Da warens plötzlich vier

Bergsteigen ist ein Glücksspiel. Alles ist zum einen vom Wetter und zum anderen von den Bedingungen am Berg abhängig. Man muss also ein Improvisationstalent sein, um aus den vorgefundenen Verhältnissen irgendwie das Beste zu machen.

Da braute sich was zusammen über der Silvretta. Bis auf ein paar Stunden regnete es fast die gesamte Zeit.

Unsere beiden Bergführer bei der Weiterbildung auf der Saarbrücker Hütte waren genau das. Obwohl wir dort wirklich miserables Wetter hatten, realisierten wir dennoch zwei diesen Umständen angemessene Touren und erlebten, dass man auch bei weniger guten Bedingungen nicht zwangsläufig in der Hütte bleiben muss.

Auch deshalb war diese Weiterbildung, die ja meinem Aufenthalt hier in Zermatt voranging, eine wirklich gute Sache. Ich bin immer wieder erstaunt, wie locker drauf die Bergführer im DAV-Lehrteam sind. Doch richtig überrascht hat mich die Tatsache, wie motiviert die beiden waren, mit uns auf Tour zu gehen. Sie hätten ihr Geld wesentlich entspannter verdienen können bei Theorie und Apfelkuchen auf der Hütte.

Stattdessen gingen sie mit uns raus in den Schneeregen und kletterten stundenlang auf Graten und in aufgeweichten Firnflanken herum. Ich fand das toll! Es waren zwei wirklich angenehme und lehreiche Tage mit den beiden aber auch mit der ganzen Gruppe.

Robert, einer unserer beiden Bergführer, hatte das Talent, uns alle im Fünf-Minuten-Takt zum Lachen zu bringen.

Improvisieren mussten wir in den letzten Tagen hier in Zermatt auch. Zwei Nordwände standen auf dem Programm. Eine, die Nordwand der Lenzspitze, konnten wir uns schon abschminken, bevor wir überhaupt hier eintrafen. Schneemangel in der Wand, Steinschlag, Blankeis. Wir sollten nicht mal daran denken, sagte uns der Hüttenwirt der Mischabelhütte. Gut, ein Ziel abgehakt. Es gab noch ein halbes Dutzend andere, mit denen wir uns beschäftigt hatten, allerdings nur eine andere Nordwand.

Im unteren Teil der Breithornnordwand. Das Morgenlicht war großartig. Über mir die Ostwand des Matterhorns.

Und als wir hörten, dass auch in der von uns anvisierten Nordwand des Breithorns in diesem Jahr ziemlich schlechte Bedingungen herrschen sollten, waren wir sehr enttäuscht. Wie überall in diesem Sommer in den Alpen fehlt auch hier der Schnee, kommt glashartes Blankeis zum Vorschein, apern die Felsen aus, gibt es Steinschlag in Flanken, in denen man das bisher nicht kannte.

Als wir die Felspassagen im unteren Wandbereich überwunden hatten, wurde die ganze Sache zu einer Genusstour.

Wir wollten es trotzdem versuchen und wichen dafür auch in eine andere, vermeintlich leichtere Route aus. Eigentlich wollten wir die Welzenbachvariante klettern, sind aber dann auf Anraten des Hüttenwirts der Gandegg Hütte auf den Triftjigrat in der Nordwand umgeschwenkt. Doch ob das ein wirklich guter Rat war, werden wir nie erfahren.

Wenn ich in den Bergen unterwegs bin, gibt es immer den oft unüberwindbaren Zwiespalt zwischen der Fotografiererei und der Notwendigkeit, in gefährlicheren Passagen schnell zu klettern oder einfach nur rasch voran zu kommen, um dem zerstörerischen Werk der Sonne zuvor zu kommen.

Ich denke, dass wir weniger Steinschlag und vor allem weniger ausgeaperte und gleichzeitig vollkommen unabsicherbare Felspassagen in der Welzenbachvariante vorgefunden hätten. Ganz sicher gibt es dort eine Menge Blankeis. Das ist unübersehbar. Doch darin kann man sich wenigstens sehr gut sichern. Aber vielleicht wären auf der direkteren Welzenbachroute die Bergschründe ein großes Problem geworden? Wir sind sie nicht geklettert und deshalb wissen wir es nicht.

Der coole Sven seilfrei im perfekten Trittfirn. Wenn man sich seiner Sache sicher ist und auch von oben nichts kommen kann, darf man sowas schon mal machen.

Sven steigt mir die Seillänge nach, auf die ich gern verzichtet hätte. Steinschlag von oben, Sichern Fehlanzeige, Festhalten auch. Viele Flanken in den Alpen werden genau aus diesem Grund in Zukunft nicht mehr machbar sein.

Um 3.30 Uhr brachen wir gemeinsam mit einer zweiten Seilschaft, Angela und Heinz aus Lichtenstein, auf. Weil wir in dem traumhaft schönen Morgenlicht mit dem Fotografieren herumtrödelten, gerieten wir sehr bald ins Hintertreffen. Und als ich mich dann noch in einer ziemlich fiesen Felspassage ein wenig verstieg, verloren wir die beiden anderen schnell aus den Augen.

Doch als die Sonne höher kam und das Fotolicht weniger verlockend wurde, holten wir wieder auf. Zum Überholvorgang kam es dann in der steilen etwa 300 m hohen Gipfeleiswand, die im oberen Bereich dann auch noch kombiniertes Gelände aufweist. 

Mitten in der Wand, beim Überholvorgang, den ich natürlich auch zum Fotografieren nutzen wollte, wurde ich von Angela, der Vorsteigerin der Lichtensteinischen Seilschaft, gebeten, ihr zu helfen, anstatt sie zu fotografieren. Von da ab waren wir plötzlich zu viert an unserem Seil.

Aber das war nicht etwa eine Last, sondern es hat Spaß gemacht, die Sache gemeinsam zu Ende zu bringen. Zumal es nicht unbedingt langsamer ging.

Hier sieht man die drei am Stand unter mir. Zuerst sind Sven und Angela zu mir raufgekommen, anschließend hat Angela ihren Mann hochgesichert, während ich die nächste Seillänge vorgestiegen bin.

Wieder musste improvisiert werden. Sven und Angela stiegen mir gemeinsam nach. Am Stand sicherte dann Sven meinen Vorstieg, während Angela an ihrem Seil ihren Partner zu uns heraufholte.

Die etwa 300 m hohe Gipfelwand. Wir mussten links an den Felsen hinauf, weil auch hier der Bergschrund, also die große Spalte, welche sich zwischen Firnflanke und fließendem Gletscher auftat, nicht zu überwinden war.

Die Breithornnordwand war bis auf eine wirklich fiese Felspassage, in der man den Berg auch mit der Hand hätte abtragen können, eine großartige Bergtour.

Wir hatten also gleich zu Beginn unserer Zeit hier in Zermatt das wichtigste Ziel realisiert und sind dann noch am gleichen Tag wieder in unser traumhaftes Hotel abgestiegen. Einen Tag Ruhe wollten wir uns gönnen und bei der Gelegenheit auch ein wenig das Hotel genießen.

Ich darf mich auf keinen Fall daran gewöhnen, nach einer Tour in ein Hotel wie das Matthiol zurück kehren zu können. Das ist wirklich ein großes Privileg für uns beide hier, über das wir uns jeden Tag aufs Neue freuen.

Leider wurde das Ende des perfekten Wetters der vergangenen Tage immer deutlicher absehbar. So eine Schönwetterperiode kann ja nicht ewig dauern. Und deshalb hatten wir es bald eilig, von unseren vielen Zielen wenigstens ein zweites vor dem Wetterumschwung noch zu realisieren. Wir hatten es auf einen ganz bekannten Grat hier in der Gegend abgesehen.

Mehr davon demnächst an gleicher Stelle.

 

 

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