Frei sein

Wir hatten sowas von Glück. Seit drei Tagen versuchen wir es zu fassen. Es gibt bei uns kaum ein anderes Thema. Begonnen hat es damit, dass ich ein dringendes Bedürfnis verpürte, aber leider mein UriBag voll war. Ich musste also aus dem Zelt raus. Die Uhr zeigte Drei, und das erste was ich außer diesem unschönen Umstand bemerkte, war die Stille.

Es schneite nicht mehr. Als nächstes verspürte ich schneidende Kälte. Die Ursache dafür war eine sternenklare Nacht. Keine einzige Wolke am Himmel. Sollte das die Ausnahme von der Regel sein? Schlechte Wetterprognosen stimmen also auch nicht immer! Der Luftdruck hatte sich zwar nicht verändert und Unbeständigkeit war in den vergangenen Wochen die einzig verlässliche Wettervorhersage. Doch sollte kommen was da wollte, ich weckte Jacob. Es gab keinen Grund in den Daunen zu bleiben. Kurz nach Fünf brachen wir auf.

Der Bergschrund (Begriffserklärung sh. Widerspenstig Teil 1) ist am Alpamayo sehr markant und manchmal gleich zu Beginn einer Route der Scharfrichter. Am Alpamayo war er zumindest ziemlich spannend.

Am Bergschrund im ersten Tageslicht. Der Bergschrund (Begriffserklärung sh. Widerspenstig Teil 1) ist am Alpamayo (5947 m) sehr markant und manchmal gleich zu Beginn einer Route der Scharfrichter. Am Alpamayo war er zumindest ziemlich spannend (Foto: Jacob Andreas).

Es war ein wunderschöner Morgen. Und wir zwei begannen, wie besessen zu klettern. Doch gleich der Bergschrund stellte ein schlecht abzusicherndes, ziemlich ernstes Hindernis dar. Das war vor drei Wochen noch ganz anders. Doch als es mir gelungen war, wenigstens eine Eisschraube sicher unterzubringen, traute ich mir, diese heikle Stelle zu klettern. Anschließend im unteren Teil der Wand, ging es sehr rasch vorwärts. Unsere Taktik war so einfach wie effektiv. Ich stieg voran, Jacob folgte so rasch es ging am fixierten Seil. Das war die schnellste Art diese Rinne zu durchsteigen. Denn hier schnell zu sein, hat oberste Priorität.

Dieses surreale Bild hat jacob von mir drei Seillängen unter dem Gipfel gemacht. Er musste seinen Kopf sehr weit in den Nacken legen, denn es ging inzwischen sehr steil nach oben, vielleicht 70 Grad. Die riesigen, jederzeit absrurzbereiten Eispilze strapazierten meine Nerven.

Dieses surreale Bild hat Jacob von mir drei Seillängen unter dem Gipfel gemacht. Er musste seinen Kopf weit in den Nacken legen, denn es ging inzwischen sehr steil nach oben, vielleicht 70 Grad. Die riesigen, jederzeit absturzbereiten Eispilze strapazierten meine Nerven (Foto: Jacob Andreas).

Die Franzosenroute, auf welcher wir kletterten, ist die direkteste Linie zum Gipfel. Aber sie ist gefährlich. Dass sie nach Franzosen benannt wurde, hat nämlich den beunruhigenden Grund, dass ein kollabierter Eisbalkon die Rinne gerade zu dem Zeitpunkt ausgeputzt hat, als dort acht französische Kletterer unterwegs waren.

Der Blick aus dem oberen Teil der Route hinüber zum Quitaraju und hinunter auf das Basislager. Was für Glückspilze wir waren, denn dort unten steht nur unser Zelt. Der Berg gehörte uns!

Der Blick aus dem oberen Teil der Route hinüber zum Quitaraju (6036 m) und hinunter auf das Basislager (unterer Bildrand in der Mitte). Was für Glückspilze wir waren, denn dort unten steht nur unser Zelt. Der Berg gehörte uns!

