Liegestütz beim Liebesakt

Nicht weniger als der “beste Bergsteiger der Welt” wollte Cesare Maestri nach seinen eigenen Worten sein: “Selbst beim Liebesakt machte ich noch Liegestütze, um meine Muskeln zu trainieren”. Nun ist er in dieser Woche im Alter von 91 Jahren gestorben. Seinen eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, war sicher schwierig zu seiner Zeit. Zu groß war damals die Konkurrenz solcher Alpintitanen wie Walter Bonatti, Carlo Mauri, Lionel Terray, Ricardo Cassin und wie sie alle hießen. Was Maestri aber auf jeden Fall geschafft hat, war, einer der schillerndsten und umstrittensten Alpinisten der Welt zu werden. Und das lag an seiner Obsession für den Cerro Torre.

Cesare Maestri

Maestri wurde 1929 in Trient als Sohn eines Theaterschauspielers geboren. Er verlor schon früh seine Mutter. Während des Krieges schloss er sich fast noch als Kind den Partisanen an, nachdem sein Vater von den deutschen Besatzern zum Tode verurteilt wurde und in den Untergrund flüchten musste. Nach Kriegsende ließ sich die Familie in Rom nieder. Maestri begann, Kunstgeschichte zu studieren und schloss sich der Kommunistischen Partei an. Doch schon mit 18 Jahren kehrte er in seine Heimat Trient zurück. Hier widmete er sich intensiv der Kletterei und machte schon bald mit schwierigen Erst- und Solobesteigungen auf sich aufmerksam. Schon bald gehörte “Die Spinne der Dolomiten” wie er auch genannt wurde, zu den besten Kletterern seiner Zeit.

1957 reiste er zum ersten Mal mit einer von Bruno Detassis geleiteten Expedition nach Patagonien zum Cerro Torre. Doch man befand eine Besteigung als zu riskant und brach die Unternehmung ab, ohne auch nur einen ernsthaften Versuch unternommen zu haben. Das muss Maestri damals mächtig gewurmt haben, zumal der große Walter Bonatti gemeinsam mit Carlo Mauri auf der Westseite des Berges zu genau der gleichen Zeit eine beachtliche Höhe erreicht hatte. Maestri schwor sich damals, den Cerro Torre nicht einfach so abzuschreiben.

Schon im darauffolgenden Jahr kehrte er zum Cerro Torre zurück. Anfang 1959 begann er zusammen mit Cesarino Fava und dem Tiroler Eiskletterspezialisten Toni Egger eine Besteigung über die Nordwand. Nach den Angaben von Maestri erreichten er und Egger am 31. Januar 1959 den Gipfel. Beim Abstieg stürzte Toni Egger in den Tod. Dabei ging die Kamera verloren, auf welcher die Beweisfotos des Gipfelerfolges angeblich enthalten waren.

Wir schauen auf die Süd- und die beleuchtete Ostwand des Cerro Torre. Nördlich von ihm, hier rechts der Torre Egger und noch weiter rechts die Punta Herron.

Ab dem Ende der Sechziger Jahre wurden die Berichte Maestris immer stärker in Zweifel gezogen. Er hatte sich in Widersprüche bei seinen Schilderungen verstrickt und vor allem wurden bei Versuchen, seine Route zu wiederholen, keinerlei Spuren seiner Besteigung gefunden. Angeblich hatte er Ausrüstung in der Felswand zurückgelassen, die aber nie entdeckt wurde. Es gab auch keine Seil- oder Hakenreste. Auch das Argument, dass Anfang 1959 der Cerro Torre von einer Eisschicht überzogen gewesen sein soll, ließ die Zweifler nicht verstummen. Mit der damaligen Ausrüstung und dem Kletterkönnen zu dieser Zeit waren die extrem schwierigen Steilwände auch im vereisten Zustand einfach nicht überwindbar.

Doch es gab nicht nur Zweifler. Es ging sogar soweit, dass mehrfach Leute loszogen, um Maestris Ehre wieder herzustellen wie der Osttiroler Toni Ponholzer ein Landsmann und Bewunderer von Toni Egger. Er versuchte alles, um Beweise für die Besteigung von Egger und Maestri zu finden. 30 Bohrhaken, gab Maestri an, habe er ganz oben per Hand in die Wand geschlagen. Nie wurde einer davon gefunden, nicht von Ponholzer und auch von keinem anderen. Aus den Zweifeln wurde Gewissheit. 

