Große Erwartungen

Einer der aufregendsten und manchmal auch traurigsten Aspekte bei der Begleitung von Gästen an einen Berg ist der Augenblick, wenn Erwartungen auf Wirklichkeit treffen. Heute war es wieder soweit. Doch eins nach dem anderen.
Vorgestern haben wir alle! den knapp 5400m hohen Gokyo Ri bezwungen. Das war vor allem deshalb ein besonders bemerkenswerter Erfolg, weil es Gunter nicht so gut ging, er sich aber trotzdem mit einer gewaltigen Willensanstrengung bis ganz hinauf gekämpft hat. Er hat an diesem Tag mehr geleistet als wir alle zusammen. Zu viel, wie sich heute leider gezeigt hat.

Gestern hat sich die Nirekha-Gruppe von Elke, Carla, Gunter, Holger und Bernd verabschiedet. Die Fünf sind mit Kumar von Gokyo aus nach Phortse abgestiegen. Eine sehr lange Tagesetappe, die allerdings fast ausschließlich bergab führt. Fast eintausend Höhenmeter liegt Phortse tiefer als Gokyo.

Die Gipfelstürmer bei bestem Wetter auf dem Gokyo Ri mit Everest im Hintergrund. Leider fehlen Carla und Gunter auf diesem Foto, weil sie erst deutlich später am höchsten Punkt eintrafen. Da waren die anderen schon wieder im Abstieg. Es ist einfach zu kalt dort oben, um lange zu warten.

Wir Nirekha-Anwärter haben den Ngozumba Gletscher überquert, um Dragnak zu erreichen. Der Weg über den geröllbedeckten Gletscher war sehr gut sichtbar. Schon bald hatten wir unser Tagesziel erreicht.

Es dauerte nicht lange und auch mein Freund Kharma Rita aus Phortse traf mit seinen Yaks bei uns ein. Unsere sechs Ausrüstungstonnen, die Sven und ich in Namche gepackt hatten, sind also pünktlich bei uns hier in Dragnak angekommen.

Kharma Rita kenne ich übrigens seit mehr als fünfzehn Jahren. So lange wohne ich schon mit meinen Gästen in seiner gemütlichen und blitzsauberen Lodge in Phortse. Auch seine Dienste als Yaktreiber nehme ich schon seit vielen Jahren in Anspruch. Und nun, seit mir mein langjähriger Climbing-Sherpa Ang Dawa abhanden gekommen ist, er ist im vergangenen Jahr in die USA ausgewandert, wird er mich auch am Berg unterstützen.

Kharma Rita ist ein erfahrener Mann vor allem am Everest. Schon sechs Mal stand er auf dem Gipfel. Und er hätte vor ein paar Jahren beinahe den legendären Everest-Marathon gewonnen, der vom Basislager bis nach Namche führt. Er ist leider „nur“ Zweiter geworden, wie er selbst immer wieder betont.

Man hat häufig gar nicht das Gefühl, über einen Gletscher zu laufen, so dick ist der Ngozumba mit Geröll bedeckt. Doch immer mal wieder schaut das Eis wie auf diesem Bild in beeindruckenden Kaskaden aus den Steinmassen heraus.

Am Berg arbeiten wir beide zum ersten Mal zusammen. Und darauf freue ich mich besonders, denn Kharma Rita ist sicher nicht nur ein extrem leistungstarker Climbing-Sherpa, sondern auch ein überaus netter Mensch.

