Steil ist geil…

stellte Jacob beim Eisklettern letzte Woche in Osttirol fest. Na ich weiß ja nicht. Ich habe großen Respekt vor der Schwerkraft. Und je steiler es ist, umso mehr. Aber eines steht fest. Auf große, steile Berge kommt man nur, wenn man auch halbwegs gut klettern kann. Und das gilt im steilen Fels natürlich genauso wie im Eis. Deshalb sollte man beides, so oft es eben für uns alpenferne Bewohner der Leipziger Tieflandsbucht geht, trainieren.

Das haben wir in der vergangenen Woche das erste Mal in diesem Jahr in Osttirol gemacht. Der Grund, dass wir für unser Trainingslager in die Hohen Tauern und nicht in eine der viel bekannteren Eiskletterregionen gefahren sind, geht auf den Shivling zurück. Hier durften wir die beiden Tiroler Spitzenbergsteiger Simon Gietl und Vittorio Messini kennenlernen.

Links Vittorio und rechts Simon unmittelbar nach ihrer Rückkehr vom Gipfel des Shivling, den sie auf einer teilweise neuen Route besteigen konnten.

Die beiden waren auf einer schwierigen Route an der Nordostseite, wir auf dem Westgrat des Shivling unterwegs. Und natürlich haben wir während der Rasttage viel Zeit im Basislager miteinander verbracht. Dabei kam auch ein Projekt zur Sprache, in welches Vittorio viel Herzblut investiert hat. Er erzählte uns von seinem künstlich angelegten Eisklettergarten. Es sollte der größte seiner Art in ganz Österreich sein. Und das hat mich natürlich hellhörig werden lassen.

Sven und Jacob ganz in rot-schwarz sowie Simon (links) und Vitto (rechts) ganz in blau lieferten sich stundenlange Gefechte beim Kartenspielen, während ich in meinem Zelt saß und die Neuigkeiten in den Rechner tippte. Die vier verstanden sich blendend, zumal es auch vom Alter her perfekt passte.

Wie legt man einen Eisklettergarten künstlich an? Und wie lässt es sich dort klettern? Und natürlich spekulierte ich auch darauf, dass man sich in einem solchen Eisklettergarten perfekt auf richtige Eisfälle vorbereiten kann. Bestimmt würde uns Vittorio auch den ein oder anderen Tipp geben oder sogar mit uns gemeinsam trainieren. Denn soviel war klar. Von ihm würden wir eine Menge lernen können. Also entschlossen wir uns noch am Shivling, den beiden einen Besuch abzustatten. Leider kam bei Sven irgendeine Prüfung dazwischen, so dass nur Jacob und ich unsere Eisgeräte, Eisschrauben und Steigeisen zusammenpackten.

Der größte Eisklettergarten Österreichs ist eine erstklassige Spielwiese für alle, die sich mit dem faszinierenden Medium Eis vertraut machen wollen, bevor sie sich an echten Eisfällen versuchen. Hier im Bild der mittlere Sektor. Es gibt noch einen etwas leichteren linken und einen etwas schwierigeren rechten Abschnitt.

Noch am Ankunftstag statteten wir Vittorios eisigem Baby einen Besuch ab. Vor allem die Lage des Klettergartens ist etwas Besonderes. Er liegt am Eingang des Innergschlößtales gut vor der Sonne und dem Einfluss des Föhns abgeschirmt und nur etwa 30 Gehminuten von einer sehr angenehmen Herberge entfernt.

Durch die geschützte Lage wird ein relativ frühes Vereisen im Jahr ermöglicht. Bei optimaler Eisbildung bietet der Klettergarten um die 40 verschiedene Routen in den Schwierigkeitsgraden WI2 – WI6 (WI = Water Ice. Die Schwierigkeitsskala für das Eisklettern hat sieben Stufen, wobei die einzelnen Grade auch noch durch negative bzw. positive Vorzeichen feiner unterteilt werden).

Man findet hier sogar richtige Eisvorhänge und Zapfen aus Röhreneis, an denen der ambitionierte Eiskletterer auch mal die Hände aus den Taschen und die Eisgeräte richtig festhalten muss.

Und es ist buchstäblich für jeden etwas dabei. Sogar die Mixedkletterer kommen hier auf Ihre Kosten und können nach Herzenslust trainieren. Für sie sind Routen in den Schwierigkeitsgraden M4 – M7 eingerichtet. (M steht für Mixed. Die Schwierigkeitsskala für das Mixedklettern hat zwölf Stufen, wobei die einzelnen Grade ebenfalls durch negative bzw. positive Vorzeichen noch feiner unterteilt werden können. Beim Mixed-Klettern wird mit der Eisausrüstung sowohl im Fels als auch im Eis geklettert, um zum Beispiel über Felsgelände zum nächsten Abschnitt des Eisfalles zu kommen.)

Jacob in einer Mixedroute mit der Schwierigkeit M6. Kaum zu glauben, dass die M-Skala 12 Stufen hat, wenn das hier M6 gewesen sein soll…

Wir sind am ersten Tag hier auch fleißig geklettert. Aber natürlich ist es so wie in allen anderen Klettergärten auch: Ein prima Platz für das Training, aber eben nicht echt. Das Wasser kommt aus einem 600 m langem PVC-Rohr, welches an der Felskante verlegt ist. Und von da sprüht an etlichen Stellen den ganzen Tag das Wasser raus. Eine Regenjacke ist deshalb ein geradezu zwingend nötiges Ausrüstungsutensil. Ein anderer Wermutstropfen ist einfach darauf zurückzuführen, dass Vitos Eisklettergarten eine wirklich großartige Anlage ist. Das hat sich inzwischen herumgesprochen. Es war teilweise so voll, dass man an den guten Routen anstehen musste.

