Die Crux mit der Schwierigkeit, Teil 2

Wer hat´s erfunden? Eben nicht die Schweizer. Es waren Sachsen. Wenn ich Leuten erzähle, dass die ersten Menschen, welche auf die Idee kamen, aus rein sportlichen Motiven und ohne künstliche Hilfsmittel auf freistehende Felsnadeln zu klettern, Sachsen waren, so ernte ich allzu oft ungläubiges Kopfschütteln. Nicht die Amerikaner oder vielleicht die Franzosen, deren seltsame Schwierigkeitsskala heute die halbe Welt verwendet? Ganz besonders viele Zweifler gibt es bei den Alpinisten, die auch noch aus den Alpen stammen.

Geradezu traumhaft schön kann es sein in der Wiege des Klettersports. Egal wo ich auf der Welt zum Klettern unterwegs bin, im Sandstein an der Elbe ist es doch am allerschönsten.

Das ist für sie sicher auch schwer zu ertragen, aber dennoch wahr. Paul Preuß (1886-1913) zum Beispiel, unbestritten einer der Pioniere des Freiklettergedankens in den Alpen, schwamm noch im großen Teich, als Otto Ewald Ufer und H. Frick 1874 den Mönch oberhalb von Rathen ohne künstliche Hilfsmittel bestiegen. Diese Besteigung gilt als die Geburtsstunde des freien Kletterns in der Sächsischen Schweiz und womöglich auch weltweit.

Nun ist es natürlich völlig klar, dass man das nicht zweifelsfrei beweisen kann. Ist auch gar nicht nötig. DENN am 12. November 1893 legte Oscar Schuster und Friedrich Böhme das wohl erste Gipfelbuch der Welt auf dem später nach Oscar Schuster benannten Turm im Bielatal aus. 1905 wurde am Großen Wehlturm der erste Sicherungsring geschlagen. 1908 brachte Rudolf Fehrmann den weltweit ersten Kletterführer heraus, in dem 200 Klettergipfel mit 400 „Wegen“ aufgeführt sind. Darin beschrieb er die Schwierigkeiten dieser Wege noch mit Worten. Und schon im ersten Nachtrag aus dem Jahr 1913 formulierte er die verbindlichen Kletterregeln für den Elbsandstein, die noch heute gelten.

Bis heute ist das Klettern im häufig brüchigen und fast immer sandigen Sandstein eine ernste Angelegenheit. Ich wünsche mir, dass dies auch immer so bleiben möge. (Foto: Jacob Andreas)

Nirgendwo sonst auf der Welt wurde das Klettern mit soviel Ernst, Systematik und sportlichem Ehrgeiz betrieben. Man kletterte binnen weniger Jahre Schwierigkeiten, die anderswo zu dieser Zeit noch für völlig menschenunmöglich gehalten wurden. Und in diesem Sinne ist die Sächsische Schweiz eben tatsächlich und auch nach meiner Meinung unbestreitbar der Geburtsort des Freikletterns weltweit.

Doch zurück zu unserem Thema. Es versteht sich fast von selbst, dass bei uns im Elbsandstein auch die erste Skala für Kletterschwierigkeiten der Welt entwickelt wurde. In der Ausgabe seines Führers von 1923 verwendete Fehrmann erstmals die siebenstufige Skala. Angewendet wurde sie von den Kletterern aber schon vorher. Bei 1 musste man die Hände zu Hilfe nehmen und 7 bezeichnete das Ende der menschlichen Möglichkeiten. Allerdings hatte Emanuel Strubich schon 1918 am Wilden Kopf mit der Erstbegehung der Westkante den 8. Sächsischen Grad erreicht, den es, wie gerade gesehen, noch gar nicht gab. Das war dann auch „nur“ eine Sieben. Aber eine für lange Zeit verdammt schwere, denn erst Ende der Siebziger Jahre wurde zuerst der 8. Grad (a-c) eingeführt und dann die Skala nach oben geöffnet. Die Altvorderen hatten also auch schon mit diesem Problem von Teil 1 zu kämpfen.