Neben der Schnelligkeit hatte unsere Art hier in Zweierseilschaft zu klettern, noch einen anderen Vorteil. Nachdem ich einen Fixpunkt gebaut und das Seil fixiert hatte, musste ich warten, bis Jacob zu mir hinauf gestiegen war. Ich hatte also Zeit, zu fotografieren. Und das hat sich sehr gelohnt, denn es war, wie gesagt, ein wunderbarer, glasklarer Morgen. Die fantastischen Berge rings um uns erstrahlten in einem makellosen Licht. Von kalter Schulter keine Spur mehr.

Arteson

Und auch den Artesonraju mit seinem berühmten Nordgrad hatten wir von Alpamayo aus im Blick.

Die drei oberen Seillängen geht es sehr steil, die letzte sogar fast senkrecht aufwärts. Aber die Verhältnisse präsentierten sich perfekt. Die Eisgeräte bissen sich regelrecht fest, die Frontalzacken der Steigeisen hielten optimal. Es könnte der pure Genuss gewesen sein, wären da nicht die vielen Damoklesschwerter über einem.

Das war das gute am Alpamayo. Wir konnten uns an verlässlichen Eissanduhren sichern und auch mal eine Eisschraube als Zwischensicherung eindrehen. Von der Absicherung her also eine feine Sache.

Das war das Gute am Alpamayo. Wir konnten uns an verlässlichen Eissanduhren sichern und auch mal eine Eisschraube als Zwischensicherung eindrehen. Von der Absicherung her also eine feine Sache.

Das beste an diesem Tag war aber, dass wir den Alpamayo ganz für uns allein hatten. Niemand außer uns befand sich am Berg. Und die Krönung des Ganzen war die Tatsache, dass wir am Gipfel dieses Mal Sicht hatten. Kurz vor elf Uhr kamen wir oben an, und wie als Dank für unseren doppelten Einsatz hier am Alpamayo, präsentierten sich die gesamten Gipfel der Cordillera Blanca aufgereiht wie an einer Perlenkette. Es war der perfekte Augenblick.

Den teil des Gipfels, den wir zu betreten wagten, war so winzig, dass wir beide darauf nur kerzengerade stehen konnten. Das heißt, uns beide zu fotografieren, war schwierig. Dort oben herum zu laufen, trauten wir uns nicht, denn erst vor wenigen Wochen waren ja zwei Italiener mit einem Teil des Gipfeleisbalkons in die Tiefe gestürzt.

Den Teil des Gipfels, den wir zu betreten wagten, war so winzig, dass wir beide darauf nur kerzengerade stehen konnten. Das heißt, uns beide zu fotografieren, war schwierig. Dort oben herum zu laufen, trauten wir uns nicht, denn erst vor wenigen Wochen waren ja zwei Italiener mit einem Teil des Gipfeleisbalkons in die Tiefe gestürzt.

Doch auf einem Gipfel mit dem Abstieg vor Augen, ist es mit der Leichtigkeit des Seins so eine Sache. Die wurde erst spürbar, als wir wieder im Lager eintrafen. Hier unten war diese Leichtigkeit mit einem Mal das beherrschende Gefühl. Wir beide verspürten genau das Gleiche und sagten uns das auch. Eine Last ist abgefallen, wir sind jetzt frei.

Hier also das offizielle Gipfelfoto auf dem wir den dreigipfligen Pucajirca (6046 m) schauen sowie den Westgrat des Alpamayo hinab blicken.

Hier also das offizielle Gipfelfoto, auf welchem wir auf der anderen Seite des Alpamayo den dreigipfligen Pucajirca (6046 m) sehen sowie den Ostgrat des Alpamayo hinab blicken.

Was wir mit unserer Freiheit hier die letzten Tage noch anfangen werden, darauf sind wir beide selber gespannt. Aber wir hörten etwas von einem spektakulären Klettergebiet hier ganz in der Nähe. Es soll eines der schönsten in ganz Südamerika sein. Ein wenig Nachholtraining für die halb verpasste Klettersaison könnte nicht schaden.

