Rückzug im Sturm (Teil 2)

Sofort als wir am Donnerstagabend gegen 22.00 Uhr auf dem Franzosensattel eintrafen, fing ich an, alle paar Minuten auf meinen Höhenmesser zu schauen. Dieser misst den Luftdruck und ordnet ihm eine Höhe zu. Er zeigte 2700 m an. Wenn sich die angezeigte Höhe ändert, dann liegt das daran, dass der Luftdruck sinkt oder steigt. Ich beschwor die Uhr regelrecht. Und tatsächlich! Nach einer Stunde waren wir nur noch auf 2685 m, der Luftdruck stieg also. Dazu flaute der Wind ab, und der Cerro Torre tauchte aus den Wolken auf. Alles war genauso, wie es sein sollte. Mir ging es wirklich gut an diesem Abend. Ich schlief sogar relativ rasch ein. Nichts deutete darauf hin, was am nächsten Morgen auf uns zukam.

Es war unmöglich, die Brille aufzubehalten, sie vereiste sofort. Es war aber auch unmöglich sie abzusetzen, denn dann vereisten die Wimpern, und man konnte auch nichts mehr sehen. Das war aber nur ein Problem von vielen.

Es war unmöglich die Brille aufzubehalten, weil sie dann sofort beschlug und vereiste und wir nichts mehr sehen konnten. Es war aber auch unmöglich, die Brille abzusetzen, weil dann die Wimpern sofort zufroren und wir dann auch nichts mehr sahen. Außerdem wird man bei diesen Bedingungen ohne Brille schneeblind. Aber das war nur ein Problem von vielen.

Ich erwachte, weil mir irgend etwas Kaltes auf dem Kopf lag. Es war Schnee, der den Zelteingang eindrückte. Ich hörte es deutlich. Draussen stürmte es, Eiskristalle prasselten auf das Zeltdach. Das konnte nichts anderes sein, als ein böser Traum. Der Blick aus dem Zelt holte mich dann aber zurück auf den Boden der Tatsachen. Um uns war die Hölle los. Der Luftdruck war nicht wie erwartet gestiegen, sondern in den letzten vier Stunden gefallen. Wir beide waren wie erstarrt, als wir unsere Situation begriffen hatten. Wir saßen mitten im patagonischen Wetterinferno auf dem Franzosensattel und mussten da irgendwie wieder runter.

In der Brecha rauschten die Lockerschneelawinen über uns hinweg. Alles vereiste. Die Seile, die Karabiner, die Handschuhe, wir...

Zuerst packten wir unseren Krempel zusammen. Das bekamen wir irgendwie noch ganz gut hin. Als nächstes galt es, den richtigen Weg wieder hinunter zur Scharte also zum Beginn der Italienerrinne zu finden. Auch das klappte Gott sei Dank trotz extrem schlechter Sicht auf Anhieb. Wir mussten nur dreimal abseilen. Dabei verlor ich allerdings ein Eisgerät, welches Fabian aber rettete. Somit hat er jetzt ein vegetarisches Abendessen bei mir gut.

Ich weiss nicht mehr, wie oft wir abgeseilt sind. Es gab Probleme, die Hakenstände zu finden, die in der Brecha eingerichtet sind, weil sie teilweise unter dem Schnee verschwunden waren.

An der Scharte angekommen, trafen wir auf die beiden Amerikaner. Sie hatten die Nacht ohne Zelt auf einem winzigen Biwakplatz direkt am Ausstieg der Rinne verbracht. Es fiel ihnen sichtlich schwer, in die Gänge zu kommen. Wir waren durch die Nacht im Zelt in wesentlich besserer Verfassung. Für die Abseilaktion durch die Brecha schlossen wir uns zusammen.

Als wir alle heil am Fuße der Brecha ankamen, gab es das nächste Problem. Durch die Lawinen hatten sich hier riesige Mengen an Schnee angesammelt. Als sich der erste von uns über den Bergschrund abließ, versank er bis zum Hals im grundlosen Neuschnee.

Laufen ging hier nicht mehr. Wir schwammen regelrecht durch den grundlosen Schnee, bis wir endlich wieder festen Boden unter den Füßen hatten.

