Existenz Angst 2020

Es ist Weihnachten. Sie sitzt mir gegenüber. Aufrecht, aufmerksam, bescheiden. 93 Jahre ist sie alt. Um sie herum wird geredet. Meist über Dinge, die nicht passieren konnten wegen diesem Virus. Ich würde gern über die Dinge reden, die geschehen sind. Und zwar im Leben dieser Frau, die mich gerade ansieht. 1927 ist sie geboren. Was könnte sie uns alles berichten! Sie hat den Nationalsozialismus, den Krieg, die Hungerjahre nach dem Zusammenbruch, den real existierenden Sozialismus, die Wende und die 30 Jahre danach bewusst erlebt. Wieviel hätte sie uns zu sagen, gerade in diesem merkwürdigen Jahr, dass uns einiges vor Augen geführt hat.

Und dann fängt sie auf unsere Bitte hin doch an, zu erzählen. Von den Bombennächten im Keller und der Todesangst vor einem Volltreffer. Vom letzten Brief ihrer ersten Liebe von der Ostfront. Er schrieb, dass die Russen ihre Einheit eingekesselt haben und er nicht zurückkehren werde. Von den 140000 Obdachlosen nach einer einzigen Bombennacht in ihrer Heimatstadt. Von der Not nach dem Zusammenbruch, wo mit Briketts bezahlt wurde und die Stadtmenschen ihr Hab und Gut zu den Bauern schaffen mussten, für Rüben und Kartoffeln.

Links Daniela im Februar während unserer Eiskletterwoche in den Hohen Tauern und rechts Claudia im März auf dem Gipfel des 6169 m hohen Nirekha Peaks. Im Hintergrund der Mount Everest.

Plötzlich sehe ich das gerade vergehende Jahr in völlig anderem Licht. Mir bleibt das Jammern regelrecht im Halse stecken. Und dabei meinte ich, ein paar gute Gründe dafür zu haben, bin ich doch in der Reise- und Veranstaltungsbranche zu Hause. Aber es geht nicht mehr. Nicht ein einziges Wort des Selbstmitleids wird in diesem Rückblick auf mein Jubiläumsjahr über meine Lippen kommen, weil es einfach keinen echten Grund dafür gibt!

20 Jahre ist es her, seit ich mich am 1. August 2000 selbstständig gemacht habe. Es war als Versuch gedacht, mein Dasein als Vollzeit-Reisender noch ein wenig zu verlängern. Was das Reisen anbetraf, gab es schließlich eine Menge nachzuholen. 

Mit Bernd am Mont Blanc im Juni. Hier das erste Biwak am sogenannten Junctions Point.

Die ersten Jahre waren ein ständiger Kampf gegen meine Selbstzweifel, gegen die Zweifel meiner besorgten Eltern und den finanziellen Ruin. Doch mit der Zeit wurde es besser. Hartnäckigkeit und Disziplin zahlte sich irgendwann aus. Ich eroberte Berge, Sponsoren und eine treue Stammkundschaft. Es gab immer mehr Leute um mich herum, die wollten, dass es mich weiter gibt. Und genau das hat mich auch über dieses gerade zu Ende gehende Jahr gebracht.

Als es begann, spukte das Virus lediglich als Randnotiz durch die Gazetten. Es versprach, ein echtes Turbojahr für mich zu werden. Im Januar und Februar waren gleich vier einwöchige Eiskletterdurchgänge fest gebucht. Außerdem freute ich mich über vier Honorarvorträge und im März auf die Trekkingtour und den Nirekha Peak in Nepal mit meinen Gästen. Meine beiden Hauptprobleme waren, dies alles in den drei ersten Monaten des Jahres unter einen Hut zu bringen und das Korsett, welches ich wegen der Frakturen meines 9. und 10. Brustwirbels diese ganze Zeit tragen musste.

Mit Mario am Gipfel des Ortlers bei unserer Überschreitung im August.

Während ich in Nepal versuchte, unsere Tour trotz der immer besorgter klingenden Nachrichten unbeirrt durchzuziehen, wurde Deutschland “heruntergefahren”. Lock Down! Das klang für uns in Nepal ziemlich unwirklich. Und natürlich hatte das auch Auswirkungen auf uns. Wer wollte, konnte die Reise trotzdem zu Ende bringen, und ich habe einmal mehr viel über Menschen auf dieser Tour gelernt.

Meine wichtigste Lektion war aber die, dass wir dort in Nepal saßen, und es jemanden gab, der sich in der fernen Heimat darum kümmerte, uns nach Hause zurückzubringen. Für mich war das eine außergewöhnliche Erfahrung, für andere die pure Selbstverständlichkeit. Vermutlich muss man so wie ich sein halbes Leben in Pakistan, Nepal, Indien oder China verbracht haben, um das Privileg, in einem Land wie Deutschland leben zu dürfen, überhaupt richtig einordnen und vor allem schätzen zu können.

