicht mehr erstiegen“. Damit sollte er Recht behalten.

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2 Antworten

  1. Christian Pech sagt:

    Eine tolle, spannende und auch tragische Geschichte!
    Habe mir inzwischen das Buch darüber besorgt und bin schon gespannt darauf, alles noch ausführlicher zu lesen.

  2. Max sagt:

    Hallo Olaf,

    auch hier noch einmal besten Dank für das Verschriftlichen, sehr lesenswert und kurzweilig, die ganze Geschichte.
    Ich bewundere den grenzenlosen Optimismus dieses Mannes, neige aber dazu, zu behaupten, dass er viel Glück hatte und schon wesentlich eher, mehrmals, hätte sterben können. Wie er zu damaliger Zeit mit entsprechender Ausrüstung zwei Nächte am Stück am Berg überlebt hat, ist für mich schon ein kleines Wunder! Oo
    Schade, wie immer bei solchen Geschichten, finde ich, dass die Umstände seines Todes nicht geklärt werden können und, dass man seine Leiche einfach in ne Gletscherspalte wirft, Stichwort Pietät.

    Amüsant ist auch die Bildunterschrift zu Hillary, dem Imker. Anscheinend ist der everest doch gar nicht so schwer zu besteigen, wenn das auch normalen Berufszweigen gelingt 😀

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