Übrigens wurde die “Maestri-Egger-Route” von mehr als 20 Expeditionen 46 Jahre lang erfolglos versucht. Das ist insofern bemerkenswert, weil ja die Ausrüstung in dieser Zeit ständig verbessert worden ist. Erst am 12. und 13. November 2005 konnten Alessandro Beltrami, Ermanno Salvaterra und Rolando Garibotti den Cerro Torre über die Nordwand besteigen und so die Maestri-Egger-Route zum ersten Mal “wiederholen”.

Der Cerro Torre in Bildmitte aus westlicher Richtung vom patagonischen Inlandeis aus gesehen.

Weil die Zweifel und die Kritik in der Öffentlichkeit an Maestri immer lauter wurden, kehrte Maestri elf Jahre später schäumend vor Wut zum Cerro Torre zurück. Er wollte seine Erstbesteigung “wiederholen” und seine Kritiker endgültig zum Schweigen zu bringen. Doch genau das gelang ihm eben nicht. Ganz im Gegenteil! Er ging an die Südostflanke und bohrte sich mit Hilfe eines benzinbetriebenen Kompressors und etwa 360!! Bohrhaken den Berg hinauf, scheiterte aber wegen der extrem widrigen Wetterbedingungen. Nur wenige Monate später kehrte er ein viertes Mal nach Patagonien zurück und erreichte am 2. Dezember 1970 mit zwei Partnern den Eispilz am Ende der Südostwand.

Hier brach er die Besteigung ab, weil er die instabile Raueiskappe des Cerro Torre nicht klettern konnte. Kurzerhand erklärte er, dass er diese Eishaube nicht als Gipfel betrachtete. Er sah den Berg als bestiegen an und meinte, dass damit seine Ehre wiederhergestellt sei und er nun über jeden Zweifel erhaben wäre. Doch das genaue Gegenteil geschah. Er hatte weder seine Erstbegehung wiederholt, noch war er auf den höchsten Punkt gelangt. Am meisten aber wurde der massive Materialeinsatz kritisiert, welcher aber auch gar nichts mehr mit Klettern zu tun hatte. Maestri blamierte sich mit dieser Aktion nicht nur bis auf die Knochen, er hat sich auch lächerlich gemacht und mit seinen beiden Vorstößen am Cerro Torre zwei in der Alpingeschichte beispiellose Unternehmungen hinterlassen.

Der berühmte Kompressor Cesare Maestris hängt bis heute in der Südostwand eine Seillänge unterhalb des Gipfeleispilzes. Heute dient er als einer der wohl bequemeren Standplätze am Torre. Ich finde ja, dass auch er nicht dort hingehört. (Foto: Kristoffer Szilas, Quelle: Wikipedia)

Maestris “Kompressor-Route” gelangte noch zwei Mal in die Schlagzeilen der alpinen Weltpresse. Zuerst nachdem am 16. Januar 2012 zwei Nordamerikanern, Hayden Kennedy und Jason Kruk, die erste Durchsteigung des Südostwand auf der Kompressor-Route weitgehend in freier Kletterei gelang. Die Schlüsselstelle aber durchstiegen auch sie technisch und benutzten dabei die Haken Maestris. Beim Abstieg jedoch schlugen die beiden den größten Teil der von Maestri eingebohrten Haken ab. Damit riefen die zwei Amerikaner in der weltweiten Kletterergemeinde gleichzeitig einen Sturm der Entrüstung als auch großen Zuspruch hervor. Fest steht, dass mit der Entfernung der Bohrhaken Maestris der Cerro Torre ein Teil seiner Ursprünglichkeit wiederbekommen hat und die Besteigungszahlen seitdem zurückgegangen sind.

Der Anlass für das zweite Mal war die erste komplett freie Begehung der Kompressor-Route durch David Lama und Peter Ortner am 21. Januar 2012. Die Schwierigkeit dieser Route bewerteten sie mit 9+/10- UIAA. Allerdings hatte diese an sich grandiose Leistung nicht nur einen Haken! Sie löste sogar einen handfesten Skandal aus und ein gewaltiger Shitstorm fegte über die beiden Bergsteiger und das Projekt des Brauseherstellers Red Bull hinweg. Der Grund waren wiederum haufenweise Bohrhaken, die in den Fels des Cerro Torre getrieben wurden, nur um diversen Kameraleuten die filmische Dokumentation dieser alpinistischen Großtat zu ermöglichen.