Gegen 19.00 Uhr habe ich gestern Abend von Dragnag aus Kumar in Phortse angerufen. Ich wollte wissen, ob alle gut angekommen sind. Doch leider war dem nicht so. Kumar berichtete, dass es Gunter nicht besser geht. Ich hatte gehofft, dass sich seine Probleme nach 1000 Höhenmetern im Abstieg in Luft auflösen würden. Ein solch massiver Abstieg bewirkt oft wahre Wunder. Doch dem war nicht so. Deshalb entschloss ich mich, noch in der Nacht nach Phortse abzusteigen, um mir selbst ein Bild zu machen. Kurz nach halb acht traf ich heute morgen dort ein. Die Sache war eindeutig. Gunters Zustand erlaubte keinen weiteren Aufstieg, deshalb begleitet Kumar ihn und seine Frau jetzt nach Namche Basar. Anschließend wird er so schnell wie möglich wieder zu seiner Gruppe zurückkehren, die nun für zwei Tage von einem Träger geführt wird. Es war für uns alle heute ein sehr trauriger Tag.

Ich bin dann von Phortse aus wieder nach Dragnak und weiter in das Basislager des Nirekha aufgestiegen. Alles war auch ohne mich perfekt eingerichtet. Vielen Dank an Euch alle hier oben.

Kharma Rita (re) und sein Sohn (li) beim Entladen ihrer Yaks in Dragnak. Ohne ihre Yaks könnten die Sherpas hier im Khumbu gar nicht existieren. Denn sie dienen nicht nur als Transportmittel, Woll-, Milch- und Fleischlieferant. Die Yaks produzieren vor allem ihren Dung, der in den baumlosen Hochlagen des Khumbu und in Tibet als überlebenswichtiger Brennstoff dient.

Morgen werden wir von unserem Basislager aus das erste Mal zum Bergfuß aufsteigen, der leider noch ein gutes Stück vom Basislager entfernt ist. Der Zweck dieses Aufstieges ist neben der Akklimatisation vor allem das Kennenlernen des Weges, den wir am Gipfeltag ja in stockfinsterer Nacht zurücklegen müssen. Bei der Gelegenheit wollen wir dort gleich ein Materialdepot anlegen und wenn möglich auch schon die ersten Fixseile in Richtung Cho-La-Col anbringen, von dem aus der Nirekha geklettert wird.

Übermorgen, also am 20. März, wollen wir dann noch einmal alle gemeinsam zu unserem Depot gehen und es ausbauen. Während alle wieder ins Basislager zurückkehren, werden Kharma Rita und ich Seile in der Route fixieren und dann ebenfalls ins Basislager absteigen.

Am 21. März schlägt dann die Stunde der Wahrheit. Bald nach Mitternacht brechen wir zu einem ersten Gipfelversuch auf, vorausgesetzt, das Wetter spielt mit und die Bedingungen am Berg auch.

So sieht also unser Plan bis zum 21. März aus. Die Erwartungen an die nächsten Tage sind groß. Und es wird eine Menge Einsatz und Härte nötig sein, ihnen gerecht zu werden. Nicht nur von mir.

22 Antworten

  1. Veronica sagt:

    Ich gratuliere zum Besteigen des Gokyo Ri! Ein schönes Foto von euch allen (fast allen ….)!
    Das tut mir sehr leid für Gunter, dass es ihm gesundheitlich nicht so gut geht!! Gute Besserung Gunter!!
    Und Olaf, dass du „mal eben“ von Dragnak nach Phorste abgestiegen und wieder nach Dragnak (und weiter) aufgestiegen bist, alle Achtung!! Ich sehe ja auf meiner wunderschönen Karte wie weit das ist!!
    Viel Erfolg weiterhin für euch alle!!
    Herzliche Grüße, Veronica

  2. wolfgang jähne sagt:

    hallo Olaf und deine Mannschaft.sind ja tolle Bilder und es werden erinnerungen wach.wünsche euch alles gute.
    günter hat einen Treff am 22. 04. um ca.17 uhr bei sich
    Tschüs und alles gute euch allen. Wolfgang