Wenn es ein Lieblingsgipfelfoto gibt, dann ist es dieses. Shey, der vierjährige Sohn von Alex, meinem Webmaster, hat es für mich gemalt.

Wenn es ein Lieblingsgipfelfoto gibt, dann ist es dieses. Shey, der kleine Sohn von Alex, meinem Webmaster, hat es für mich gemalt.

12 Antworten

  1. Janina sagt:

    Lieber Olaf, lieber Jacob,

    Super!!! Noch mal Glückwunsch an euch beide! Zum Glück hat Shey mehrere Berge und Gipfel gemalt… denn nun sind es ja auch 3 Gipfel geworden!

    Ihr könnt Stolz auf euch sein, denn ihr habt viel Ausdauer, Mut und Ehrgeiz gehabt!

    Liebe Grüße, Janina

  2. Die Schwanefelder sagt:

    Hey ihr zwei,

    Auch von uns allen Glückwunsch – starke Leistung!!!
    Feiert euren Erfolg und genießt die verbleibende Zeit!

    Liebe Grüße von den Schwanefeldern

  3. Karin sagt:

    Glückwunsch,Ihr habt es wirklich verdient,alles richtig gemacht! Nun genießt mal Eure Freiheit.Viele Grüße und gut zurück,Karin

  4. Veronica sagt:

    Super, herzlichen Glückwünsch!!!
    Genießt die Zeit, die euch noch bleibt in Peru. Vielleicht kommt ja der eine oder andere schöne Gipfel noch dazu
    Herzliche Grüße
    Veronica

  5. Andrea J. sagt:

    Da kann man nur noch herzlich gratulieren. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Das Bild von Shey hat natürlich auch geholfen. Super! Und die Fotos sind mal wieder einmalig.
    Viele Grüße aus Leipzig.
    Andrea

  6. Birgit Nitschke sagt:

    Hallo Ihr zwei,
    Herzlichen Glückwunsch zu eurem Gipfelsieg.
    Tolle Leistung,einfach großartig.
    Wo der Mensch über sich hinaus wächst.
    ein Gefühl von Freiheit!

    Liebe Grüße
    Birgit

  7. hermann Taber sagt:

    Gratuliere,Klass Bilder 🙂

  8. Veit König sagt:

    Herzlichen Glückwunsch. Ich bewunder Eure Energie und Ausdauer.
    Tolle Fotos.
    LG
    Veit

  9. Sabine sagt:

    Äußerst spektakuläre Fotos die zeigen, wie heikel Eure Kletterei dort war. Umso schöner, dass Ihr es heil hinauf – und auch wieder herunter geschafft habt, Glückwunsch!!! Eure Erleichterung ist wahrlich mehr als nachvollziehbar. Geniesst das Gefühl der Freiheit, geniesst die geschenkte Zeit und vielleicht hast Du ja jetzt die Muße, in Ruhe durch die Gassen zu schlendern und all das zu fotografieren, was auf dem Weg zu den Bergen etwas zu kurz kam…;-) Danke für die wunderbaren Berichte.

  10. Christian sagt:

    Super, dass das noch mit dem Alpamayo geklappt hat. Das habt Ihr Euch auch verdient! Nun könnt Ihr auf die Gipfel mit einem (oder mehrere) Pisco Sour anstoßen.
    Viele Grüße
    K & C

  11. Dirk Juling sagt:

    nun hat er doch seine Spuren am Paramount hinterlassen, eigendlich eine wirklich tolle Leistung von Euch Zwein, Ihr seid doch recht zähe Burschen. Das ist nun ein Abenteuer gewesen für daß dann eigendlich Bücher geschrieben werden…. Auf den Vortrag bin ich gespannt.
    Kommt gut zurück in die deutsche Heimat, ich denke da wartet ein Mädel, daß man umärmeln kann!

  12. Thomas Schmidt sagt:

    Super ihr beiden !!
    Hat das Daumen-Drücken vielleicht ein wenig geholfen – weil das Wetter bei uns ebenso unbeständig war, habe ich ab und zu an euch gedacht…
    Genießt nun eure Freiheit 🙂

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