Maestri selbst hielt trotz der immer massiver untermauerten Zweifel an seiner Begehung tatsächlich Zeit seines Lebens daran fest, der Erstbesteiger des Cerro Torre zu sein. Nun hat er das Geheimnis, was damals im Januar 1959 wirklich am Cerro Torre geschah, mit ins Grab genommen. Hoffentlich hat er wenigstens jetzt seinen Frieden.

Farewell Cesare…

7 Antworten

  1. Erhard Klingner sagt:

    Es fehlt in Deinem schönen Text die “Wiedergutmachung” von David Lama.

  2. Christian Pech sagt:

    Hallo Olaf,
    ich glaube Erhard will auf folgendes hinaus:
    Für den Besteigungsversuch mit dem Filmteam vom Hauptsponsor gab es heftigste Kritik. Es wurden dafür Fixseile verlegt und zusätzliche Bohrhaken gesetzt. Das schlechte Wetter verhinderte eine Besteigung.
    Dann war er wieder am Torre, wieder mit Filmteam und gemeinsam mit Ortner konnte die Kompressorroute geklettert werden. Beim Abseilen sah er dann eine mögliche Freiklettervariante. Diese wurde dann 2012 durchstiegen. Das meint Erhard mit der “Wiedergutmachung”.
    Nachlesen kann man das in diesem Artikel: https://bergsteiger.de/bergszene/reportagen/david-lama-die-linie-am-cerro-torre
    Kennst Du den Film “Cerro Torre – Nicht den Hauch einer Chance”? Da geht es um diese Besteigungen.

    • Olaf Rieck sagt:

      Hallo Christian,
      den Film kenne ich, den Artikel nicht. Doch wieso sollte das eine Wiedergutmachung für die vielen neuen Bohrhaken für ein Filmteam sein? Wie gesagt, geht es hier um den kürzlich verstorbenen Cesare Maestri und am Rande um den Grund für das nochmalige Auftauchen der unseligen Kompressorroute in der alpinen Weltpresse. Beste Grüße Olaf

  3. Erhard Klingner sagt:

    Ich habe mich nur in die Lage von David Lama versucht zu versetzten, wenn er Deinen Artikel gelesen hätte, lieber Olaf! Im Übrigen war der Text wie alle wieder ganz gut und informativ geschrieben, wie alle. Und natürlich mit ganz tollen Bildern, gratuliere!!

  4. Fritz sagt:

    So oft krabbelte es mir in den Fingern, aber ich habe es gelassen. Hallo Olaf, wie immer sehr gut recherchiert, respekt und das ist Deinem Anspruch zu schulden. Jedoch gern weggeschoben, man dürfte sagen, in die 3. Person gehievt, damit es keine Meinungsbildung im direkten Sinn ergibt. Respekt. Das bedarf schon einer besonderen Fähigkeit. Die da bedeutet, andere (Meinungen) zulassen aber die eigene in den Vordergrund heben oder gar als richtig zu be”messen” und einer gewissen Gültigkeit zu unterziehen. Hier bemächtigst Du Dich derer, die irgendwann mal vor Ort waren (das sind eher die wengigen) und derer, die sich für den Bergsport intressieren und ggf. sich von diesen Themen angezogen fühlen. Mein Ärgernis liegt in der kollektiven Verlogenheit, die Menschen verbindet, die sich fernab am Berg am Ende doch einen Wettkampf liefern und dort vereint sind. Und das rückwärtsgerichtet. Die neue Generation von Bersportenthusiasten hat enormes hervorgebracht, auch wenn Du es abfällig Brausehersteller nennst. David Lama war begnadet und vielleicht liegt hier der Neid zwischen dem, was ihr “alten Hasen” meint, euch erarbeitet zu haben. Mir fehlt der Respekt, was im Bergsport ohne wirkliche Öffentlichkeitsarbeit passiert, also einfach so. Aber sicher wirst du das nicht unkommetiert lassen.

    • Olaf Rieck sagt:

      Doch lieber Fritz, ich lasse das unkommentiert. Aber ich freue mich, dass Du es dieses Mal nicht gelassen hast. Jede Meinung ist hier willkommen, wenn sie denn nur freundlich, konstruktiv und verständlich ist. Herzliche Grüße Olaf

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