Verantwortung

Fast ist es wieder soweit. Es sind nur noch 14 Tage bis zu meiner Abreise nach Nepal. Und dieses Mal ist es anders als in den Jahren zuvor. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, pro Jahr nur noch eine Gruppe in die Khumbu-Region des Himalaya zu führen. Zu lang sind die acht Wochen gleich zu Beginn des Jahres. Zu viele andere Termine, wie zum Beispiel Anfragen zu Vorträgen in Firmen, muss ich absagen. Der Februar und der März ist schließlich Vortragssaison.

In den drei letzten Jahren habe ich das mit dieser einen Gruppe auch so gehalten. Doch in diesem Jahr wird daraus nichts. Im Gegenteil! Ich werde zum ersten Mal sogar gleich drei Gruppen begleiten. Die Zahl der Anfragen ist deutlich gestiegen. Und auch im Jahr 2015 wird es, so wie es derzeit aussieht, wieder mindestens zwei Gruppen geben. Gegenwärtig gibt es nur noch fünf freie Plätze für den Everesttrek im Februar und drei Plätze in der Märzgruppe, für die der Mera Peak und der Amphu-Pass Ziele sein werden.

Das Vorbereitungstreffen mit meiner dritten Gruppe in diesem Jahr. Das Hauptziel dieser Charity-Tour von Ende März bis Mitte April ist der Besuch des Kinderhauses, welches der Lionsclub Saxonia unterstützt. Aber natürlich werden wir uns Kathmandu ansehen, einen Rundflug zum Mount Everest machen und auch eine kleine Trekkingtour unternehmen.

Übrigens werden in dieser Märzgruppe 2015 Gäste sein, die zum dritten bzw. sogar vierten Mal mit mir unterwegs sein werden. Ein schönes Kompliment für mich aber auch ein Indiz dafür, dass wir eben immer wieder auf andere Art die Region rund um den höchsten Berg der Welt erkunden. Selbst ich, der inzwischen deutlich mehr als drei Jahre dort verbracht hat, entdecke immer wieder neues und gehe auf Wegen, die ich vorher noch nicht gegangen bin. Und es ist natürlich auch ein untrügliches Zeichen dafür, das niemand davor gefeit ist, sein Herz an diese grandiose Landschaft und die wunderbaren Menschen dort zu verlieren.

Beim Kennenlernwochenende im Sächsischen mit meiner zweiten Nepal-Gruppe hatten wir ziemlich mieses Wetter. Das hat aber der Stimmung keinen Abbruch getan.

Eine besondere Herausforderung wird in diesem Jahr die Besteigung des Nirekha Peaks mit gleich sechs Gästen werden. Ich hatte mich im Jahr 2011 entschlossen, nicht mehr mit Gruppen zum Island Peak zu gehen, weil die Gipfeleiswand sehr ausgeapert und der Gipfelgrat jedes Jahr schmaler und ausgesetzter geworden ist. Und weil es auf dem Plateau unter der Wand inzwischen Spalten geben soll, die man nur mit Leitern überwinden kann. Das allerdings wird sich von Jahr zu Jahr ändern. Der Eisschwund im Gipfelbereich geht jedoch weiter, dessen bin ich mir sicher. Und zu allem Überfluss ist die Gipfelwand ja nach Süden ausgerichtet.

Nur noch wenige Meter trennen Urs hier vom höchsten Punkt des Nirekha. Im Hintergrund rechts der 8201 m hohe Cho Oyu, einer von fünf Achttausendern, die vom Nirekha aus zu sehen sind.

Beim Nirekha Peak ist das mit dem Eisverlust natürlich ähnlich. Doch hier nähert man sich dem Berg von Norden. Und der Eispanzer im Gipfelbereich ist so mächtig, dass es noch eine Weile dauern wird, bis hier oben mit ähnlichen Problemen wie am Island Peak zu rechnen ist.