  3. Annett sagt:

    Erschüttert lese ich das es meinem Papa nicht gut geht und das sie zurück auf dem Weg nach Namche Basar sind. Hoffe aus tiefstem Herzen das es ihm schnell wieder besser geht und ich bald was von ihnen höre. Vielen lieben Dank an dich lieber Olaf und lieber Kumar, das ihr euch so um alles kümmert. Es ist nicht selbstverständlich diese ganzen Strapazen der vielen Höhenmeter sich selber zusätzlich zuzumuten. Dem Rest der Gruppe wünsche ich ganz viel Gesundheit, Kraft und Ausdauer das ihr eure Ziele schafft und alle fit bleibt. In Gedanken werde ich euch weiter begleiten. In der Hoffnung auf hoffentlich gute Nachrichten von allen sende ich euch liebe Grüße Annett Müller

  4. Kiwi sagt:

    Hallo Jens, die Volleyballer drücken die Daumen, dass du dein gestecktes Ziel erreichst. Ich hoffe, dein Knie lässt dich nicht im Stich. Du hast den Biss und den Mumm, den Berg zu bezwingen. Und wenns nicht mehr weiter geht, wir stehen alle hinter dir und schiiiiiieben! 😉 Danke Olaf für das unglaublich perfekte Organisieren der Tour und die Sorge um das Team! Du bist wirklich ein super Guide!
    Namaste!
    Eure Kiwi

  5. Hans sagt:

    Hallo Jens und Olaf,
    schön zu lesen, dass euch allen gut geht. In Gedanken ziehen wir mit durch die Berge des Himalaya und lassen die Eindrücke von damals Revue passieren.
    Wir wünschen euch eine erfolgreiche Besteigung und vor allem Abstieg.
    Hans & Simone

  6. Elke sagt:

    Hallo. .es ist Bewundernswert zu lesen und zu sehen wie ihr gemeinsam die gesteckten Ziele die ihr euch gesetzt habt erreicht habt…wir hoffen das es Gunter wieder besser geht…gaaaaanz lieb gegrüßt und umarmt liebe Elke deine Blase und Haase…auch l.g.von Sylvia. ..sie bewundert euch alle…bleibt Gesund. …

  7. Bernd Bienia sagt:

    Wir sind nun als kleine Gruppe gut in Chukhung angekommen und haben den geänderten Plan umgesetzt.
    Wir sind froh das Karla und Gunter im Namche angekommen sind und es Beiden wieder besser geht. Dank FACEBOOK haben wir gute Infos von Kumar bekommen und sind sehr erleichtert. Morgen wollen wir den Chukhung Rie besteigen und uns danach mit Kumar in Dingboche treffen. Wir denken auch an die Freunde am Nirekha Peak und hoffen auf Erfolg und gesunde Rückkehr vom Berg.

  8. Annett sagt:

    Ich bin froh zu zu hören das meine Eltern gut in Namche Bazar angekomnen sind und es ihnen besser geht..vielen Dank der Gruppe für die Info. Hab mir in der Ferne richtig Sorgen gemacht. Wünsche euch viel Glück für eure Besteigung morgen.Hoffe ihr bleibt fit. Toi toi toi….liebe Grüße Annett Müller

  9. Ninette und Martin sagt:

    Hallo Jens, weiterhin viel Erfolg

  10. Gabriele Höhnel sagt:

    Hallo mein lieber Bruder Gunter und Karlchen ihr habt uns sehr in Sorge gebracht. Als Annett mich am Freitagabend angerufen hatte, wusste ich es noch nicht da ich die Nachrichten von euch noch nicht gelesen habe. Ich danke allen Bergführern das sie sich so gut um die beiden gekümmert haben. Es ist nicht einfach mit einer Gruppe so etwas zu bewältigen. Nun heißt es für die beiden ausruhen und wieder neue Kraft schöpfen. Für alle noch gute Gesundheit mit lieben Grüßen von Gabi, Gunters Schwester

  11. Hildegard Weigelt sagt:

    Hallo, ich freue mich, dass ihr gut und gesund in Chukhung angekommen seid. Für die Besteigung des Chukhung Rie alles Gute und kommt sicher wieder runter. Auch der Nirekha-Gruppe gutes Gelingen und eine sichere Rückkehr.
    Es war eine Erleichterung zu lesen, dass es Gunther wieder besser geht. Viele Grüsse Hildegard

  12. Michael Webers sagt:

    Lieber Jens, ich wünsche dir viel Erfolg beim Gipfelanstieg und komm heil wieder zurück.
    Liebe Grüße auch an Olaf. Michael

  13. Ulla Mies sagt:

    Liebe Grüße von den Berlinern, wir drücken alle Daumen für morgen und denken an Dich und Deine Berggenossen. und sind stolz auf Dich.

