Lebenskraft

Ich bin auf dem Weg. Gestern ging es von Namche nach Mong, heute von dort aus nach Pangboche. Eigentlich kurze Etappen, ich war heute noch vor zwölf Uhr am Ziel.

Doch länger laufen geht nicht. Ich muss Rücksicht auf meine beiden Träger nehmen und auch auf mich, denn selbst nach dem mehrwöchigen Trekking will ich nicht mehr als drei- bis vierhundert Meter am Tag aufsteigen. So ein Lungenödem hat man sich schneller eingehandelt, als man denkt.

Eigentlich gibt es nicht wirklich etwas Neues zu erzählen, zu erzählen aber eine Menge.

Die Aussaat der Kartoffeln hat begonnen. Groß und klein, alt und jung ist auf den Beinen, um die Kartoffeln in die Erde zu bringen. Sie sind das wichtigste Grundnahrungsmittel der Sherpas neben dem Reis. Der aber muss herangetragen werden. Die Kartoffeln gedeihen auch hier oben bestens.

Bei Karma Rita in Phortse hab ich heute Vormittag Rast gemacht. Die ganze Familie war auf dem Feld. Und das jüngste Familienmitglied kann zwar gerade mal laufen, hat aber auch schon eine Minihacke und hilft kräftig mit.

Die Yaks sind auf dem Weg. Die Saison am Everest steht vor der Tür. Noch aber sind keine Bergsteiger hier. Sie kommen erst Mitte April. Es wird also kein Gepäck ins Basislager getragen sondern Heu. Die ersten Yakkaravanen, denen man begegnet, transportieren also ihr eigenes Futter hinauf. Es gibt auf den letzten Etappen Richtung Basecamp bei weitem nicht genug Futter für die unzähligen Yaks, die in den kommenden Wochen hunderte von Tonnen Nahrung, Ausrüstung und Brennstoff in das Basislager des Everest schaffen werden. Und die Tiere müssen natürlich zu aller erst versorgt werden.

Diesen prächtigen Yaks begegnete ich heute auf meinem Lieblingswegabschnitt zwischen Phortse und Pangboche. Sie waren auf dem Weg vom Basislager zurück nach Namche, um von dort neue Lasten zu holen.

Das wirklich interessante heute, dass was mich an den Rechner gebracht hat, war die Begegnung mit Lakpa Gyaltsen. Ich traf den Mann heute morgen beim Abstieg von Mong hinunter nach Phortse Tenga. Er bewegte sich extrem langsam. Von weitem dachte ich, er sei womöglich verletzt. Und so ähnlich war es dann auch. Er war nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt.

Sofort als er mich sah, fing er an zu erzählen. Ich konnte ihn kaum verstehen. Aber das er einmal ein bärenstarker Climbingsherpa war, der mit Hans Kammerlander das Unglück am Manaslu miterlebt hat, das hab ich verstanden. Er schwärmte von Hans Kammerlander. Wenn ich ihn sehe, soll ich ihm unbedingt erzählen, dass er seine Hilfe braucht. Ich werde das ausrichten, wenn Herr Kammerlander das nächste Mal in Leipzig einen Vortrag hält.

Er stellte sich in Positur und versuchte für das Foto so gut es ging, sein Handicap zu verbergen. Er freute sich ganz offensichtlich, dass sich jemand ohne Scheu eine halbe Stunde lang mit ihm unterhielt.

Doch was macht ein halbseitig gelähmter Mann mutterseelenallein auf dem Weg von Mong nach Phortse? Wo kam er her und wo wollte er noch hin? Ein für uns verzärtelte Wesen völlig unvorstellbarer Vorgang. Er würde bei seinem Tempo zehn oder zwölf Stunden von Mong nach Phortse unterwegs sein. Ich war mal wieder fassungslos. Er kam aus Khunde, wo er im Hospital nachgefragt hat, was denn mit ihm sei und ob man ihm helfen könnte. Die Antwort muss ziemlich niederschmetternd gewesen sein.

Das einzige, was ihn auf meine Frage hin betrübte, war die Tatsache, dass er nun wohl nicht mehr so oft zum Basar nach Namche gehen könnte. Aber hin und wieder würde er es dennoch tun.

Von dieser Begegnung heute morgen, werde ich noch lange zehren. Dieser Mann hatte eine Unverzagtheit und Lebenskraft, wie ich sie noch nie erfühlt habe. Ich glaube, so was machen die Berge hier.

3 Antworten

  1. Janina sagt:

    Hallo Olaf,
    Tolle Begegnungen! So jemand macht einen schon nachdenklich und lässt die eigenen, alltäglichen kleinen Sorgen dahin schmelzen! So eine Reise hat irgendwie eine “reinigende” Wirkung!

    Liebe Grūße
    Janina

  2. Jutta sagt:

    Da wird man doch sehr nachdenklich…

  3. Andrea J. sagt:

    …. ja, unbedingt „reinigend“ und nachdenklich zugleich.
    Sicherlich hält diesen Mann seine lebenslange Bewegung aufrecht. Sein Leben hat ihn gelehrt, dass Ängste ihm nicht helfen und das gibt ihm die Kraft, diese Wege zu gehen. Ich wünsche ihm viel Energie und alles Gute!

Vielleicht gefällt Ihnen auch…