LINKS: Sieht spektakulär aus, ist es aber nicht. Mit dem Bohrhaken vor dem Bauch und den vom Chalk gekennzeichneten Griffen, die man nun nicht mehr suchen muss, kann ich mir jeden Zug trauen. Aber beim Sportklettern darf ich auch mal Züge machen, die ich eigentlich gar nicht machen kann 🙂 (Chalk ist Magnesiumkarbonat, welches den Fingerschweiss hygroskopisch aufzunehmen vermag, um damit den Grip an Klettergriffen in der Halle oder draußen am Fels zu verbessern) Foto: Ulf Wogenstein

RECHTS: Ausgesetzt, schlecht abzusichern und auch noch brüchig. Klettern im Sandstein an der Elbe ist sozusagen das Gegenteil von Sportklettern und hier sollte die angegebene Schwierigkeit sowohl mit der tatsächlichen als auch mit den Fähigkeiten des Kletterers übereinstimmen. Sonst kann ganz fix aus Kletterspaß Todesangst werden. (Foto: Diana Richter)

Allerdings ist es wahnsinnig komplex, eine wirklich objektiv richtige Schwierigkeitseinstufung für einen Weg, anderswo sagt man Route, festzulegen. Denn es spielen ja viel mehr Faktoren in die Findung dieser Schwierigkeitseinstufung hinein als nur die reine Schwere der zu bewältigenden Züge.

Der Traumpfeiler am Heiligen Geist in Meteora. Nur eine 5+! Aber wehe man bekommt hier ein Problem mit der Höhe, der Ausgesetztheit oder gar der Absicherung. Die ist nämlich ziemlich spartanisch, weil diesbezüglich auch Sachsen am Werke waren…

Ein anderes Kriterium wäre ganz bestimmt die Absicherung. Ausschließlich mit Bohrhaken oder nur zum Teil? Oder komplett selbst abzusichern, vielleicht sogar mitsamt der Stände? Da liegen Welten dazwischen. Auch die Länge der Route sowie ihre Ausgesetztheit spielen eine extrem wichtige Rolle. Eine womöglich leicht überhängende Kante in 60 m Höhe ist eine ganz andere Nummer als eine Verschneidungskletterei in sechs Metern Höhe, auch wenn es in der Verschneidung vielleicht deutlich härter zur Sache geht. Die allermeisten werden sich in der Kante um ein Vielfaches mehr fürchten als in der klettertechnisch schwierigeren Verschneidung. Und das auch, wenn die Absicherung bei beiden Routen gleich gut ist.

Und was ist eigentlich mit Brüchigkeit, klimatischen Bedingungen, den Möglichkeiten für einen raschen Rückzug oder der Steinschlaggefahr?

Mit anderen Worten: Es ist regelrecht eine Wissenschaft und erfordert extreme Sorgfalt und ein hohes Verantwortungsgefühl, in einem Kletterführer mit nicht selten 1000 und mehr beschriebenen Kletterrouten immer richtig zu liegen mit der Schwierigkeitsbewertung. Oft wird es gar nicht möglich sein, mit nur einer einzigen Zahl all die Eigenschaften einer Kletterroute erschöpfend zu beschreiben. Deshalb gibt es jetzt zunehmend auch sogenannte Ernsthaftigkeitsbewertungen. Allerdings sind diese bisher noch nicht allgemein anerkannt. Nichts desto trotz sind sie oft sehr hilfreich und zwar vor allem, wenn wir es mit Routen im alpinen Umfeld zu tun haben. Ich schätze Kletterführer sehr, die solche Bewertungen bei den Routen enthalten.

Eine nicht mit mobilen Sicherungsmitteln abzusichernde Reibungsplatte. Hier müssten Bohrhaken rein. Doch die gab es auf den ersten 15 m einfach nicht. Und obwohl die Schwierigkeit wirklich nicht groß war, wuchs die Angst mit jedem Meter, die ich mich von meiner immer winziger werdenden Sicherungsfrau entfernte. Auch hier hat mich die vergleichsweise moderate Schwierigkeitsangabe im Kletterführer dazu verführt, diesen Weg als ersten im Val di Mello zu klettern. Ein grober Fehler.