    Toi, toi, toi Ulla und Uschi

  14. Sina sagt:

    Morgen ist es wohl soweit:Zeit für den Gipfel. Während mir mit dem Rad auffällt,dass Bochum-Stiepel ganz schön „bergig“ ist stellt ihr euch ernstzunehmenden Herausforderungen. Dabei wünsche ich euch ganz viel Spaß,Kraft und natürlich,dass die äußeren Begebenheiten es gut meinen mit euch. Ich denke viel an euch-vor allem an einen:)

  15. Pia Karbowiak sagt:

    Hallo Jens, Alette und ich waren am Wochenende bei Deinen Eltern. Sie verfolgen genauso wie wir die Berichte von Olaf. Sie wünschen Dir viel Glück.
    Ich wünsche mir, daß Du an meine Worte denkst- viel Glück!
    Bis bald!

  16. Sabine sagt:

    Ich wünsche den Gipfelbesteigern alles erdenklich Gute…Es müsste ja bald los gehen. Viel Kraft, Ausdauer und bestes Wetter. Kommt alle Gesund wieder.
    An jemanden denke ich dabei besonders…vergiss das wichtigste nicht und pass gut auf dich auf.

  17. Alette sagt:

    Hallo Vati,
    auch von uns noch einmal:
    Alle Daumen sind gedrückt. Bitte komm einfach nur gesund und munter wieder!
    Whdl

  18. Kerstin Kriebel sagt:

    Hallo Jens,
    nun beginnt die „heiße Phase“ => obwohl dort bei euch sicherlich ziemlich kalt ist 😉
    Wir sind mit sehr viel Spannung ständig „auf Sender“ und verfolgen die Berichte. Wir drücken dir und natürlich dem ganzen Team die Daumen und wünschen optimales Wetter. Teilt eure Kräfte gut ein und behaltet immer einen klaren Kopf da oben. Viel Glück !

  19. Marion und Joachim Göpfert sagt:

    Hallo Jens,
    Ihr habt schon ein gutes Stück Eures langen Weges geschafft, jetzt werden die Daumen aber durchgedrückt.
    Nochmals Kraft und viel Gesundheit für alle!

  20. Carmen Weber sagt:

    Hallo Jens,
    mit Sicherheit bist du jetzt voll mit der großen Tour beschäftigt und ich wünsche viel Kraft und Durchhaltevermögen, wie natürlich auch allen anderen mutigen Bergbezwingern. Ich hoffe, das Wetter lässt euch nicht im Stich und ihr kommt gut voran.
    Also – der Berg ruft – und ich wünsche viel Erfolg, Spaß und Kraft.
    Viele Grüße
    Carmen

  21. Christiane Jarchow sagt:

    Hallo Jens,
    heute ist der große Tag und wir drücken Euch ganz fest die Daumen, dass alles gut geht und ein unvergessliches Erlebnis wird.
    Deine Nachbarn Uli und Christiane

  22. Hoffmeister, Gunhild sagt:

    Hallo, liebe Chica, konnte heute erst die neuen Infos lesen. Sicher seid ihr jetzt schon auf dem Gipfel…? Ich habe dir und euch doll die Daumen gedrückt. Schade für den Gunther, hoffentlich gehts ihm schon besser…? Bin ganz gespannt auf die neuen Infos und Bilder.L. G.Gunhild

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