Eine Nachtnotiz

Anne schreibt:

Ich habe schlecht geschlafen- ich habe ausgeschlafen. Unsere Reise nährt sich ihrem Mittelpunkt und vielleicht tue ich das auch irgendwie. Ich denke nach: Über mich, andere Menschen, alternative Lebensmöglichkeiten. Mein Freund treibt sich mitten in der Nacht in der klirrenden Kälte herum, fotografiert die Sterne, die hier oben, im Himalaya, auf dem Dach der Welt, so faszinierend klar strahlen und funkeln, wie vielleicht sonst nirgends auf der Welt. Die Luft ist klar, völlig frei von Staub. “ Lichtverschmutzung“ durch Konsumtempel und beleuchtete Großstädte gibt es hier nicht.

Eine Nachtaufnahme am dritten See unweit der Gokyoalm (Foto: Jens Klawonn).

Am Anfang unserer Reise in Kathmandu und am Ausgangspunkt des Trekkingabenteuers hörte ich ohrenbetäubenden Lärm, roch dreckige Luft, Gestank, Abgase, Staub, sah unvorstellbaren Dreck, Zivilisationsmüll und bittere Armut. Ich wurde mir immer wieder schmerzhaft meines priviligierten Lebens in Deutschland bewusst, vor allem als Frau- gut ausgebildet, selbstständig, selbst bestimmt.

Jens mit seinem Arbeitsgerät, einer Lumix GH4 (Foto: Olaf).

Kürzlich stand ich auf dem 5360 Meter hohen Renjo-Pass, mir traten die Tränen in die Augen. Vor Erschöpfung, vor Rührung, diesen brutal- schönen Giganten leibhaftig angesichtig zu sein? Wahrscheinlich war es eine Mischung von beidem. Die Bergwelt erstrahlte weiß im Sonnenschein, zeigte sich freizügig in all ihrer Schönheit, Schroffheit, in all ihren Grauschattierungen und bizzaren Formen. Manchmal verhüllt sie auch ihr Anlitz schamhaft oder mystisch hinter Nebelbänken oder Wolkenschleiern, um dann unvermittelt wieder präsent zu sein.

Anne und Jens gestern auf dem Renjo-Pass mit dem Everest im Hintergund (Foto: Olaf).

Mit jedem Schritt auf den anstrengenden Auf- und zum Teil gefährlichen Abstiegen spüre ich meine schmerzenden Muskeln, mein Herz rast, ich höre meinen keuchenden Atem, registriere, wie mir der Schweiß den Rücken herunter rinnt, die Sonne wärmt mich und der Wind streichelt meine Haut. Ich bin. Hier.

Diese gigantische Bergwelt häutet mich, Wesentliches reduziert sich auf das Einfache, Verzicht auf liebgewordene Gewohnheiten und Eitelkeiten kann von mir geübt werden. Diese Natur zwingt mich mit ihrem “ So- Sein“, sie zu akzeptieren, mich anzupassen, an meine Grenzen zu gehen und selbige besser einschätzen zu lernen.

Ein namenloser Gipfel spiegelt sich im dritten See des Ngozumbatales im Morgenlicht (Foto: Jens Klawonn).

Das Dach der Welt im Himalaya atmet einen Hauch von Ewigkeit. Mir wird bewusst, dass es diese Landschaft so oder so ähnlich immer noch geben wird, auch wenn ich oder meine Nachkommen schon längst nicht mehr auf diesem Planten lustwandeln werden.

Ich bin froh darüber, den Mut für diese Reise aufgebracht zu haben, nicht schlafen zu können, weil ich so wieder freier denken kann. Ich möchte liebevoll und fürsorglich mit mir und anderen Wesen umgehen. In diesem Sinne: Das letzte Sternlein blinkt, mein Liebster kommt durchgefroren, aber glücklich zur Türe rein- Guten Morgen!

Anne

4 Antworten

  1. Veronica sagt:

    Ein schöner Bericht, Anne!!

  2. Charlotte Petersein sagt:

    Das hast du schön geschrieben, meine schlaflose Mama. Ein kleiner Einblick in eine Reise, die für Außenstehende schwer zu begreifen ist. Genießt weiter diese ungewöhnliche Umgebung. Kuss auf euch beide. Charlotte

  3. Guten Abend, Olaf! Guten Abend, Himalaya-Trekker!
    Hier in Plaue ist es gerade 18 Uhr durch am Sonntagabend. Die beste Zeit für mich, Deine Blogs in Ruhe zu lesen.
    Es ist immer wieder schön zu erfahren, dass der Himalaya wohl offensichtlich ein sehr gut geeigneter Ort ist, über viele Dinge, u. a. über sich selbst nachzudenken bzw. seelische Dinge mit dorthin zu nehmen, um sie dort zu lassen.
    Dein letzter Blog ist sehr schön geschrieben.

    Weiterhin viel Spaß Euch allen!

    Mayk aus Plaue!

  4. Marlis Tiepoldt sagt:

    Liebe Anne, lieber Jens,
    ich freue mich mit Euch über Eure tief greifenden Erlebnisse in der einsamen Natur, verfolge Euren Weg und bin in Gedanken bei Euch.
    Eure Marlis

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