Eine Kletterwoche der Superlative

Um in den Alpen solchen Fels zu finden, welcher dem Granit in Patagonien vergleichbar ist, muß man ins Bergell reisen. Das liegt zum größten Teil im Schweizer Kanton Graubünden zwischen dem Majola Pass und der italienischen Stadt Chiavenna. Der Hauptort im schweizerischen Teil ist Vicosoprano. Malerische Dörfer, Edelkastanienwälder und Granitriesen wie der Piz Cengalo und der Piz Badile prägen die Landschaft.

Das kleine Dorf Soglio ist das schönste der Schweiz, vor allem wohl auch wegen des Ausblickes.

Ich hatte mich hier mit Erwin Kilchör verabredet, einem Bergführer, der das Bergell wie seine Westentasche kennt. Seit über vierzig Jahren klettert der 66jährige hier und so hoffte ich, die besten Ecken kennenzulernen und vor allem viel lernen zu können. Dass ein Alter von Mitte Sechzig rein gar nichts über die Kletterfähigkeiten aussagt, dass wusste ich ja schon von Dieter Rülker.

Erwin im Val di Mello am Ausstieg der berühmten Route „Luna nascente“ (11 SL; 6a+) Im Tal sieht man die Rifugio (Hütte) mit gleichem Namen.

Erwin ist ein Spezialist für die Besonderheiten im Bergell und dem benachbarten Val di Mello. Riesige Granitwände und Plattenschüsse erinnern an das Yosemite oder eben an Patagonien. Auch hier müssen die Touren zum großen Teil selbst abgesichert werden und die Wandhöhen können sich mit bis zu 1000 m ebenfalls sehen lassen.

Das Wetter meinte es mehr als gut mit uns, fast die gesamte Zeit schien die Sonne, und es war sommerlich warm. So konnten wir das anspruchsvolle Trainingsprogramm, welches Erwin für mich ausgesucht hatte, auch abarbeiten. Schließlich war ich nicht nur zum Spaß hier.

Ob die Route „Boiler mon amour“ (Acqua fraggia) etwas mit unbändiger Lust auf eine Dusche zu tun hat, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass die drei Seillängen zum schönsten gehören, was ich je geklettert bin.

Den ersten Tag allerdings testete Erwin mich. Wir gingen in die Klettergärten „Paradies di can“ und „Acqua fraggia“ in der Nähe von Chiavenna und kletterten neun Seillängen Reibung im oberen 6. Grad. Ich sollte mich auch an den Fels gewöhnen.

Doch schon am nächsten Tag machte Erwin Ernst. Wir fuhren ins Val di Mello dem Yosemite Italiens. Hier hatte er die beiden wohl schönsten Routen ausgesucht, die es dort gibt, die „Via kundalini“ und die „Luna nascente“. Aber für mich stellten diese beiden 400 m langen Routen eine völlig neue Herausforderung dar. Zum einen muß selber mit Keilen und Friends abgesichert werden. Bohrhaken sucht man hier vergebens. Außerdem sollte man in diesen Touren wirklich alles beherrschen: Risse in jeder Variante, Reibung, Kamine, Verschneidungen und tollkühne Querungen. Und man muss extrem viel Mut und enorme Ausdauer haben. Übrigens dachte Erwin gar nicht daran, alles vorzusteigen, wie ich gehofft hatte, sondern wir kletterten in Wechselführung.

Erwin im Vorstieg an der „Via kundalini“ (13 SL 6a+) im sogenannten Schlangenriß.

Mir machte vor allem die Tatsache ziemlich zu schaffen, dass es eben keine wirklich verlässlichen Stände gab. Auch wenn Erwin meinte, dass die alten rostigen Haken, an denen wir Stand machten, schon so lange gehalten haben und deshalb auch noch länger halten werden. Aber mein Vertrauen war begrenzt, vor allem wenn es an den Vorstieg ging. Um keinen Preis der Welt durfte man meiner Meinung nach hier einen Sturz riskieren. Aber vielleicht bin ich einfach nur viel zu hasenfüßig, verwöhnt von Kletterhallen und -gärten.

Erwin steigt mir eine traumhafte Rißverschneidung in der „Luna nascente“ nach.

Das Val di Mello ist sicher ein absolutes Eldorado für Kletterfreaks, die das Ursprüngliche suchen. Nicht nur das die Leute hier noch leben, wie vor hundert Jahren. Nach wie vor dulden die Erschließer nur sehr ungern Bohrhaken. Die Schwierigkeiten, welche die Routen aufweisen, müssen unbedingt beherrscht werden. Und man muß mit Keilen und Friends umgehen können und darf sich vor Querungen, Verschneidungen und Rissen nicht fürchten.

Nach zwei Tagen Italien ging es zurück ins Bergell in das Val da l´Albigna. Das ist ein Seitental welches von Süden kommend in das Bergell mündet. Das Albigna ist sicher das Klettergebiet in dieser Region schlechthin. Hier wollte Erwin mit mir die 6 Seillängen an der „Via leni“ klettern.

Kurz vor der Schlüsselstelle der „Via leni“, dem sogenannten Halbmond, hat Erwin doch tatsächlich ein Schleifknoten gemacht und mich in aller Ruhe fotografiert. Aber es hat sich gelohnt.

Er war sehr stolz, mir diese Route zu zeigen, denn sie stammt zum großen Teil von ihm. Bis 6a+ muß hier geklettert werden, aber hier gibt es gute Stände und Bohrhaken an den schwierigen Passagen. Deshalb konnte ich im Vorstieg nun auch ein wenig entspannter klettern. Diese Route an der Spazzacaldeira war bestimmt eine der schönsten, die ich überhaupt je geklettert bin.

Aber ich war nicht nur zum Klettern hier. Ich wollte auch den Piz Badile und die Einstiege zu den berühmten Routen an seiner Nordostwand besuchen.

Der 3308 m hohe Piz Badile. An die 60 Routen in allen Schwierigkeitsgraden führen auf seinen Gipfel und fast alle tragen das Prädikat wertvoll!

Kein geringerer als Walter Bonatti hat für die Beschreibung dieses Granits, dieser Formen und Ausmaße tief in die Kiste der Superlative gegriffen. Und er muß es ja vielleicht wissen: „Erst später, nach vielen Gipfeln ist mir klar geworden, dass dies der schönste Granit der Welt ist.“

Im nächsten Jahr möchte ich gern in der Nordostwand dieses Berges klettern. Vielleicht ist ja sogar die „Another day in Paradise“ (6a+) möglich, wenn ich fleißig trainiere.

Aber auch ohne am Badile geklettert zu sein, in der Nordostwand liegt schon seit vier Wochen Schnee, habe ich in der vergangenen Woche sicher die schönsten und spannendsten Routen überhaupt geklettert. Ich habe viel gelernt, vor allem, dass der Weg zum Fitz Roy in Patagonien weitaus länger ist, als ich bisher dachte. Das ist die wichtigste Erkenntnis, die ich aus dem Bergell mitgebracht habe. Es bleibt also noch eine Menge zu tun, ich meine zu klettern!

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