Widerspenstig Teil 1

Außer uns biwakierte hier im Hochlager noch eine zweite Seilschaft. Ein Russe und ein Kanadier. Als die beiden aufbrachen, war es kurz nach Ein Uhr mitten in der Nacht. Wieso so zeitig? Erst gegen Sechs kommt das Licht. Wir wollten genau um diese Zeit starten. Vielleicht viel zu spät? Aber ich wollte nicht den halben Berg im Dunkeln besteigen. Womöglich war ja die gesamte Aktion ein großer Fehler? Es musste doch Gründe dafür geben, dass hier buchstäblich alle umgekehrt sind. Doch fest steht auch: Auf unserer Erkundungstour sah es so unmöglich gar nicht aus.

01_Aufbruch

Aufbruch mit dem ersten Morgenlicht. Ich möchte so eine Kletterei natürlich auch genießen. Und dass ist schwer, wenn ich die halbe Nacht unterwegs bin, und es nicht einmal unbedingt nötig ist. Dann steige ich lieber im Dunkeln ab als auf.

Und dann das. Schon von weitem sahen wir die russisch-kanadische Seilschaft absteigen. So schnell konnten sie nicht am Gipfel gewesen sein, obwohl die zwei sehr stark und erfahren aussahen. Ihre Ausrüstung war abgewetzt und ihr teures Hilleberg-Zelt mehrfach geflickt. Diese zwei gingen nicht das erste Mal in die Berge. Und nun kamen sie uns entgegen. Was war los?

Kurz gesagt sind diese beiden nicht über den Bergschrund gekommen. Wie buchstäblich fast alles am Artesonraju konnte diese Passage nicht vernünftig abgesichert werden. Es war ihnen einfach zu unsicher. Übrigens lag der Bergschrund genau 50 m oberhalb über unseres Umkehrpunktes bei der Erkundungstour. Also ganz am Anfang der 800 m hohen Wand. (Ein Bergschrund ist eine häufig sehr eindrucksvolle Spalte, die dadurch entsteht, dass der Gletscher, der sich meist am Fuße einer solchen schnee- und eisbedeckten Bergflanke bildet, von dieser Schnee- bzw. Eisschicht in der Flanke abreißt.)

02_Bergschrund

Jacob am Bergschrund, der sich nicht so furchteinflößend präsentierte, wie wir nach dem Bericht der anderen Seilschaft erwartet hatten.

Die beiden hielten den Artesonraju unter den diesjährigen Bedingungen für womöglich besteigbar, aber wegen des vielen Schnees, der miserablen Absicherbarkeit und der Lawinengefahr für zu gefährlich. Sie rieten uns von einem Versuch ab. In diesem Moment war ich drauf und dran das Handtuch zu werfen.

Kampflos aufgeben? Umkehren ohne einen ernsthaften Versuch gemacht zu haben? Das kam dann doch nicht in Frage!  Auch Jacob war von dieser Meinung überzeugt. Ich allerdings war selten so zwiespältig an einem Berg und irgendwie frei von Trotz. Ich hatte einfach nur Angst, Jacob und mich sehenden Auges in eine unbeherrschbare Lage zu bringen. Aber umkehren, ging in dieser Situation eben auch nicht. Und so beschlossen wir, uns den Bergschrund wenigstens mal aus der Nähe anzuschauen…

Wir hatten uns am Bergschrund eine Stelle gesucht, wo ein beherzter Übertritt möglich erschien. Abzusichern war er natürlich wirklich nicht. Aber ganz ohne Risiko geht es eben nie.

Wir hatten uns am Bergschrund eine Stelle gesucht, wo ein beherzter Übertritt möglich erschien. Abzusichern war er natürlich wirklich nicht. Aber ganz ohne Risiko geht es eben nie. (Foto: Jacob Andreas)

3 Antworten

  1. dunia schwarz sagt:

    Bin sehr gespannt auf’s 2. Kapitel… Die ganze Geschichte ist wirklich mitreissend!

  2. Veronica sagt:

    Tolles Wetter, tolle Bilder (besonders das mit dem Morgenlicht), eine tolle Geschichte. Wie geht es weiter??

  3. Thomas Schmidt sagt:

    Endlich mal eine super Erklaerung, was ein Bergschrunds ist, super Jungs !!

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