Diva

Die ersehnte Freude über das Ende des Regens währte nur kurz. Genau genommen einen Tag lang. Den ersten und einzigen ohne Regen seit unserer Ankunft am 4. Januar in unserem Basislager im Lovisatotal. Dieser Tag war gestern. Und im Moment schüttet es natürlich wieder sintflutartig. Aber den gestrigen Tag haben wir umso effektiver ausgenutzt.

Aufbruch zu einem 12-stündigen Marsch an den Eisrand des Sarmiento. Es sollte ein aufregender und sehr schöner Tag werden! Gegen 21.30 Uhr waren wir wieder in unserem Basislager.

Eine unserer Hauptaufgaben hier war ja die Suche nach einem Weg zum Bergfuß und weiter zum Einstieg in unsere Route auf der Südwestseite des Hauptgipfels. So eine Wegfindung in einer völlig unbekannten Region ist immer eine sehr spannende, weil gänzlich unkalkulierbare Sache. Ein Abenteuer sozusagen. Das Gelände ist sehr unübersichtlich. Um den besten Weg zu finden, funktioniert fast ausschließlich das Prinzip „Versuch-Irrtum-neuer Versuch“. Manchmal kann man sich den ein oder anderen Irrtum durch Erfahrung oder Instinkt ersparen. Aber das ist selten der Fall.

Um den Weg schon auf dem Rückweg besser zu finden, haben wir zwei Dutzend Markierungsfähnchen angebracht. Und keine Angst, die machen wir alle auch wieder ab! Von uns bleibt hier aber auch gar nichts zurück.

Der ungefährlichere Weg ist dem kürzeren immer vorzuziehen. Denn natürlich schwebt hier permanent das Damoklesschwert einer Verletzung über einem. Selbst ein kleineres Malheur, wie ein verstauchter Fuß oder eine gebrochene Hand, würde nicht nur das Ende der Reise bedeuten. Wir hätten bei dem Wetter hier sicher auch noch ganz andere Probleme.

Wir bewegten uns ausschließlich auf den Hängen an der westlichen Talseite. Im Tal selber versperrt wieder undurchdringlicher Dschungel den Weg. Doch ab und zu mussten wir kleine, sehr dicht bewachsene Seitentäler queren. Und dann wurde es regelmäßig schwierig und heikel.

Dass der Weg durch das Lovisatotal nicht einfach sein würde, war uns natürlich klar. Deswegen wollten wir ja unbedingt ganz bequem mit unseren Kajaks über den See, der im Nachbartal liegt, abkürzen. Doch alles in allem war es weitaus weniger aufwendig und schwierig, als ich mir das vorgestellt habe. Wenn wir uns beeilen, können wir nun mit leichtem Gepäck in knapp vier Stunden an unserem Depot unter dem Routeneinstieg sein.

Nach etwa fünf Stunden Wegsuche hatten wir den anvisierten Einstieg in unsere Route erreicht und legten hier ein Depot an. Auf diesem Bild erkennt man oben in der Ferne den Negrifjord, in welchen das Lovisatotal mündet und wo die Zelte unseres Basecamps stehen.

Der Plan ist nun, am Depot ohne Zelt zu biwakieren, um dann am nächsten Tag von hier aus den Gipfel zu erreichen und wieder dorthin zurückzukehren. Fehlen uns für einen ernsthaften Versuch, diesen Plan in die Tat umzusetzen, eigentlich nur noch zwei schöne Tage. Gestern gab es immerhin schon mal einen richtig schönen Abend. Und da gewährte uns die Diva, eine passendere Bezeichnung kann ich für unseren Berg hier nicht finden, tatsächlich einen kurzen Blick auf ihre in der Tat unvergleichliche Großartigkeit. Ich sah kaum je einen beeindruckenderen Gipfel.

Eine Stunde halbwegs freie Sicht auf den Sarmiento in sechs Tagen! Dieser Berg macht sich in buchstäblich jeder Beziehung rar. Rechts, leider zum Teil von einer Wolke verdeckt, unsere Wand, welche zum höchsten Punkt, dem Südostgipfel führt.

Das beste jedoch ist, dass zumindest aus der Ferne unsere Wand nicht völlig unmöglich erscheint. Ich würde wirklich viel dafür geben, mir die Bedingungen dort mal aus der Nähe ansehen zu dürfen. Doch inzwischen hab ich so langsam das Gefühl, dass wir dafür wohl ein Wunder brauchen…

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5 Antworten

  1. Ralf sagt:

    Moin Olaf,
    ab Donnerstag bekommt Ihr die Wetterlücke des Jahrhunderts (ca. 3 Tage). Das Glück scheint mit Euch zu sein…
    Beste Grüße
    Ralf

    • Katja sagt:

      Hallo Ralf, danke für die Info! Olaf und Falk wissen Bescheid und freuen sich, dass es bald eine Chance für einen ernsthaften Versuch gibt. Liebe Grüße, Katja

  2. Veronica sagt:

    Wäre super, wenn der Ralf recht bekommt!!! Viele Grüße, Veronica

  3. Jens K. sagt:

    Hi Olaf, ich schmökere gerade etwas in „Expedition Patagonien – Aufbruch ins Ungewisse“ von Alex Pfefferkorn. Wenn ich nun das Bild von Euren einsamen Depot so sehe und mir Euer unbewachtes Base-Camp vorstelle, so denkt bitte unbedingt an den „bösen patagonischen Fuchs“. Nicht dass Ihr Euer Essen mit ihm teilen müsst, wie weiland mit den Dohlen am Amphu Laptsa Middle.
    Viel Glück mit dem Wetter und lasst Euch nicht aufweichen!
    Beste Grüße Jens

  4. Mario sagt:

    Hallo Olaf, hallo Falk, lasst euch ja nicht von den paar Regentropfen unterkriegen ;-). Wir drücken euch ganz fest die Daumen, dass ihr die Bedingungen bekommt die ihr braucht um die Diva erfolgreich zu besteigen.
    Übrigens erschien heute der Artikel „Basislager am Eisriesen in Feuerland eingerichtet“ in der LVZ.
    Viele Grüße, Mario

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