Mit Tom und seinem Freund bei unserem Auffrischungskurs an den Katzensteinen im September.

Dann die Rückkehr nach Deutschland in den “harten” Lock Down. Ich konnte mir das von Nepal aus nicht so recht vorstellen. Wieder in Leipzig stellte ich fest, dass sich dadurch bei mir im täglichen Leben nicht so viel einschneidendes geändert hatte. Homeoffice ist für mich, zumindest wenn ich in Leipzig bin, seit 20 Jahren Normalität. Ich trieb Sport, ging einkaufen. So wie gerade jetzt auch. Das Problem waren meine Einnahmen. Gleich für fast drei Monate gingen sie gegen Null. Alle geplanten Firmenvorträge wurden storniert. Meine Nepalgäste für 2021 sagten einer nach dem anderen ab. Wir konnten nicht Klettern gehen.

Und wieder gab es jemanden, der sich kümmerte und half und das auch noch extrem unbürokratisch und überraschend schnell. Ich als Soloselbstständiger konnte einen “Sofort-Hilfe-Zuschuss” vom Bund beantragen. Mir kam das völlig illusorisch vor. Und doch wurde dem Antrag stattgegeben, wofür ich außerordentlich dankbar bin. Ich musste permanent an meine nepalesischen und pakistanischen Freunde denken. Wer würde ihnen helfen?

Mit Urs beim Vorstiegskurs im Donautal im September.

Dann begann ein anstrengender Sommer. Wie entfesselt wollten die Leute raus, ich war soviel unterwegs wie selten. Zwei Mal Mont Blanc, Ortlerüberschreitung, Klettern im Bergell, im Val di Mello und in Ailefroide, Mehrseillängenkurs im Oberreintal, Aufbaukurse im Erzgebirge und im Donautal. Ich war von Mitte Juni bis Ende August kaum zehn Tage zu Hause.  

Das bin ich nun umso mehr. Und das Zuhausesein fällt mir nicht schwer. Im Gegenteil. Doch vor allem ist es nötig. Und das meine Winterfelle wohl davon schwimmen werden? Drei Durchgänge Eisklettern? Nepal? Vorträge? Das ist eben gerade nicht zu ändern. Irgendwie geht es immer weiter und Jammern hilft nicht.

Die alte Dame hat mir dabei geholfen, diese Dinge gelassener zu sehen. Wir haben die Zeit vergessen an diesem Weihnachtsabend. Was für ein Privileg, der alten Frau lauschen zu dürfen! Es wäre gut, wenn wir uns alle wieder mehr zuhörten. Es macht mir Spaß, Gedanken auszutauschen, Sichtweisen, Erfahrungen und Argumente. Und wenn irgendwo die Wahrheit aufblitzt, werde ich meine Meinung ändern, wenn ich erkennen muss, dass sie falsch war. Und ich werde mich darüber freuen, denn das ist ein Gewinn und keine Niederlage.  

Liebe Leser, liebe Freunde und Unterstützer, für das neue Jahr wünsche ich uns Tatkraft, Unternehmungslust und eine Menge Freude an den vielen schönen Dingen des Lebens. Ich wünsche uns spannende Leute, die unseren Weg kreuzen, uns inspirieren und uns helfen, den richtigen Weg zu finden. Und natürlich die eiserne Gesundheit, um all das auch gebührend genießen zu können! 

Also, immer schön negativ bleiben 🙂

Olaf Rieck

 

 

13 Antworten

  1. Ja, danke kluge Worte! Dann auf ein Neues 2021, zunächst mit Abstand, lieber Olaf, liebe Bergfreundinnen und Bergfreunde!

  2. Bernd Bienia sagt:

    Klasse berichtet und mutig auf den Punkt gebracht.

  3. Barbara Heitzmann sagt:

    Sehr schöner Text! Danke. Alles Gute für 2021.

  4. Claudia Friedrich sagt:

    Lieber Olaf,
    Wie immer, Du findest die richtigen Worte zum Zeitpunkt und es ist genau diese Art von Besonnenheit, die es so angenehm macht, mit Dir unterwegs zu sein.
    Wünsch‘ Dir alles Gute für 2021!

  5. Bernd Bleck sagt:

    Lieber Olaf,
    sehr schön geschrieben als Jahresrückblick. Ich wünsche Dir trotzdem ein besseres 2021 und bleib gesund!

  6. Veronica sagt:

    Wie bei allen deinen News finde ich es auch bei dieser irgendwie schade, am Ende angekommen zu sein. Ich würde lieber noch weiterlesen …..

