Versichert

Pläne sind auch dazu da, geändert zu werden. Überhaupt sind die Unwägbarkeiten, also die sich ständig ändernden äußeren Bedingungen, der charakteristischste Aspekt von Unternehmungen in den Bergen.

Daraus resultiert eine permanente Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen und sie anschließend ständig auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Und wenn nötig, müssen sie ohne Rücksicht auf den Entscheider über den Haufen geworfen und neu getroffen werden.

Eine Entscheidung hat sich aber als goldrichtig erwiesen, nämlich bis Phortse zu laufen, um nach Gunter zu sehen und ihn zu bitten, nicht weiter aufzusteigen. Er ist inzwischen in Namche Basar eingetroffen, und wir konnten über mein Satellitentelefon auch schon miteinander telefonieren. Ihm geht es wieder gut, und das macht mich wirklich sehr froh.

Unser Basislager liegt auf knapp 5300m Höhe. Im Hintergrund sieht man unseren Anmarschweg zum Cho-La-Col über einen sehr zahmen Gletscher. Der Beginn unserer Route am Col als auch der Berg selbst ist vom BC aus nicht sichtbar. Zu ihm steigt man auf dem Gletscher nach rechts auf.

In “Große Erwartungen” habe ich über unsere Pläne geschrieben. Heute zum Beispiel sollte es ernst werden, und wir wollten einen ersten Gipfelversuch wagen. An der Tatsache, dass ich heute eine News schreibe, ist deutlich sichtbar, dass wir unsere Pläne geändert haben.

Vorgestern haben wir viel mehr geschafft, als wir uns vorgenommen hatten. Sven, Stefan, Volker, Kharma Rita und ich haben nämlich die gesamte Ausrüstung, bestimmt an die 60 kg, zum Col auf knapp 5700m hinauf geschafft. Fast unsere gesamten Seile, Schneeanker, Eisschrauben und Karabiner! Dass wir das gleich beim ersten Aufstieg bewältigen würden, war eine schöne Überraschung.

Deshalb konnten Kharma Rita und ich schon gestern daran gehen, die Route mit fixen Seilen zu versehen. Sven bot an, uns zu helfen. Er könnte doch Material am fixierten Seil ans Routenende bringen. Und natürlich ließen wir uns gerne von ihm helfen. Ohne ihn wären wir niemals so weit gekommen. Sven hatte gestern seinen großen Tag. Fast hätten wir sogar den Gipfel erreicht. Doch leider büßten wir vor dem letzten Aufschwung Zeit bei der Wegsuche ein.

Einen Zeltmitbewohner wie Sven zu haben, ist ein großes Privileg. Wie schön, dass es schon einige davon gab. Wir beide jedenfalls sind ein perfektes Team.

Und genau da sind wir schon beim Problem. Es ist kaum zu glauben, wie sehr sich der Nirekha Peak seit meiner Besteigung mit Urs Zeller 2013 verändert hat. Da war so etwas wie Wegsuche keinen Augenblick ein Thema. Aus perfekten Firnflanken sind hässliche Geröllfelder geworden oder glasharte Blankeiswände.

Wir haben gestern mehr als 1000m Seil verlegt. Ein irrer Aufwand. Und es ist nicht gerade ungefährlich, in abrutschbereiten Geröllfeldern an Fixseilen zu klettern. Fixpunkte sind oft nicht hundertprozentig verlässlich und Steinschlag kann die Seile beschädigen.

Insgesamt verbrachten wir zwölf Stunden in der Route. Und nach diesem eisenharten Job war ich, aber auch Sven, reif für einen Ruhetag. Heute einen Gipfelversuch zu wagen, hätte nach den vorangegangenen drei Tagen zumindest für mich selbstmörderische Züge gehabt.

Ein großartiger Tag war das vorgestern, als wir zu fünft auf den Col marschiert sind und dort unser Depot angelegt haben. Solche Bergtage, an denen alles passt, brennen sich für immer ins Gedächtnis. Warum sich das so anfühlt, kann man oft gar nicht recht sagen.

Außerdem müssen wir einen Tiefschlag verdauen. Als Kharma Rita, Sven und ich gestern von unserer Tour zurückkehrten, wartete Phurba, der Sohn von Kharma Rita in unserem Basislager auf seinen Vater. Er war extra aus Phortse aufgestiegen, weil eine äußerst dringende Familienangelegenheit Kharma Ritas Anwesenheit dringend erfordert. Obwohl es schon dunkel war, wollten die beiden sofort los, ohne vorher noch etwas zu essen oder zu trinken. Bis in ihr Heimatdorf Phortse wollten die beiden noch absteigen. Mir ist schleierhaft, wie jemand das nach diesem Tag am Berg schaffen kann. Nur Sherpas können so etwas. Es muss wirklich sehr dringend gewesen sein.

Also war heute Ruhetag, zumindest für mich. Ich musste nachdenken. Die anderen fünf, und darüber habe ich mich ganz besonders gefreut, haben einen Tagesausflug auf den Cho La Pass gemacht. Dieser Pass ist ein sehr häufig begangener Übergang in das Khumbutal zum Basislager des Everest. Von unserem Camp aus ist der Weg dort hinauf fast vollständig einsehbar. Und alle haben die Passhöhe auch erreicht. Ein schöner kleiner Erfolg nebenbei.

Wenn ich im Vorstieg bin, ist Fotografieren erstens nicht einfach und zweitens häufig gefährlich. Deshalb stammt dieses großartige Bild von Sven. Kharma Rita sichert mich im oberen Teil der Route.

