Alles ist eitel!

Beim Nachdenken über das Vorhaben, einen Berg vom Format des Fitz Roy zu besteigen, hätte mir unten stehendes Zitat von Michel de Montaigne einfallen sollen. Dann wäre mir eine Menge selbst erzeugter Druck erspart geblieben. Montaigne sagt in seinen Essais im Kapitel “Alles ist eitel” folgendes: “Mein Wort kann ich nicht brechen. Es hält mich sicherer in Haft als Gefängnismauern. Ja wenn ich selbst bei Unternehmungen, die meinem freien Entschluß entstammen, das Ziel nenne, so setze ich mir gleichsam dieses Ziel. Und dadurch, dass ich es bekannt gebe, verpflichte ich mich selbst dazu. Wenn ich es ausspreche, kommt mir das wie ein Versprechen vor: Deshalb teile ich selten meine Absichten mit.”

Es ist schon klar, dass es zu der Art, meinen Unterhalt zu verdienen, gehört, meine Ziele bekannt zu geben. Doch dieses eine Mal hat mich jene Tatsache ziemlich krank gemacht. Ich würde ja auch nicht auf die Idee kommen, allen zu verkünden, dass ich beim Lotto gewinnen werde. Dass genau dieser Vergleich passend ist, hätte ich eigentlich wissen können. Ich bin schließlich nicht das erste Mal in Patagonien. Aber irgendwie hält man sich für privilegierter als andere. Wir werden schon Glück haben, weil wir es doch so sehr wollen. Es ist beeindruckend, wie gleichgültig so ein Berg wie der Fitz Roy gegenüber unseren Wünschen und Träumen bleibt. Ob man oben steht, wochenlang vergeblich auf seine Chance wartet oder an ihm zugrunde geht, ist ihm vollkommen egal.

Ganz und gar nicht egal ist mir meine Einstellung zu der ganzen Sache im Nachhinein. Ich kann nach einer gewissen Zeit ziemlich genau einschätzen, ob ich denn nun mit mir selbst im Reinen bin oder eben nicht. Haben wir alles getan was möglich war oder bilden wir uns das etwa bloß ein? Um das heraus zu finden, brauche ich einfach nur ehrlich mir gegenüber zu sein, denn ich bin mir selbst mein schärfster Richter.

Der dritte Versuch hätte womöglich am Gipfel enden können. Allerdings wäre es dann nötig gewesen, eben doch noch drei Seillängen zu klettern. Eine davon im 7. Grad. Wir beide fühlten uns dem nicht mehr gewachsen. Ausserdem wäre auf dem Rückweg eine Nacht in der Wand unumgänglich geworden, die uns zweifellos in Gefahr gebracht hätte, weil wir damit nicht rechneten und dementsprechend unvorbereitet waren. Vielleicht ein strategischer Fehler. Doch diese beiden Tatsachen machten es unumgänglich, umzukehren. Alles andere hätte ein zu hohes Risiko bedeutet. Und weil das so ist, bin ich mit dem, was wir am Fitz Roy erreicht haben, zufrieden. Von den 21 Seillängen, welche man an der Franco-Argentina klettern muss, die sieben hinauf auf die Brecha de los Italianos mit eingerechnet, sind wir 18 geklettert. Beim zweiten Versuch, den wir wegen des aberwitzigen Wetters abbrechen mussten, waren wir jederzeit Herr der Lage und haben uns großartig aus der Affäre gezogen. Und bei unserem ersten Versuch kämpften wir im Tiefschnee gegen Windmühlen. Und ganz nebenbei waren wir zwischendurch auf der Guillaumet.

Bei mir gibt es inzwischen ein gutes Gefühl, wenn ich an den Fitz Roy denke, und zwar nicht nur, weil wir eben doch eine ganze Menge geleistet haben, sondern auch, weil wir ein so gutes Team waren und zwar vom ersten bis zum letzten Tag dieser Reise. Auch das wird allzeit in Erinnerung bleiben. Danke also auch Dir Fabian für die großartige Zeit am Berg, die guten Gespräche in Schneehöhlen und Zelten und nicht zuletzt die tollen Schlachten am Schachbrett.

1 Antwort

  1. Jens K. sagt:

    Hi Olaf,
    ein Satz aus Deiner “Abschlußbewertung” gefällt mir besonders gut und wird in meine Sprichwortsammlung unter der Rubrik “Olaf – live” aufgenommen:
    “Es ist beeindruckend, wie gleichgültig … ein Berg … gegenüber unseren Wünschen und Träumen bleibt.”
    Mich allerdings habt Ihr beeindruckt.
    Bis bald
    Jens
    PS: Wer hat denn eigentlich die Schlachten am Schachbrett gewonnen?

Vielleicht gefällt Ihnen auch…