Die technischen Schwierigkeiten der Route auf den höchsten Punkt des 6169 m hohen Berges entsprechen weitgehend denen am Island Peak. Ausser einer nur wenige Meter hohen Steilpassage zwischen 70 und 80 Grad erwarten den passionierten Bergsteiger drei bis zu 100 m messende Aufschwünge zwischen 45 und 50 Grad. Die objektiven Gefahren sind an diesem Berg sogar geringer als am 6189 m hohen Island Peak. Doch einen entscheidenden Unterschied gibt es dennoch. Die Anforderungen an die Kondition der Gipfelaspiranten sind am Nirekha höher. Vom Basislager bis zum Beginn der Route ist es noch ein ganzes Stück zu gehen. Das Gelände ist zwar unschwierig, will aber eben doch bewältigt werden. Und vor allem im Abstieg mit dem Nirekha in den Knochen zieht sich dieser Rückweg vom Bergfuß ins Basecamp ewig hin.

Ein weiterer Unterschied ist, dass hier deutlich mehr Fixseile von Nöten sind. Die Notwendigkeit einer Seilsicherung beginnt am Nirekha etwa auf 5600 m, also ca. 300 m weiter unten als am Island Peak. Das erhöht meines Erachtens die Sicherheit der Gäste, verlangt aber von demjenigen, welcher die Seile verlegt, vor allem beim Materialtransport einen höheren Einsatz.

Kennenlernwochenende, Alpentraining! Einige Gäste haben sogar gleich zwei davon absolviert! Ich durfte kaum je eine Gruppe besser kennenlernen, als die, mit der ich jetzt bald zum Nirekha aufbreche.

Ich werde in diesem Jahr nun zum zweiten Mal versuchen, den höchsten Punkt des Nirekha mit Gästen zu erreichen. Im vergangenen Jahr hatte ich ja erfolgreich damit begonnen. Zur Unterstützung wird diesmal noch ein Sherpafreund mit von der Partie sein, welcher mir beim Verlegen der Seile helfen wird.

Meine diesjährige Gruppe wird die zweitgrößte sein, mit der ich bisher eine Sechstausenderbesteigung angegangen bin. Trotzdem ein sehr starker und erfahrener Gast dabei ist und vier weitere sich während zwei Alpentrainings gemeinsam mit mir sehr intensiv auf ihr Himalayaabenteuer vorbereitet haben, ist die Verantwortung groß. Und damit meine ich natürlich nicht nur meine Verantwortung. Das vergessen viele heutzutage.

Jeder einzelne trägt selbstverständlich auch die Verantwortung für sich selbst. Ich kann zwar beobachten, um herauszufinden, wie sich meine Gäste fühlen. Ganz viele Indizien diesbezüglich gibt es. Aber die Erfahrung hat mich gelehrt, dass ich mich nicht der Illusion hingeben darf, jede Schwäche, alle Frühsymptome der Höhenkrankheit, Angst oder das Gefühl des Überfordertseins bei meinen Gästen immer sofort zu erkennen. Ich bin darauf angewiesen, dass meine Gäste ihre Verfassung und ihre Fähigkeiten in der Realität der dünnen Luft am Berg ständig mit den an sie gestellten Anforderungen bei der Besteigung abgleichen. Und dann müssen sie mir das Ergebnis natürlich auch noch offen mitteilen. Sie müssen mir sagen, wenn sie das Gefühl haben, an Grenzen angelangt zu sein, die sie eigentlich nicht überschreiten wollen. Übersteigerter Ehrgeiz, Eitelkeit und Stolz sind im absturzgefährdeten Gelände an einem Sechstausender im Himalaya manchmal tödlich.

Alles an diesem Berg wird der Sicherheit untergeordnet. Denn kein Gipfelerfolg ist auch nur einen kleinen Finger wert. Das sollten wir alle uns immer wieder vor Augen halten. Und nun, da wir das getan haben, kann es ruhig auch losgehen.

1 Antwort

  1. Rainer sagt:

    Hallo Olaf,

    dir und deinen Mitreisenden viel Erfolg und Spaß in Nepal. Kommt wieder gesund nach Hause.

    Lydia und Rainer

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