Lager 2

Es klingt womöglich seltsam. Unser Basecamp ist seit vorgestern das 1000 Höhenmeter unter dem Gipfel des Shivling gelegene zweite Hochlager. Eine Menge Schlepperei war dazu nötig. Doch nun stehen wir tatsächlich in den Startlöchern.

Seit dem 3. Oktober sind wir hier oben. Das gesamte Lager 1 haben wir in drei Aufstiegen hinauf auf den Westgrat verlegt. Alles was wir für die nächsten vier bis fünf Tage benötigen, ist hier oben.

Sehr ausgesetzt auf der Schneide unseres Westgrates gelegen, gehört dieser Zeltplatz sicher zu den schönsten, an denen ich bisher meine Nylonbehausung aufstellen durfte.

Den langen und beschwerlichen Weg hinunter ins Basislager müssen wir jetzt nicht mehr gehen. Wir sind dort sozusagen abgemeldet. Nur einmal am Tag wird mit unserem Verbindungsoffizier gefunkt.

Nachdem wir vorgestern unser zweites Hochlager zu unserem festen Wohnsitz hier am Shivling auserkoren haben, sind wir gestern zur Eiswand aufgestiegen. Sie stellt in diesem Jahr ganz sicher die Schlüsselstelle in der Route über den Westgrat dar.

Ich genieße den Luxus eines eigenen Zeltes. Aber einen Nachteil hat die ganze Sache mit dem Lager 2. Die Sonne kommt um 10.14 Uhr und ist kurz nach 16.00 Uhr wieder verschwunden. Die 18 Stunden dazwischen liegen die Temperaturen in diesem Zelt zwischen fünf und zehn Grad Frost!!

Dementsprechend groß war unsere Anspannung. Würden wir vielleicht doch eine Möglichkeit zum Durchstieg finden? Wir haben uns die Sache eingehend angeschaut. Dort wo der Grat in die über 100 Meter hohe Eiswand mündet, sieht es tatsächlich nicht gerade vielversprechend aus. Aber auch die Ausweich- bzw. Umgehungsmöglichkeiten sind wenig ermutigend.

Das ist sie nun, die Crux der ganzen Sache. Wir müssen uns entscheiden. Wollen wir hier durch oder sind wir vernünftig wie unsere Vorgänger?

Ich denke, dass es hier darum geht, sich sehr bewusst klar zu machen, ob man das Risiko eingehen will oder eben nicht. Aber ganz nebenbei gesagt. Der Weg durch den Khumbu-Eisfall am Everest 2005 oder den Gasherbrum-Eisbruch, den ich während meiner drei Reisen zu den Gasherbrums 1996, 2001 und 2012 bestimmt zwei Dutzend Mal im Auf- und Abstieg durchquert habe, bedeutete kein bisschen weniger Wagnis.

Höchstgeschwindigkeit im Auf- und Abstieg ist hier wie dort die Devise. Wir werden also einen Versuch wagen. Das ist nach unserer „Besichtigungstour“ beschlossene Sache. Morgen geht es los.

Singi und Herbert Wolf sind diejenigen, die in diesem Jahr ganz sicher am meisten an diesem Berg geschuftet haben.

Zum Schluss möchten wir uns bei Singi und Herbert bedanken. Von ihrer Vorarbeit am Berg profitieren wir, und das spart uns Kraft und auch Zeit. Wenn wir an diesem Berg Erfolg haben sollten, dann auch wegen Eurem Einsatz. Das vergessen wir hier keinen Augenblick!

Wenn wir uns das nächste Mal melden, dann war uns der Shivling gnädig oder eben auch nicht. In seine Hände begeben wir uns ab morgen. Von ihm hängt nun alles ab…

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5 Antworten

  1. Veronica sagt:

    Viel Erfolg!!!

  2. Bert und Ulli sagt:

    Wir denken an euch und wünschen Glück, immer ein gutes Auge und einen sicheren Tritt!

  3. Sabine sagt:

    Vielleicht könnt Ihr ja von den Erfahrungen von Helga Hengge profitieren, die auch am Shivling auf Eurer Route unterwegs ist/ bis vorgestern war.

    • Administrator sagt:

      Leider konnten wir von Helga Hengges Erfahrungen nicht profitieren, da sie ihre Besteigung vor dem Eisbruch abgebrochen hat. Aber dafür haben wir nett im Basislager miteinander geplaudert. Olaf.

  4. Jörg G. sagt:

    auch ich drücke hier von zu Hause die Daumen für euch drei!! Möge das Wetter so halten wie auf den Fotos und der Eisbruch sich als granitähnlich erweisen.

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