Einer trage des anderen Last

Dieses berühmte Wort des Apostels Paulus aus dem Brief an die Galater ermahnt zu Brüderlichkeit und Solidarität und ist heute so aktuell wie vor 2000 Jahren. Ich muss zwangsläufig an dieses Paulus-Wort denken, wenn ich in Nepal bin. Hier ist es alles andere als eine mahnende Metapher. Hier ist es bittere Realität.

Nepal ist ein Land, in welchem die Bewohner in weiten Teilen auch im 21. Jahrhundert noch ganz ohne Straßen auskommen müssen. Dafür durchzieht wie ein pulsierendes Gefäßsystem ein Netz von Fußpfaden das riesige Gebirge des Himalayas. Alle nur erdenklichen Lasten müssen auf ihnen durch die Berge geschleppt werden. Und das passiert zum großen Teil bis zum heutigen Tag auf den Rücken von Menschen.

Allein eine solche Last auszutarieren und im Gleichgewicht zu halten, ist auf den oft rutschigen und immer sehr anspruchsvollen Bergpfaden eine ungeheure Herausforderung für die Lastenträger.

Ohne Zögern brechen die professionellen Träger auch zu mehrwöchigen Märschen auf, um ihre am Straßenende eingekauften Waren auf den Märkten der Bergdörfer wieder zu verkaufen.

Sehr oft sind es aber gar keine professionellen Träger, die man auf den Trägerpfaden trifft, sondern Bauern. Sie haben ihre Dörfer verlassen, um als Träger zu arbeiten. Der Mangel an Bargeld zwingt sie dazu.

Bis heute wird auf dem Lande immer noch häufig mit Naturalien gehandelt. Deshalb besitzen Bauern in der Regel kein Bargeld, um zum Beispiel Saatgut zu kaufen oder Schulden zu begleichen.  Also müssen sie sich zeitweise als Träger verdingen, um Bargeld zu verdienen. Und da Lastenträger ausschließlich nach Distanz und Gewicht bezahlt werden, laden sie sich oft die größten Lasten auf.

Was Menschen auszuhalten in der Lage sind, kann man sich auf den Trägerpfaden in Nepal anschauen. Eine solche Last würde ich keinen Meter von der Stelle bewegen, ohne Gefahr zu laufen, mich dabei umzubringen.

Sogar Wissenschaftler sind schon auf die kleinwüchsigen Träger und die ungeheuren Dimensionen ihrer Lasten aufmerksam geworden. In einer Studie, deren Ergebnisse von der Zeitschrift GEO auch veröffentlicht wurden, fanden sie schier Unglaubliches heraus.

So wurde bei mehreren hundert Trägern das Verhältnis von Körper- und Lastengewicht untersucht. Die jüngsten der befragten Träger, elf bis 15 Jahre alt, tragen bereits 135 Prozent ihres eigenen Körpergewichtes. Die schwersten Lasten, nämlich durchschnittlich 159 Prozent ihres Körpergewichtes, schleppen Männer im Alter von knapp 30 Jahren.

Es ist ein trauriger und kaum zu ertragender Anblick, wenn Kinderkörper der Tortur des Lastentragens ausgesetzt sind.

Im Klartext heißt das: Ein etwa 60 Kilogramm schwerer Träger lädt sich im Durchschnitt nicht weniger als 95 Kilogramm auf seine Stirn, eine absolut mörderische Tortur.

Ich habe schon häufig Träger getroffen, die viel mehr als 95 Kilo geschleppt haben. Vor allem die Holzträger bewegen ungeheure Lasten, die außerdem äußerst schwierig zu händeln sind. Viele der Holzlasten sind so sperrig und lang, dass die Träger rückwärts laufen müssen, wenn es bergab geht.

Ich will mir die Rückenschmerzen nicht mal vorstellen, die dieser Träger nach einem Tag mit einer solchen Last auf dem Rücken haben muss.

Der Träger auf dem folgenden Foto ist derjenige, der die schwerste Last bewegt, die ich jemals sah! Sechs mal 20 Liter Kerosin plus die Kanister, plus seine Sachen, plus Tragegestell und die Bastkiepe! Fast 130 Kilo! Einfach unglaublich!!

Ich denke nicht, dass irgendwo auf der Welt Menschen im Sinne des Wortes schwerer an ihrer Bürde zu tragen haben.

Trotz dieser übermenschlichen Last hat sich der junge Mann freundlich in Positur gestellt, um mich in Ruhe mein Bild machen zu lassen.

Und so geben mir die Träger in Nepal jedes Mal von neuem eine Menge Stoff zum Nachdenken mit nach Hause. Wo schließlich trifft man hier so schwer arbeitende Menschen, die trotzdem bettelarm bleiben und dennoch unentwegt fröhlich sind und einen anlächeln ? 

 

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