  7. Petra Klemann sagt:

    Lieber Olaf,

    ich kann mich Deiner Sicht auf die aktuellen Dinge nur anschließen und – das nächste Jahr wird ohnehin besser 🙂 … in diesem Sinne einen guten Rutsch und für 2021 nur das Allerbeste … herzliche Grüße von mir

  8. Bernd Schumann sagt:

    Auch mir geht es ähnlich, wobei es bei mir die Motorradtouren sind, die mir fehlen. Aber prinzipiell geht es den meisten Menschen in unserem Land gut! In der Regel ein Dach über dem Kopf, Essen und Trinken vorhanden, relative soziale Sicherheit und ein im großen und ganzen funktionierendes Gesundheitswesen! Sicher waren die Aussagen und Regelungen durch unsere Politiker oft suboptimal, aber wer seinen eigenen Kopf gebraucht hat, wusste, dass viele Regeln wichtig waren!

  9. Dunia sagt:

    Wunderbare Reflektion!
    Wollen wir die Hoffnung auf ein besseres Jahr bestärken!
    In diesen Sinne, ein gesundes , glückliches und erfolgreiches neues Jahr! Viele Grüsse aus der Ferne

  10. Detlef Weyrauch sagt:

    Ein sehr schöner Rückblick. Da auch ich Länder wie Nepal, Bolivien, Tansania, Südafrika besucht habe, weiß ich zu schätzen, wie gut es uns in Deutschland geht. Deshalb ist Optimismus auch in Bezug auf die weitgehende Überwindung der Folgen des kleinen Virus angesagt. Ich wünsche dir und Janina ein gutes neues Jahr mit der Hoffnung, deinen Hidden-Peak-Vortrag erleben zu können. Darf man fragen, wer die alte Frau ist?

  11. Jana sagt:

    Lieber Olaf,
    es ist sehr schön, dass du versuchst die Sicht der Dinge ins Positive zu kehren. Sicher war das letzte Jahr nicht einfach, viele schimpfen und lassen kein gutes Haar an unserer Regierung und meinen, dass alles falsch war und/oder ist. Aber wie geht es besser?
    Es stimmt schon, dass wir alle uns glücklich schätzen können, hier in Deutschland leben zu dürfen, nicht im Krieg zu sein, nicht Haus und Hof zu verlieren. Das muss wirklich unvorstellbar schlimm sein. Und ja: wir haben ein Dach überm Kopf, meist ein Auto und genug Geld für Urlaub. Und trotzdem erwischt es viele Menschen in dieser verrückten Zeit schlimm. Nicht mal so sehr materiell. Eher sozial.
    Als Arzt sehe ich bei der Arbeit jeden Tag Menschen, die wegen Corona und nicht an Corona zugrunde gehen, die vereinsamen, schwerst depressiv werden, weil sie nicht mehr raus dürfen, keine Mitmenschen mehr treffen können, sozial benachteiligt werden, häuslicher Gewalt ausgesetzt werden, Kinder ohne ein Mindestmaß an Unterstützung, alte Menschen, die mutterseelenallein sterben müssen, weil sie wegen Corona nicht mal in den Palliativstationen von den nächsten Angehörigen in den letzten Atemzügen begleitet werden dürfen. Chronisch kranke Patienten, die sich seit Monaten nicht zum Arzt trauen, voller Angst, sich in den Praxen mit Corona anzustecken, die dann keine Tabletten mehr holen und darum dekompensieren und oft zu spät Hilfe bekommen. Diese Menschen leiden wegen Corona und nicht an Corona, die sind die Verlierer dieser Zeit. Bei allem Optimismus darf man das nicht vergessen und vor allem in solchen Fällen nicht wegsehen. Miteinander reden ist das eine, was man tun kann. Aktiv ansprechen und handeln das andere.
    Ich freue mich sehr für dich, dass du weiterhin voller guten Mutes bist und wünsche uns allen, dass dies alles bald ein Ende findet. Die Berge rufen! Wäre echt schön, wenn wir uns dort alle bald wieder sehen können, ohne Abstand, ohne Mundschutz, dafür mit offenen Armen und einem Lachen in den Augen!
    Alles Gute für dich/euch fürs neue Jahr!
    Liebe Grüße
    Jana

    • Olaf Rieck sagt:

      Liebe Jana,
      vielen Dank für diesen besonders eindringlichen Kommentar. Du bist in Deinem Beruf viel näher dran an den Problemen, welches dieses Virus, neben seiner Eigenschaft, Leute krank zu machen, außerdem noch verursacht. Wie sollten wir Stubenhocker auch etwas davon mitbekommen? Mich wundert, wieso dieser Aspekt so wenig artikuliert wird.
      Liebe Grüße zurück in das derzeit besonders ferne Bayern

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