Schon wieder Jubiläum!

Wenn etwas lange währt, könnte es daran liegen, dass es gut ist. 20 Jahre sind es nun schon her, seit ich damit begann, Gäste durch die vielleicht spektakulärste Gebirgslandschaft auf unserem Globus zu führen. Ich denke, dieses Prädikat ist nicht übertrieben, denn nirgendwo sonst auf der Welt gibt es eine derartige Ansammlung von besonderes hohen und auch außerordentlich schönen Bergen inmitten einer für Himalajamaßstäbe gut entwickelten Infrastruktur.

Einer der berühmtesten Bergblicke auf unserem Globus. Der Everest und der Nuptse vom Kalar Pattar aus gesehen kurz nach Sonnenuntergang.

Gleichzeitig ist der Reisende in einer kulturell sehr interessanten Region unterwegs, denn auf dem Weg zum Fuß des höchsten Berges der Welt durchwandert er das Siedlungsgebiet des weltberühmten Bergvolkes der Sherpa. Es gibt also nicht nur Berge sondern auch Klöster, Stupas, Chorten zu entdecken und garantiert spannende Begegnungen mit diesen außergewöhnlichen Menschen zu erleben. Es wird also buchstäblich jedem etwas geboten und dabei muss man weder auf einen wenn auch bescheidenen Komfort verzichten noch ein durchtrainierter Ausdauersportler sein.

Das tiefverschneite Kloster in Tengboche bei Nacht.

Begonnen hat meine besondere Beziehung zu meiner inzwischen zweiten Heimat schon 1990. Ich war nach dem Studium während meiner Pflichtassistenz in Schwerin auf dem Schlachthof. Eine harte Zeit für jemanden, der Tiere liebt und sich berufen fühlte, ihnen zu helfen. Die Mauer war gerade gefallen und mein ganzes Streben hatte nur ein Ziel: Endlich die Welt zu sehen. Ich las alles was ich in die Finger bekommen konnte über drei Reiseziele, die damals für mich die Welt bedeuteten.

Drei Reiseziele, die vor der Wende so fern und unerreichbar schienen wie der Mond, nun aber plötzlich zumindest theoretisch in meine Reichweite gerückt waren. Ich wollte nach Spitzbergen, Alaska und in den Himalaja. Koste es, was es wolle. Aber genau das war natürlich das Problem. Ich besaß keinen einzigen Cent. Und so begann ich schon damals darüber nachzudenken, wie man das Reisen und das Geldverdienen miteinander verbinden könnte.

Auf dem Weg zum Mera La. Im Bild der Mera Peak mit seinem 6476 m hohen Nordgipfel.

Ich fuhr nach Spitzbergen, Alaska und in den Himalaja und schon 1996 versuchte ich mich an meinem ersten 8000er. Doch bis es dann tatsächlich soweit war, dass ich genug gesehen und erlebt und mir meine eigene kleine Infrastruktur in der Everestregion aufgebaut hatte, dauerte es dann doch bis 1998.

Seit dem sind zwei Jahrzehnte vergangen. Jedes Jahr habe ich in dieser Zeit dort Gruppen geführt. Insgesamt kommen sage und schreibe 30 Aufenthalte in Nepal zusammen. Das macht insgesamt nicht weniger als fünf Jahre, die ich allein im nepalesischen Teil des Himalajas verbracht habe. Mehr als 250 Gäste waren inzwischen mit mir unterwegs, um die 20 Prozent von ihnen sogar mehrfach! Etwa ein Dutzend meiner Gäste sind so wie ich ganz offensichtlich unheilbar mit dem Himalajavirus infiziert worden. Wie ist es anders erklärbar, dass sie schon drei und sogar vier Mal mit mir unterwegs waren? Mein ältester Gast war zum Zeitpunkt der Reise 75 Jahre alt, mein jüngster 25. Besonders interessant für mich ist, dass ich 26 Mal mit Gästen auf den 6189 m hohen Island Peak, drei Mal auf den Nirekha Peak (6169 m) und zwei Mal auf den Mera Peak (6476 m) gestiegen bin. Was den Island Peak anbelangt, ist das  sicher Weltrekord für einen Nichtsherpa.

