Kennenlernen

Wie soll das gut gehen? Das frage ich mich immer, wenn ich in den Lodgen in Nepal sitze und mit anderen Gruppen aus aller Welt ins Gespräch komme. Die allermeisten Teilnehmer sehen sich vor ihrer Reise zum ersten Mal auf dem Flughafen. Wenn es hoch kommt, dann bieten die Agenturen ein informelles Treffen an. Doch das ist eher selten. Die Möglichkeit, sich vor einer solchen Reise vernünftig kennenzulernen, die ja für viele häufig nicht mehr und nicht weniger als die Erfüllung eines Lebenstraumes ist, gibt es in aller Regel nicht.

Vier meiner Märzgäste auf dem Onkel. Die Aussicht auf das Elbtal und die Schrammsteine ist einfach phantastisch!

Nur einmal habe ich das selbst mitgemacht. Als Guide einer 13köpfigen Gruppe. Ich hatte mich breitschlagen lassen, für eine Agentur  nach Alaska zum Mount Mc Kinley zu führen. Die Agentur bot hier sogar ein informelles Treffen für alle Teilnehmer an, doch kaum die Hälfte der Leute hatte sich auf den weiten Weg nach Leipzig gemacht. Und es kam, wie es oft kommt. Ich habe das Anschauungsmaterial jedes Jahr monatelang in Nepal vor Augen. Man mochte sich nicht, half sich nicht, wurde nie zu einem Team.

Die Häntzschelstiege ist sicher die bekannteste und auch beliebteste Stiege der Sächsischen Schweiz. Allerdings nicht unbedingt bei mir, denn hier staut es sich fast immer. Vor allem am Wochenende und schon ganz und gar, wenn auch noch das Wetter schön ist.

Das habe ich mir mit meinen eigenen geführten Touren nie angetan. Schließlich möchte ich als Guide einer solchen Gruppe auch eine gute Zeit haben und mich nicht die ganze Reise mit den Ressentiments der Leute herumschlagen. Deshalb gibt es bei mir seit vielen Jahren eine Veranstaltung, die sich Kennenlernwochenende nennt. Meine Teilnehmer sollen (müssen) sich ein ganzes Wochenende lang in der Sächsischen Schweiz gegenseitig beschnuppern oder besser gesagt sich „erproben“. Wir wandern und klettern gemeinsam, boofen unter freiem Himmel, essen gefriergetrocknete Nahrung und Suppen aus der Tüte und trinken manchmal nicht unerhebliche Mengen Alkohol 😉

Sieht so aus, als könnte das der Höhepunkt des gesamten Wochenendes sein. Die 50-Meter-Abseile von den Schrammsteinen hinunter. Es ist aber nur ein Höhepunkt von ganz vielen!

Das ist nicht jedermanns Sache. So ein Wochenende kostet Zeit und natürlich auch ein bisschen Geld. Für die allerdings, die von sonst woher anreisen müssen, ist die Sache oft ziemlich aufwendig. Aber genau darum geht es mir. Wer eine vierwöchige Reise nach Nepal und dann womöglich noch auf einen Sechstausender plant, sollte eines bedenken: Es gibt viele Unwäg-barkeiten auf einer solchen Reise, denn Nepal ist nicht die Schweiz. Und die bergtypischen Variablen sind im Himalaya schon noch ein wenig schwerwiegender: Wie wird das Wetter? Wird man den körperlichen Anforderungen ge-wachsen sein? Wie kommt man mit der Höhe klar? Da ist es gut, wenn eine der gravierendsten Unwäg-barkeiten zumindest schon mal in Augenschein genommen wurde. Wie wird man mit den anderen Teammitgliedern zurechtkommen? Diesbezüglich erhalten meine Gäste jedenfalls schon im Vorfeld tiefe Einblicke ausserhalb der Komfort-zone aller und haben es an-schließend leichter, sich auf die anderen einzustellen.

Für mich hat so ein Wochenende ebenfalls große Vorteile. Auch ich kann meine Gäste kennenlernen und sie mich natürlich genauso. Und so eine Veranstaltung filtert auch ein bisschen. Es werden sich nämlich keine Leute für meine Touren anmelden, die diesen Zeit- und Geldaufwand überflüssig finden. Und das ist auch gut so. Denn wenn man Zeit, Kraft und Geld in eine Sache investiert hat, dann wird jeder auch viel sorgsamer darauf achten, dass sie ein Erfolg wird. Und mit genau solchen Gästen möchte ich unterwegs sein.

Irgendwann hat es dann doch mit dem Regnen aufgehört und sich der Nebel gelichtet. Und das bescherte uns noch ein paar der wirklich spektakulären Ausblicke auf die Affen- und Schrammsteine und den ganzen Rest der Sächsischen Schweiz.

An den beiden vergangenen Wochenenden war es wieder soweit. Und es war toll! Doch was das Beste ist: Von den 18 Gästen meiner beiden Gruppen im nächsten Jahr sind tatsächlich fast alle gekommen. Darüber freue ich mich am allermeisten! Die Stimmung war großartig und das obwohl von den äußeren Bedingungen keineswegs alles gepasst hat.

Beim ersten Treffen regnete es auf unserer Stiegentour und bei der zweiten Tour vergangenes Wochenende wurde es gleich am Anfang ziemlich turbulent, weil eine ganze Reihe meiner Gäste aus dem tiefen Süden der Republik lange im Stau standen und nicht pünktlich am Treffpunkt sein konnten. Aber das alles tat dem Spaß und der guten Laune keinen Abbruch, und so waren das zwei Kennenlernwochenenden, die ich noch lange in bester Erinnerung behalten werde. Vielen Dank dafür! Und nun freue ich mich umso mehr auf Nepal.

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Eine Antwort

  1. Thomas Schmidt sagt:

    Ach Olaf,
    Du machst das echt genau richtig !!! Ich würde glatt eine Anmeldung in Erwägung ziehen, um bei einer deiner Kennenlern-Touren mitzumachen… *scherz* 😀
    Aber ich bin tatsächlich gespannt, ob unsere Gruppe diese Woche im Elbsandstein auch so gut harmoniert – unabhöngig davon, ob eine Nepal-Expedition in Aussicht steht oder nicht 😉

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