Tonnenweise Metall

Ich denke ernsthaft darüber nach! Darf eine reiche Agentur aus dem Westen einen von Bergtouristen sehr begehrten Pass mitten im Himalaya mit Tonnen von Metall markieren und versichern und damit auf ganz radikale Weise nahezu unberührte Landschaft verunstalten?

Luisa und Jan auf dem Weg zum Cho La Pass. Im Hintergrund sieht man den oberen Teil des Aufstieges zur Passhöhe.

Ist es zeitgemäß, Steinmänner durch meterhohe Markierungsstangen aus Metall zu ersetzen??

Woher weiß diese Agentur eigentlich, dass die Leute, welche diesen Pass überqueren möchten, eine derartige Versicherungsorgie überhaupt wollen? Hunderte Meter Stahlseil, die einen eher behindern, weil man ständig drüber stolpert besonders wenn Schnee liegt?

Etwa alle einhundert Meter steht so ein zwei Meter hohes Markierungsmonster. Kein Foto, auf dem nicht irgendwo so ein Eisending zu finden ist.

Und wann ist eigentlich die Grenze des Versicherungswahns erreicht? Werden als nächstes Treppen aus Beton mit Geländer gebaut und der Aufstieg vom Schnee geräumt? Eine Seilbahn würde alle Probleme mit schlechten Verhältnissen, mangelhafter Akklimatisation und mieser Fitness auf einen Schlag lösen.

Am Beginn des Aufstieges bis zur Passhöhe durchgängig diese völlig überflüssigen Drahtseile.

Was kann der Zweck sein, wenn eine westliche Agentur das in Nepal einfach so macht? Das ist hier die Frage:

So viel ist sicher: Die Antwort käme wie aus der Pistole geschossen. Man wolle mehr Sicherheit, vor allem für die, die mit Last und womöglich schlechter Ausrüstung dort hinüber müssen. Also für die Träger und für die zahlende Kundschaft selbstverständlich auch. Ganz nebenbei hat man nun auch wesentliche bessere Karten gegenüber den Versicherungen, falls doch einmal jemand über seine Füße stolpert und sich die Hacksen bricht.

Luisa, Jan und ich auf der etwa 5300 m hohen Passhöhe des Cho La.

Mein Problem ist aber nicht nur die unverzeihliche Verschandelung von Natur. Denn durch solche massiven Eingriffe wird natürlich vor allem anderen suggeriert, dass dieser Pass auch bei weniger guten Verhältnissen überquert werden kann. Es gibt ja diese Infrastruktur. Du willst über den Cho La-Pass? Kein Problem, alles versichert! Da kannst Du immer rüber!

Abstieg vom Cho La Pass über den gleichnamigen Gletscher.

Genau das wird mehr Leute ermutigen, den Weg über den Pass zu nehmen. Ganz sicher auch solche, die dort eigentlich nichts zu suchen haben, weil sie unfit oder schlecht akklimatisiert oder beides sind. Denn das viele Metall ändert nichts daran, dass der Pass immer noch fast fünfeinhalb tausend Meter hoch und der Überquerer viele Stunden in Höhen über 5000 m unterwegs ist.

Nichts ändern wird das viele Metall auch an der Notwendigkeit, sehr gut akklimatisiert zu sein, um ihn sicher überwinden zu können. Auch wird es schlechtes Wetter nicht verhindern können.

Kurz vor der Alm Dzongla, der ersten Übernachtungsmöglichkeit nach dem Pass, muss man noch über einen kleinen Gegenanstieg mit tollem Ausblick auf die Nordflanke der Ama Dablam. Hier aber gerade zur Hälfte von Wolken eingehüllt.

Wieder ist ein Stück ursprüngliche Natur dem unstillbaren Drang von uns Menschen geopfert worden, uns die Natur untertan zu machen, um das Unmögliche möglich werden zu lassen. Um abenteuerhungrigen Bergtouristen öfter als zuvor die ärgerliche Tatsache ersparen zu können, dass etwas nicht geht, weil die Natur gerade stärker ist.

Doch wir bedenken dabei nicht, dass wir auch das Abenteuer dadurch opfern. Abenteuer bedeutet Gefahr, fordert Strapazen, wirft uns in das Unwägbare. Hinter jedem Aufschwung warten neue Herausforderungen. Wird das, was wir in die Waagschale zu werfen im Stande sind, ausreichen?

Der Cholatse von der Alm Dzongla (4850 m) aus gesehen.

Stahlseile und meterhohe Metallstangen zerstören nicht nur Landschaft, sie nehmen uns auch einen Teil dessen, was wir hier suchen: Nämlich das gute Gefühl, in dieser großartigen und unbarmherzigen Urnatur, so winzig und verletzlich wir auch sind, bestehen zu können.

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2 Antworten

  1. Claudia sagt:

    Lieber Olaf,
    Als ich 2019 den Pass überquerte, gab es derlei Hinweisstangen und das Stahlseil noch nicht. Damals haben wir lange überlegt, ob der Pass wegen der massiven Schneefälle überhaupt zu queren geht (Kongma La und Renjo La waren deswegen nicht möglich) und wir hatten Glück, als sich ein Wetterfenster auftat. Die Überquerung wird mir immer in Erinnerung bleiben, eben weil es nicht einfach war. Diese Erfahrung ist nun den Nachfolgenden genommen.
    Du schreibst mir aus dem Herzen. Warum maßen wir uns das an?
    Euch noch eine gute Zeit in Kathmandu und eine gute Heimreise.
    Liebe Grüße Claudia

  2. Volker Beer sagt:

    Schon bald wird man auf die Frage „Du willst über den Cho La-Pass? “ antworten, kein Problem, da drüben steht die Seilbahnstation. Vollklimatisierte Kabinen …
    Schluß mit diesen Erschließungs- und Absicherungswahn. Auf die Berge steigen sollte man zu Fuß, der Rucksack auf dem eigenen Rücken unter Nutzung der natürlichen Oberfläche dieses Planeten. Und diese Planetenoberfläche sollte so bleiben, wie sie die Natur geschaffen hat. Kurz unf Gut, jeder sollte seine Fähigkeiten selber einschätzen und die Verantwortung auch selber tragen, wenn er sich die Haxen verknackst weil er sich überschätzt hat.

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