Meine “Drei Pässe Gruppe” vom vergangenen Jahr. Es ist der beste Job der Welt, den ich da habe, wenn alles so läuft wie mit Euch!

Es ist schier unglaublich, was sich in diesen zwei Jahrzehnten für Geschichten und natürlich auch Bilder angesammelt haben. Und während ich hier so vor meinem Rechner sitze, fällt es schwer, nicht dauernd abzuschweifen. Unzählige dieser Geschichten sind es eigentlich wert, erzählt zu werden. Aber sie in ein Buch zu schreiben, wäre sicher trotzdem brotlose Kunst. Und soweit bin ich noch lange nicht, dass ich mir das leisten könnte.

Interessanterweise fiel mir beim Tagträumen hier gerade vor dem Rechner eine Begebenheit zu allererst ein, weil sie ein sehr bezeichnendes Licht auf die Hilfsbereitschaft und Uneigennützigkeit der Sherpas wirft. Dabei ist es nur eine ganz kleine Geschichte. Nicht so eine wie die, in der meine Sherpafreunde mitten in der Nacht jemanden von Mong nach Namche tragen mussten, weil derjenige plötzlich schwer erkrankt war. Oder die von der spektakulären Bergung eines Alleingängers vom Island Peak herunter. Oder die Geschichte, wo wir mit vereinten Kräften ein in einen Fluß gestürztes Yak retten wollten. Oder die, in der ich eine Nacht und einen Tag lang von Dragnag nach Phortse und anschließend von dort wieder zurück und weiter ins Basislager des Nirekha Peak gestiegen bin, weil mein Co-Guide Kumar meine Hilfe brauchte. Erzählenswert wäre sicher auch die Begebenheit, als einer meiner Gäste weit oben im Tal des Ngozumba-Gletschers seine Schuhe zu nahe an den Ofen der kleinen Lodge gestellt hatte, um anschließend festzustellen, dass die Sohlen abgefallen waren. Oder die von dem tollkühnen Hund, der mich unbedingt auf den Gipfel des Island Peaks begleiten wollte, oder, oder, oder…

Es ist eben keineswegs so, dass man in Nepal morgens aufwacht und sich selbst auf die Frage, was es denn heute zu sehen gibt, antwortet: BERGE, was sonst? Vor allem die Bergurwälder sind eine Wucht!

Es gibt so viele Geschichten. Zu viele! Deshalb nur eine kleine. Genau genommen sind es eigentlich doch zwei Geschichten.

Wir waren auf dem Weg von Namche nach Thame. Nur ein kleiner Ausflug für die Verbesserung der Akklimatisation. Wir wollten eine Nacht dort bleiben und dann wieder nach Namche zurückkehren. Einmal weiter oben schlafen, dann wieder für eine Nacht auf eine geringere Höhe zurückkehren. Das tut der Motivation und der Laune gut! Auf dem Weg begann es zu schneien. Im Februar, März also während des Wintermonsuns ganz normal. Ganz normal wäre es aber auch gewesen, wenn es wieder aufgehört hätte. Das tat es aber nicht. Es schneite den ganzen Tag und die ganze Nacht, so als wollte jemand die Welt auslöschen. Das war ganz und gar nicht normal und sehr bedrohlich zumindest was unsere Pläne anbelangte. Wir selbst waren nicht in Gefahr. Doch wir würden womöglich für ein paar Tage festsitzen, was unseren gesamten Zeitplan vollkommen über den Haufen geworfen hätte.

Unser Rückweg von Thame, war genau das, was man ja eigentlich auch mal ganz gern hat und noch seinen Enkeln davon erzählt: Ein richtiges Abenteuer eben, zumindest ein kleines!

Perfektes Szenario für den Besitzer unserer Lodge in Thame, denn der konnte sich nun für mehr als nur eine Nacht über ein volles Haus freuen. Doch es war nicht irgendein Lodgebesitzer sondern ein Freund, den ich während meiner Everest-Expedition auf dem Weg vom Lager 2 zum Lager 3 kennengelernt hatte. Ich war völlig erschöpft auf dem Rückweg ins Basislager nach einer Horrornacht auf 7500 m im Lager 3. Ich machte Rast und er auch. Er war mit einer Last auf dem Weg zum Südsattel. Er sah sofort, wie es um mich stand und schenkte mir einen Apfel, den er vom Basislager 2000 Höhenmeter hierher bis kurz vor Lager 3 hinaufgetragen hatte, um ihn dort gleich genüßlich zu essen. Nun gab er ihn mir. Für mich damals ein vollkommen unerhörter Vorgang. 