Nun war es aber weitgehend überstanden. Es herrschte zwar nach wie vor dichtes Schneetreiben, aber je weiter wir in Richtung Paso superior abstiegen, desto besser ging es voran. Die Spurarbeit war nicht so anstrengend wie erwartet, weil der Schnee locker und mit jedem Schritt abwärts weniger hoch lag. Und am Paso hatten wir sogar freie Sicht nach unten. Dort im 1000 m tiefer gelegenen Basislager schien tatsächlich die Sonne. Der Abstieg dort hinunter war nur noch Formsache. Schnee war unterhalb des Paso kaum noch gefallen.

Gibt es etwas Positives, welches über die Enttäuschung des Misserfolges hinweg hilft? Gibt es und zwar eine ganze Menge. Wir sind gesund und munter. Wir sind ein wirklich gutes Team. Ich möchte hier mit niemand anderem als mit Fabian unterwegs sein. Wir beide wissen nun, dass wir recht belastbar sind, und dass wir den Kopf nicht verlieren, auch wenn es ein bisschen schwieriger wird. Und wir haben erfahren, dass man in Patagonien auf wirklich alles gefasst sein muss.

Ich geb es zu. Es macht mir zu schaffen, dass die Abhängigkeit von anderen Dingen als von einem selbst hier so gravierend ist. Vielleicht bin ich ein schlechter Verlierer. Doch werden wir einen kühlen Kopf behalten und weiter auf unsere Chance warten. Wir sind geschlagen, aber wir sind nicht besiegt. Knapp zwei Wochen bleiben uns noch.

Wie es nun weitergeht, können wir derzeit nicht sagen. Der Berg ist mit einem Schnee- bzw. Eispanzer bedeckt. Selbst wenn es in den nächsten Tagen mit dem Wetter wieder besser werden sollte, ist am Fitz Roy erst einmal nichts zu machen. Aber die wohl nicht immer zuverlässige Vorhersage prophezeit in den kommenden Tagen auch nicht besonders viel gutes.

Wir sind nach El Chaltén abgestiegen und lecken unsere „Wunden“, soll heißen, wir päppeln uns wieder ein bisschen auf. Fabian bespielsweise futtert ein Stück Kuchen nach dem anderen. Fest steht, dass wir heute wieder ins Basislager aufsteigen werden, um zu sehen, was aus unseren bulgarischen Freunden geworden ist. Hoffentlich ging bei ihnen alles ebenso gut aus wie bei uns. Wenn wir einen neuen Plan haben, dann melde ich mich wieder.

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5 Antworten

  1. Dirk sagt:

    Wow, was für fantastische Bilder die die ganze Dramatik und Situation trefflich widerspiegeln!

  2. Tiphaine sagt:

    Ich drücke euch die Daumen, dass der nächste Versuch der richtige wird.

    Liebe Grüße aus DA!

  3. Ulf sagt:

    olaf,

    mann,mann,mann…nach so vielen kommentaren bleibt nicht mehr viel offen. das leben breitet sich vor euch aus. deine bilder drücken das aus. deine worte stellen es in frage. ich kann die ganze wetterscheiße, die verzweiflung und den frust so gut nachempfinden. ich würde wahrscheinlich genauso schreiben und fühle mit während ich das sage. egal was noch kommt oder auch nicht – öffnet die augen und fühlt was da abgeht. zug für zug im soulstorm patagoniens.

    ganzfettdaumendrückend, dass ihr den fitzroy noch weiter nach oben kommt – vielleicht sogar bis ganz nach oben. wär doch der hammer, oder? kurz vor knapp bei wie üblich schönstem wetter auf dem gipfel stehend 🙂

    alles gute
    der ulf

  4. Willkommen zurück Ihr Himmelhunde,
    uns fällt en Stein v.Herzen und uns läuft`s eiskalt den Rücken runter beim Anblick Eurer Portraitfoto`s !!! Es erfreut mich ungemein, daß Ihr beiden so ein herrvorragendes Team am Fitz`e bildet,meine Hochachtung !!!
    Wer hätte das gedacht,bei unserem ersten Zusammentreffen an der Gelben Kante,und am Torre Preus 2009 !?!
    Fabian*Olaf, ruht, esst+trinkt, schlaft und laßt es Euch gut gehen. Macht Euch frisch für den nächten An-und Abstieg am Fitz Roy.
    Fürs Erste sind unsere Gemüter beruhigt,
    haufenweise Glück die besten Grüße Evi+Ralf

  5. Ralf Brummer sagt:

    Hallo Olaf, hallo Fabian,
    das war knapp!
    Erholt Euch gut, sammelt neue Kräfte und neuen Mut.
    Beste Grüße, Ralf

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