Im Hintergrund ist unser Ziel am zweiten Tag zu sehen: „Das Schild“,  so der Name dieses 200 m hohen Eisfalles, der zumindest relativ zahm aussah. Eine wunderschöne Vier-Seillängen-Tour, die Jacob vorgestiegen ist. (Foto: Jacob Andreas)

Also haben wir uns gleich am zweiten Tag den ersten richtigen Eisfall ausgesucht, denn es war diesbezüglich sogar Eile geboten. Die Wettervorhersage sah nicht gut aus. Ergiebige Schneefälle waren prognostiziert, so dass die Gefahr von Lawinen von Tag zu Tag größer werden sollte. Und Eisfälle liegen häufig in bzw. unterhalb von Lawineneinzugsgebieten und sind deshalb bei hoher Warnstufe unbedingt zu meiden. Außerdem sind solche langen Eisfälle natürlich ein noch viel besseres Trainingsfeld im Hinblick auf große kombinierte Routen an den Eisriesen des Himalaya. 

Es war schon fast beängstigend, wieviel Schnee in den ersten Tagen fiel. Am dritten Tag wurde dann die Lawinenwarnstufe auf 4 (große Gefahr) erhöht. Die zweithöchste. Eigentlich konnten wir das Eisklettern damit vergessen. Aber Vitto kannte ein paar bombensichere Geheimtipps. (Foto: Jacob Andreas)

Denn das Eisklettern hat sehr viel mit Organisation zu tun. Das geht schon bei der Kleiderordnung los. Der Sicherungsmann wird sehr schnell frieren, um sich gleich darauf beim Klettern tot zu schwitzen. Wie findet man also den für sich besten Kompromiss? Und vor allem welche Handschuhe sind geeignet? Der Eiskletterer muss mit ihnen relativ filigrane Dinge tun können, wie zum Beispiel das Seil in die Karabiner klinken, Eisschrauben eindrehen, Abalakov Eissanduhren einbohren, Stände bauen usw. Sie dürfen also nicht zu dick sein, aber frieren will man an den Händen möglichst auch nicht. Ein nahezu unauflösbarer Widerspruch. Ständig ist man auf der Suche nach dem perfekten Handschuh.

Und auf der Suche nach dem ultimativen Eisgerät. Auch hier kann man seine speziellen Ansprüche nur beim Klettern selbst herausfinden.

Gute Organisation in der Seilschaft und Ordnung am Gurt, das A und O beim Eisklettern. Das übt man am besten so oft es geht! Ich bin hier auf dem Foto gerade dabei, meinen nächsten Vorstieg im „Zottenbock“ vorzubereiten und einen guten Platz für die erste Eisschraube zu finden. (Foto: Jacob Andreas)

Ständebau, Wechselführung, Seilhandling, Organisation der umfangreichen Ausrüstung am Klettergurt. Wo dreht man die Eisschrauben am besten ein? Welches Eis wird halten, welches brechen? Wie wählt man die Route, damit dem Sicherungsmann nicht zentnerweise das abgeschlagene Eis auf den Kopf fällt?

Witali Michailowitsch Abalakow, (1906-1986, sowjetischer Spitzenbergsteiger) war derjenige, welcher die Eissanduhr erfand. Das ist ein nach wie vor unverzichtbarer und vor allem genial einfacher und preiswerter Fixpunkt im Eis. Er wird meist als Abseilstand verwendet. (Foto: Jacob Andreas)

Wird man lieber mit oder ohne Spinner Leash, also einer Fangleine für die Eisgeräte klettern? Auch da gibt es sehr unterschiedliche Ansichten. Wehe dem, dessen Eisgerät die Wand herunterpurzelt. Aber vielleicht ist es ja noch schlimmer, wenn die Eisgeräte nicht runterpurzeln, sondern einem bei einem Sturz wegen der Fangleinen um die Ohren fliegen? Für all das muss man den für sich besten Weg finden. Und das geht nur beim Klettern selbst. Grau ist alle Theorie. Das wusste schon Mephisto. Und deshalb wird es dieses Jahr kurz vor meiner Abreise nach Nepal noch einen weiteren Aufenthalt in den Alpen zum Eisklettern geben.

Die Schlüsselseillänge im „Zottenbock“. Übrigens ein Vorschlag von Vittorio, denn dieser Eisfall sollte absolut lawinensicher sein. (Foto: Jacob Andreas)

Und darauf freue ich mich schon. Doch jetzt geht es erst einmal weiter mit den Mühen der Ebene. Es wäre ja ganz prima, wenn der neue Multivisionsvortrag über unsere Shivlingexpedition vielleicht doch vor meiner Abreise in den Himalaya fertig würde. Im Basislager sind wir immerhin schon angekommen 🙂

Das könnte dich auch interessieren …

5 Antworten

  1. Veronica sagt:

    Jetzt weiß ich ein bisschen mehr über’s Eisklettern! Sehr interessant und natürlich wieder tolle Bilder!

  2. Jacob Andreas sagt:

    Schön war’s! Immer gerne wieder – denn steil ist wirklich..
    😀

  3. Diana sagt:

    Super Beitrag Olaf;-)

  4. Fein für so viel Lob Olaf! Auf ein Weiteres! Meld dich wenn du wieder bei uns zu Besuch bist!

    • Olaf Rieck sagt:

      Lieber Vitto, dieses Lob habt Ihr Euch aber auch verdient. Denn was Ihr da auf die Beine gestellt habt, kann sich wirklich sehen lassen und hat voll ins Schwarze getroffen. Die Besucherzahlen Eures Eisparks sprechen eine deutliche Sprache. Und wir kommen auch wieder!

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen