Alles auf Anfang

Eine Tour ging gerade zu Ende. Die nächste hat soeben begonnen. Menschen erfüllen sich ihren Lebenstraum. Manche meiner Gäste haben jahrelang für diese Reise gespart. Einen Zweitjob auf sich genommen. Sich den Unannehmlichkeiten mit ihrem Arbeitgeber oder ihrer besseren Hälfte gestellt und sie irgendwie, mehr oder manchmal auch weniger gut bewältigt. Und dann bei mir ihre (Traum)Reise gebucht.

Eistürme am oberen Khumbugletscher unmittelbar am Everest-Basislager.

Ich bin sicher gut beraten, das nicht zu vergessen und mich tunlichst nicht daran zu gewöhnen, sondern mir das immer wieder vor Augen zu halten. Deshalb ist mein Anspruch, zumindest den Versuch zu machen, die Erwartungen meiner Gäste zu übertreffen.

Vermutlich gelingt mir das nicht immer. Die vielen Unwägbarkeiten können einem hier rasch einen Strich durch diese Rechnung machen: Schlechtes Wetter, schwierige Bedingungen, oder auch eine unzureichende Fitness haben schon so manche redliche Bemühung torpediert.

Gebetsfahnen an einem kleinen Pass zwischen Lobuche und Dhukla. An dieser Stelle stehen Dutzende Gedenksteine für die Toten am Everest.

Des weiteren ist es hier oft schwer, bei den exorbitant vielen, großartigen und bewegenden Eindrücken und Erfahrungen, aber auch wegen der körperlichen Strapazen, der ungewohnt dürftigen Hygiene, der oft unangenehmen Kälte und dem Sauerstoffmangel vor sich selbst die Maske aufzubehalten. Es wird für uns plötzlich sichtbar, was unten in der Ebene oft mit großer Mühe und Sorgfalt verborgen wird.

Flechten seien ein Gratmesser für die Luftqualität, hat mir mal jemand gesagt. Wenn das so ist, dann ist die Luft im Khumbu ganz besonders sauber.

Und so besteht die Chance, hier ganz ohne einen Therapeuten einen tiefen Einblick in unsere eigene Persönlichkeit zu bekommen. Manchmal ist aber genau das auch ziemlich anstrengend.

Bei mir selbst kann ich diesbezüglich ausgiebige Studien betreiben. Wenn ich am Rande meiner Möglichkeiten in den Bergen unterwegs bin, dann werde ich kräftig umgerührt und mein schon bedrohlich fest werdender Bodensatz wieder aufgewirbelt. Nun hat er, also dieser „Bodensatz“, noch eine weitere Chance bekommen, sich aufzulösen, bzw. sich zu verflüchtigen, bevor er hart wie Stein geworden ist.

Eine Yakkarawane auf dem oberen Khumbugletscher ganz in der Nähe des Everestbasislagers.

Nirgendwo ist zumindest bei mir die Chance größer, Dinge aufzulösen, abzuarbeiten, oder auch nur eine andere Sicht auf sie zu bekommen. Schon ein Perspektivwechsel beim Blick auf die vielen Kleinlichkeiten, die unser Leben bestimmen, wirkt bei mir oft Wunder. Der Horizont weitet sich. Und eben nicht nur deshalb, weil wir hier von weiter oben auf unsere kleine, verletzliche Welt schauen.

Auch diese Aus- bzw. vielleicht besser Einsichten, neben den vielen grandiosen, realen Aussichten könnte ein Grund sein, einmal den beschwerlichen Weg hierher zu den ganz großen Bergen auf sich zu nehmen.

Ich weiß gar nicht, die wievielte Tour gerade beginnt, die wir zwei miteinander gegangen sind. Aber eines weiß ich. Kumar und ich sind ein extrem eingespieltes Team. Ganz oft reicht ein Handzeichen oder auch nur ein kurzer Blick und der andere weiß Bescheid.

Meine neuen Gäste haben sich genau das vorgenommen. Gerade sind sie angekommen (21.03.), müde aber pünktlich und vermutlich froh, dass die große Reise endlich begonnen hat.

Nachdem wir im Hotel das obligatorische Ankunftsfoto geschossen, Unmengen Geld umgetauscht, die Zimmer bezogen, uns frisch gemacht und womöglich ein kleines Mittagsschläfchen gemacht haben, sind wir zu einem Erkundungsspaziergang durch Kathmandus Touristenviertel Thamel aufgebrochen.

Meine zweite Gruppe in den Startlöchern für ihre Vier-Täler-Tour im Khumbu.

Und beendet haben wir diesen Spaziergang, wie könnte es auch anders sein, im Decheling, meinem Lieblingsrestaurant, beim „Tibetischen Heißen Topf“. Den könnte ich problemlos jeden Tag essen, und ich gehe inzwischen fest davon aus, dass meine Gäste auch angetan sein werden, weil sie das bis jetzt grundsätzlich immer waren.

Und auch dieses Mal gab es keine Ausnahme von dieser Regel, der Tibetische Hotpot hat wieder meine ganze Gruppe begeistert.

Gestern morgen (22.03.) war die Nacht um Viertel vor Fünf Uhr zu Ende. Wir wollten um 6.00 Uhr zum Flughafen aufbrechen. Unser Flug nach Lukla war für 7.25 Uhr angesetzt.

Anflug auf Lukla. Direkt unter der Spitze des Propellers ist die winzige Landebahn zu sehen. Zu sehen ist aber auch, dass es bis auf 3000 m hinunter kräftig geschneit hat. Das wird zwangsläufig Auswirkungen auf unsere Pläne haben.

Wir jedenfalls waren pünktlich, unser Flieger ganz und gar nicht. Aber ich will mich nicht beklagen, denn wir sind trotz sehr durchwachsenen Wetters geflogen. Zwar nicht um 7.25 Uhr sondern um 11.37 Uhr. Und der Grund dafür wird nicht ergründbar sein. Vielleicht mussten wir einfach nur auf wenigstens halbwegs passables Flugwetter warten.

Nach einer raschen Nudelsuppe in Lukla sind wir dann gegen 13.00 Uhr noch Richtung Monjo aufgebrochen. Eine ziemlich lange Etappe für den allerersten Trekkingtag.

Glücklich gelandet. Ich hatte während des Fluges öfter mal gedacht, dass wir uns auf einem Sichtflug befinden und ich aber rein gar nichts sehe. Und wenn ich nichts sehe, dann wird es dem Piloten auch nicht naders gehen. Und ich bin nicht nur einmal kurz vor der Landung in Lukla wieder umgekehrt und nach Kathmandu zurück geflogen.

Sicher sogar zu lang, vor allem weil wir ja nur den Nachmittag Zeit hatten und möglichst noch im Hellen am Ziel sein wollten. Doch es musste sein, weil wir sonst am zweiten Tag bis Namche Bazar mindestens 900 Höhenmeter vor uns gehabt hätten.

Und das wäre entschieden zu viel, weil 300 bis 400 Höhenmeter pro Tag eigentlich das Maximum sein sollte.

Müssen es mehr sein, weil es zum Beispiel unterwegs keine Möglichkeit zur Übernachtung gibt, dann ist eine Unterbrechung des Aufstieges ratsam, um mindestens zwei Nächte auf der gleichen Schlafhöhe zu verbringen.

Das obligatorische Namche-Bridge-Foto. Sie gilt als die höchste Hängebrücke Nepals.

Und genau das müssen auch wir tun, weil von Monjo bis zu unserer Lodge in Namche auch noch 700 Höhenmeter aufzusteigen sind. Das wird unserer Akklimatisation gut tun und unserer Stimmung ebenfalls.

Diese 700 Höhenmeter haben wir heute (23.03.) ganz problemlos in knapp fünf sehr behäbigen Gehstunden hinter uns gebracht und sind trotzdem schon kurz nach dem Mittag in Namche eingetroffen und von meiner Freundin Lakpa ganz herzlich vor ihrem kleinen Laden in Empfang genommen worden.

Einlaufen in Nepals Trekkinghauptstadt Namche Bazar.

Ich kenne die Tibeterin schon seit dreißig Jahren und habe ihre vier Kinder aufwachsen und gedeihen sehen. Sie ist mit ihrem Mann Nge Don vor der chinesischen Invasion aus ihrer tibetischen Heimat geflohen, und hat sich hier in Namche eine neue Existenz aufgebaut.

Heute Nachmittag haben wir natürlich das getan, was wir hier immer tun, wenn wir nur die kurze Etappe von Monjo aufsteigen. Wir sind in der Bäckerei eingefallen und haben das Kuchenbuffet leer gegessen, bzw. es versucht.

Lakpa begrüßt mich jedes Jahr so herzlich, wie ein lange vermisstes Familienmitglied. Das ist immer sehr rührend.

Morgen nun gehen wir auf unsere Akklimatisationsrunde zum Everest-View-Hotel und dann weiter nach Khumjung zum Kloster und nach Kunde. Übermorgen besuchen wir Thame, übernachten dort auch, treffen auf dem Weg meine Nonnen in Thamo und kehren dann am nächsten Tag nach Namche zurück.

Na ja, das ist noch nicht ganz so sicher. Denn es gibt eine starke Fraktion im Team, die mit dem Renjo-Pass liebäugelt. Ich habe wohl in meinem Blog über die Überquerung dieses Passes vom 11. März zu sehr von der Großartigkeit des Ausblickes geschwärmt.

Wie es bei uns weitergeht, ob mit oder ohne Renjo-Pass, werden wir heute oder morgen noch ausführlich alle gemeinsam besprechen. Und dann wird es auch hier vermeldet, zumindest, wenn sich irgendwann wieder eine Verbindung hinaus in die Welt findet.

mehr Infos zu Namche Bazar

 

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7 Antworten

  1. Gisela sagt:

    Ich wünsche auch der „2.Gruppe“ eine großartige Zeit mit genau so vielen unbeschreibliche Eindrücken wie wir sie hatten.
    Viel Glück für eure Tour!
    Den besten Guide ( und Co Guide) habt ihr ja eh !!

  2. Veronica sagt:

    Ich wünsche euch allen eine wunderbare Tour!
    VIele liebe Grüße,
    Veronica

    • Angela Roth sagt:

      Deine Beschreibung der emotionalen Turbulenzen haben mich sehr an unsere Reise vor zwei Jahren erinnert. Ja, man wird mit jedem Tag und Wegmeter auf sich selbst zurück geworfen. Eine Grenzerfahrungen im besten Sinne. Ich wünsch Euch eine schöne Zeit, viele Grüße an Luisa und an Te Kumar.
      Liebe Grüße
      Angela

  3. Jana sagt:

    Lieber Olaf,
    warum willst du deinen „Bodensatz“ aufwirbeln? Ist es nicht genau diese Basis, dieses Fundament, was uns erdet und zu dem Menschen macht, der man ist?
    Viel Spaß mit den lieben Menschen an deiner Seite für die nächsten Wochen. Genießt die Berge, die Natur und das abgespeckte Leben. Das macht den Kopf frei und vielleicht sacken ja ein paar „Schwebeteilchen“ Richtung Fundament. Das macht stabiler. 😉
    Liebe Grüße Jana

    • Olaf Rieck sagt:

      Bodensatz, damit meine ich zum Beispiel schlechte Gewohnheiten oder eingefahrene und überholte Denkweisen, jahrelang nicht hinterfragte Routinen also allgemein gesprochen die zunehmende Inflexibilität, die uns lähmt, neu und anders zu denken und zu handeln, die uns womöglich sogar zu lächerlichen Dinosauriern macht😉

  4. Detlef Weyrauch sagt:

    Liebe zweite Gruppe Nepal 2024!
    Ich möchte das Stichwort „Horizont erweitern“ aufgreifen. Das werdet ihr auf jeden Fall bei dieser Tour, in mehrfacher Hinsicht. Die Magie der höchsten Berge unseres Planeten, aber auch die Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Menschen zu erleben, ist etwas ganz Besonderes. Immer, wenn ich nach solchen Abenteuerreisen wieder zu Hause bin, bekomme ich einen etwas anderen Blick auf unser privilegiertes Leben in Deutschland, das ich danach mehr zu schätzen weiß. Wir hatten als erste Gruppe eine wunderbare Tour mit grandiosen Erlebnissen. Ähnliches wünsche ich euch auch. Viele herzliche Grüße besonders an Luisa, Olaf und Te Kumar sendet Detlef, der Alterspräsident.

  5. Lutz Dietrich sagt:

    Liebe Nepalgruppe, lieber Olaf, liebe Luisa, lieber Te Kumar, wieder lese ich mit Aufmerksamkeit, aber auch mit etwas Sehnsucht und Wehmut Olafs Reisebericht, der ja wie immer nicht nur eine Landschaftsbeschreibung ist. Diese, seine Emotionen kann ich seit den Erlebnissen unserer letztjährigen Tour mehr als nur nach vollziehen. Lieber Detlef, da war ich der Alterspräsident. Ich wünsche euch von ganzem Herzen viele tolle Erlebnisse, einzigartige Augenblicke und ja auch mal den Blick über den Tellerrand hinaus und in Bereiche der „Grenzerfahrungen“. Ich finde, das schult und prägt sehr. Ich verfolge aufmerksam die Tour UND der Renjo-Pass ist wirklich super. Ohne Olaf vorzugreifen – just do it.
    Liebe Grüße an alle Lutz aus Hof

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