Morgen ist nun endgültig der Zeitpunkt für einen Gipfelversuch gekommen. Leider kann uns Jens nicht begleiten, weil er derzeit gesundheitlich etwas angeschlagen ist.

Nun wird es richtig spannend und wir brauchen wieder die positive Energie der vielen News-Leser. Und ich verspreche, so schnell wie möglich über den Tag morgen zu berichten.

Und nun wird ein bisschen schneller geschlafen, denn der Wecker klingelt um zwei!

13 Antworten

  1. Annett sagt:

    Ich drücke euch allen ganz fest die Daumen, das ihr morgen perfektes Wetter habt für euren Aufstieg. Ich wünsche euch ganz viel Kraft und Ausdauer für die Tour und bestmögliche Bedingungen. Gute Besserung an Jens, er soll sich ausruhen, damit er schnell wieder fit wird. In Gedanken bin ich bei euch. Viel Glück allen wünscht Annett Müller

  2. Holger Weigelt sagt:

    Oh schade Jens, das tut mir sehr leid für dich. Sieh zu das du wieder auf die Beine kommst damit wir in der letzten gemeinsamen Woche noch ein paar Runden Knack spielen können.
    Den anderen drücke ich ganz fest die Daumen das ihr den Gipfel erreicht. Liebe Grüsse aus Lobuche Holger, gleich um die Ecke

  3. Ninette und Martin sagt:

    Hallo Jens, gute Besserung. Hoffen du bist morgen wieder fit LG aus Briesen

  4. Kerstin Kriebel sagt:

    Die Sicherheit ist immer an erster Stelle. Jens erhole dich gut- wir hoffen du bist bald wieder gesund und munter . Wir drücken euch weiterhin ganz fest die Daumen und wünschen euch Glück für den morgigen Tag. Liebe Grüße aus Cottbus

  5. Höhnel Gabriele sagt:

    Ich danke Olaf nochmal von ganzen Herzen das er nochmal zu Gunter und Karla abgestiegen ist. Denn es ist schwer so eine Entscheidung zu treffen das mein Bruder nicht wieder höher steigt. Und mein Bruder gibt nicht gleich zu wenn es nicht geht. Deshalb sind wir froh das er auf Olaf gehört hat. Ich Wünsche alles gute auch für Jens und die anderen. Mit lieben Grüßen Gabi die Schwester von Gunter, Gruß auch noch an Elke

  6. Pia Karbowiak sagt:

    Hallo Jens, obwohl es für Dich bitter ist… Das Wichtigste ist die Gesundheit! Bitte denke daran….
    Bis bald. Pia
    Den anderen optimale Bedingungen und viel Glück. Und an Frau Schefler die Nachricht- Mutti geht es gut.

  7. Kiwi sagt:

    Hallo ans “Rudel”, ich hoffe sehr, dass sich Jens wieder fängt und seinen Fußabdruck auf den Gipfel hinterlassen kann. Ansonsten kann man ja nur raten, nichts übers “Knie” zu brechen. Aber schade und ärgerlich ist es schon, wenn man so weit gekommen und der Gipfel so nah ist …
    Absolutes Gelingen morgen und eine glückliche und gesunde Rückkehr! Ich freue mich jetzt schon auf den Bericht!
    Gute Besserung Jens!
    Liebe Grüße vom Uni-Base-Camp 🙂

  8. Hallo Jens, wir sind auch Pias Meinung, man sollte nichts erzwingen. Erinnere dich, Matthias ging es genau so kurz vor dem Tag X doch er hatte bei Olaf eine zweite Chance bekommen, als es ihn wieder besser ging.Wir drücken die Daumen für dich und wünschen den anderen auch viel Glück.

  9. Homeister Gunhild sagt:

    Hallo liebe Usi, ich bin ganz sicher, daß ihr beim Aufstieg ( in wenigen Stunden )gutes Wetter habt. Ich wünsche allen Kraft und Ausdauer, auch die nötige Vernunft und weiter einen guten kameradschaftlichen Zusammenhalt. Alle guten Wünsche für dich .Ich drück e ganz doll die Daumen…aber eigentlich bin ich überzeugt davon, daß du das schaffst. Ich spuck dir dreimal über die Schulter und bin supergespannt auf die nächsten Fotos und Berichte. Obwohl wir uns nicht kennen, lieber Jens…beim nächsten mal packst auch du das. Gute Besserung.
    Grüße aus dem regnerischen Berlin von Gunhild

    Usi, auch die zwei Eichhörnchen grüßen dich und fiebern mit.

  10. Michael Webers sagt:

    Lieber Jens,
    pass gut auf dich auf. Gesundheit geht vor! Und wenn es gut läuft, hast du eine zweite Chance. Ich drücke dir die Daumen. LG Michael

  11. Hildegard Weigelt sagt:

    Gute Besserung an Jens und gutes Gelingen für den Aufstieg und einen sicheren Abstieg bei gutem Wetter.
    Viele Grüße Hildegard

  12. Eike Franke sagt:

    Hallo Jens,
    wir wünschen Dir gute Besserung und hoffen, dass Du bald wieder fit bist. Vielleicht ergibt sich ja noch eine zweite Möglichkeit für Dich. Pass gut auf Dich auf!
    Viel Glück und gutes Wetter für den morgigen Auf- und Abstieg. Wir drücken die Daumen.
    Liebe Grüße aus Briesen von Axel und Eike

  13. Axel Püschel sagt:

    Viel Erfolg, viel positive Energie und vor allem Gesundheit für die nächsten Tage!!

    Sportliche Grüße aus Berlin

    Axel

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