Komme ich also in ein neues Gebiet, muss ich zuerst ziemlich behutsam schauen, wie sich das alles zueinander verhält. Hat der Autor des Kletterführers die Routen in seinem Werk zum großen Teil selbst geklettert? War er ein Supercrack, der sich vielleicht in einer 7+ wie unsereiner in einer 4+ fühlt? Und hat er dementsprechend hart bewertet? Oder sammelte er nur Infos von den Erstbegehern ein? Oder hat er gar nur aus anderen Führern abgeschrieben? Sind die Bewertungen homogen oder erlebe ich in dem neuen Gebiet ständig irgendwelche Überraschungen, wie das häufig dann der Fall ist, wenn allein die Erstbegeher für die Schwierigkeitsbewertung ihrer Route verantwortlich sind. Da wird man öfter Routen finden, in denen man wie ein Gummi hochschnipst und andere, gleich schwer eingestufte, in denen man Blut und Wasser schwitzt.

Die Dürrebielenadel im Bielatal mit mir dran in der „Lebensuhr“. Im Sächsischen Bergsteigerbund gibt es eine Arbeitsgruppe „Neue Wege“. Diese sammelt und prüft die Erstbegehungsmeldungen für das Gebiet der Sächsischen Schweiz. Eingereichte Wege werden vor Ort durch die Mitglieder der AG begutachtet, und die Arbeitsgruppe entscheidet über die Anerkennung des Weges und auch darüber, ob die vom Erstbegeher vorgeschlagene Schwierigkeitseinstufung vernünftig ist. (Foto: Sebastian Wahlhütter)

Da macht es sich gut, wenn wie bei uns im Elbsandstein Leute darüber wachen, ob die Schwierigkeitsbewertungen der Erstbegeher realistisch sind. Das hat nämlich dazu geführt, dass man sich wie nirgendwo sonst auf der Welt auf die Einstufungen verlassen kann. Ausnahmen bestätigen selbstverständlich die Regel, auch wenn das bei mir häufig lediglich damit zu tun hat, dass ich den Anforderungen, die ein bestimmter Weg an mich stellt, nur schlecht gewachsen bin. Jeder, der mich schon mal einen Schulterriss hochsichern musste, wird wissen, was ich meine.

Es ist also immer eine gute Idee, sich vorsichtig mit Kletterführer und -gebiet auseinanderzusetzen, bevor man klettertechnisch in seine Grenzbereiche vorstößt. Ein paar einfache Routen deutlich unter der eigenen Leistungsgrenze beugen bösen Überraschungen vor. Und böse Überraschungen können in der Vertikalen mit der saugenden Schwerkraft und einer Menge Luft unter dem Hintern sehr unangenehm werden.

Und genau das wünsche ich uns allen: Immer eine Handbreit Luft unter dem Hintern! Wir sehen uns…

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3 Antworten

  1. Veronica sagt:

    Obwohl ich ja gar nicht klettere, war das auch für mich wieder eine sehr interessante und informative News!

  2. Joachim Schindler sagt:

    Lieber Olaf, ich lese Deine Beiträge auch immer wieder mit Interesse. Schusters Bergfreund war Friedrich (Fritz) Böhme. Mit den Ringen ist das ein wenig komplizierter. Da die Mehrzahl der Kletterer vor 1905/06 noch keinen Karabinerhaken kannten bzw. verwendeten, wurden hier und da auch schon Eisenstifte zur Absicherung bzw. zum Abseilen verwendet. So z.B. an der Seydeschen Variante. Auch der erste Sicherungsring an der Barbarine war vermutlich vor dem Ring am Großen Wehlturm geschlagen worden. In Schusters Tagebüchern findest Du hier oder da Hinweise auf Eisenstifte bzw. Eisenklammern oder Stahlseile (Mittl. Torstein, Falkenstein etc.) Es war also vermutlich auch im Elbsandstein kein einfacher Weg zum Hilfsmittel freien Klettern. Schindler

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