Lakpas Sohn, rechts neben mir und seine Freunde auf dem Weg nach Namche.

Als wir da so eingeschneit in seiner Lodge in Thame saßen, wurde mir klar, dass ich unbedingt trotz des Schnees nach Namche zurück musste. Das ist der Hauptort im Sherpaland und von dort aus würde es viel leichter sein, weiterzukommen. Als ich das Lakpa, meinem Freund vom Everest und Besitzer der Lodge in Thame mitteilte, hätte ich eigentlich erwartet, dass er mich zu überreden versucht, bei ihm zu bleiben. Doch er verstand mich und mein Problem. Ohne zu Zögern trug er seinem Sohn auf, seine Freunde zusammenzutrommeln, um mit vereinten Kräften den dreistündigen Weg zurück nach Namche durch den hüfttiefen Schnee zu pflügen.

Meine Träger sind immer die wichtigsten handelnden Personen. Sie entscheiden, ob etwas geht oder nicht: Die Tagesetappe oder der Pass oder ob überhaupt losgelaufen wird. Das ist mein oberstes Prinzip auf den von mir geführten Touren. Denn sie tragen unseren Krempel. Nicht wir!

Wir gelangten Dank ihrer Hilfe relativ problemlos nach Namche und konnten deshalb ohne Verzögerungen unsere Tour fortsetzen

Neben vielen anderen Dingen lernt man eben auch das. Wenn die Natur einem zeigt, wer der Herr im Haus ist, dann muss man das akzeptieren oder eben den Kampf aufnehmen. Beides ist für die Sherpas das normalste von der Welt. Für sie ist die Natur niemals das Problem. Für mich auch nicht mehr. Das jedenfalls habe ich in den vielen Jahren, die ich zwischen den Weltbergen verbracht habe, von den Sherpas gelernt. Die Überraschungen lauern an ganz anderer Stelle. Und die sind der Grund, warum ich diesen Job auch nach zwanzig Jahren immer noch so toll finde.

Ich werde immer wieder gefragt, was man denn auf keinen Fall vergessen darf, wenn man nach Nepal fährt. Es sind drei Dinge: Erstens seinen Pass. Zweitens ein bisschen Bargeld. Und das dritte Utensil ist auf diesem Foto gut zu sehen 🙂

Ich glaube kaum, dass man anderswo Menschen so intensiv kennenlernen und mit ihnen gemeinsam Eindrücke und Erlebnisse teilen kann wie auf einer solchen Tour mitten durch die höchsten und schönsten Berge der Erde. Und obwohl mich schon so mancher mit der Bemerkung aus der Reserve locken wollte, dass ich mir mal überlegen sollte, was passieren würde, wenn jeder so leben würde wie ich, bin ich mir meiner Sache doch sehr sicher. Der Wegbereiter für andere zu sein, ihre Träume Wirklichkeit werden zu lassen, ihnen die womöglich wichtigsten und dauerhaftesten Erlebnisse ihres Lebens zu verschaffen, gibt mir die stabile Zuversicht, den besten und sinnvollsten Job der Welt zu haben.

ANFRAGE

 

 

6 Antworten

  1. Sven sagt:

    Lieber Olaf,
    dein Jubiläum ist nicht nur für dich, sondern auch für deine Gäste, zu denen ich mich auch schon zwei Mal zählen durfte, ein Grund zu feiern. Die Erfahrung, die du in diesen 20 Jahren gesammelt hast, ist ein unbezahlbares Gut, was du auf eine unfassbar freundliche und natürliche Art und Weise an deine Klienten weiterzugeben vermagst. Denn du liebst nicht nur die Berge, sondern lebst sie auch. In welchem Ausmaß du tatsächlich der Wegbereiter und Wegbegleiter für meine Träume werden würdest, war mir vor meiner ersten Tour nach Nepal mit dir nicht ansatzweise bewusst…

  2. Sandra Möller sagt:

    Lieber Olaf!!!
    Exakt heute vor einem Jahr brachen wir gemeinsam auf.
    Meine erste große Himalaya Reise!!! Einmal den Mount Everest mit eigenen Augen erblicken… Wie mag das wohl sein??? In über 4.000 m Höhe wandern, ganze 4 Wochen lang… Schaffe ich das überhaupt??? Mitten im unendlich weiten Himalaya zelten, bei Minusgraden, ohne täglich heißer Dusche, für eine Woche sogar komplett ohne Wasser und Toilette… Auf einem der gefährlichsten Flughäfen der Welt zu landen…und und und… Will ich das wirklich??? Alles Gedanken die mir im Vorfeld der Reise durch den Kopf schwirrten. Dennoch, ich musste es tun!!! Ich wollte wissen wie es ist, ob ich es schaffe und ich wollte ihn unbedingt sehen: den Berg der Berge!!!!

    Letztendlich waren es 5.700 m Höhe die ich zu Fuß erreichen durfte und der Flug nach Lukla war mehr als spektakulär!! Der Moment auf den Mount Everest zu blicken, nach einem für mich sehr harten Aufstieg auf den Gokyo Ri, angeschlagen wie ich leider war.. Um so mehr Freudentränen hatte ich in den Augen, als ich am Ziel war und mit dir den Ausblick auf diesen Giganten genießen durfte. Ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen 🙂
    Aber nicht nur der Everest, die gesamte Khumbu-Region… Oberaffengeil!!!!
    Ein Erlebnis welches ich nie wieder missen möchte und wofür ich sehr dankbar bin!!!

    Mach weiter so, auch wenn es nicht immer leicht ist mit uns „Gästen“, wenn sie an ihre Grenzen geraten 😉 und mach noch viele andere Reisende glücklich. Und dich damit natürlich auch!!!

    Liebe Grüße
    Sandra

  3. Olaf Rieck sagt:

    Vielen Dank Sandra und Sven für diese beiden doch sehr, sehr rührenden Kommentare. Ich freue mich gerade wirklich sehr darüber!

  4. Jana sagt:

    Lieber Olaf,
    Ja, es sind diese besonderen Geschichten, die sich einbrennen. Geschichten, die das Leben spannend machen, die man auch Jahre später erzählt und drüber schmunzelt. Geschichten, die entstehen, weil man eben nicht hinterm Ofen sitzt und die Berge im TV ansieht, Reportagen verfolgt und sich berieseln lässt. Ich erinnere mich auch heute noch gern an die Touren im Himalaya und Spitzbergen. Niemals werde ich vergessen, wie besagter Hund, Rani hattest du ihn genannt, auf dem Weg zum Island Peak deine hochheilige Frühstücksfleischkonservendose ausgefressen hatte. Oder wie sehr ein Sherpa-Coffee in über 4000 m Höhe reinhaut, ich lache heute noch über den Witz von einem deiner besten Freunde mit dem “Simmel”, obwohl wir alle dank des berüchtigtem Getränkes nie die Pointe erfahren haben. Immer bleiben mir die Eisbären in Spitzbergen in Erinnerung, die unser Zelt geschüttelt haben. Das sind die Momente, die wirklich im Leben zählen. Lebensqualität.
    Ich wünsche dir noch ganz viele solche besonderen Momente mit besonderen Menschen, die genauso empfinden. Du sorgst mit deinen Touren für Geschichten, die man erlebt und nie vergisst! Bleib dran!
    Liebe Grüße Jana

  5. Jutta Brückner sagt:

    Lieber Olaf, wirklich ein besonderes Jubiläum. 20 Jahre Gäste in einen besonderen Bereich unserer Erde zu führen und die Begeisterung, die du für Nepal und den Himalaya hast, weiterzugeben, ist schon sehr besonders. Ich bin sicher, jeder, der mit dir eine Reise gemacht hat, hat gespürt, dass dir das Land, die Menschen dort und deine Gäste mehr als wichtig sind. Obwohl es für mich ja nur eine kurze Etappe war, denke ich noch immer gern daran zurück und überlege immer, es noch einmal zu versuchen.
    Weiterhin wundervolle Erlebnisse und Begegnungen mit Menschen, die fühlen, wie besonders du und deine Reisen sind.
    Liebe Grüße Jutta

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