Tribut gezollt

Es gibt vermutlich kaum einen Ort, der weniger für uns Menschen gemacht ist, als ein hoher Berg. Er richtet sich einfach nicht nach unseren Regeln und unsere Träume, Sehnsüchte, Erwartungen und Wünsche sind ihm egal. Wir, die wir häufig voller Emotionen zu ihm kommen, treffen auf einen erbarmungslosen Klotz, der ganz anders ist, als der Berg, den wir in unserem Kopf hatten, bevor wir hier auf das reale Exemplar stießen. Brechende Kälte und brütende Hitze, eisiger Wind, Erschöpfung, schlaflose Nächte, Atemnot bei jedem Schritt. All das wird plötzlich zur täglichen Herausforderung. Und das fordert nicht selten hohen Tribut.

Wolfgang hat soeben den fast 5700 m hohen Cho-La-Col erreicht.

Wolfgang bekam das an seinem Gipfeltag bitter zu spüren. Trotz vollem Einsatz konnte er sein Leistungsvermögen nicht abrufen. Es ging ausgerechnet an diesem Tag einfach nicht. Warum? Keiner kann das sagen. Er womöglich am allerwenigsten. Und das in einer solchen Situation anzuerkennen in der man nichts lieber möchte, als zum Gipfel zu gelangen und sich zur Umkehr durchzuringen, verdient große Hochachtung. Schließlich muss die Kraft auch für den Rückweg reichen, denn es ist eine traurige Tatsache, dass acht von zehn Unfällen auf dem Abstieg passieren.

Maike und Sandra hatten mich zu einer Puddingsession vor ihr Zelt geladen. Das war für mich ein echtes Highlight im Basislager. Mario und Wolfgang waren gerade nicht da 🙂

Maike hatte, noch am Abend vor dem Gipfeltag für sich entschieden, auf ihren Versuch zu verzichten. Sie war sich nach gründlicher Überlegung nicht mehr sicher, den körperlichen und technischen Anforderungen des Nirekhas zu genügen. Eine solche Entscheidung rechtzeitig zu treffen, bevor man vielleicht überfordert am Berg weder vor noch zurück kommt, finde ich ebenfalls sehr anerkennenswert.

Sandra und Maike auf dem Col an einem Tag, an dem aber auch alles gestimmt hat. Für die beiden war das der schönste Tag ihrer Reise, haben sie mir gesagt.

Der erste Gipfelversuch war damit Vergangenheit, einen zweiten sollte es nicht geben. Dafür wollte die wieder genesende Sandra unbedingt noch auf den Cho La-Col steigen, denn von dort aus hat man einen tollen Blick auf den Cho Oyu und seine zahlreichen Trabanten. Maike ließ es sich nicht nehmen, ihre Zeltpartnerin zu begleiten. Und ich durfte auch mit 🙂

Maike seilt vom Col auf den Nirekha-Gletscher ab.

Am Dienstagmorgen (7.3.) um 5.30 Uhr brachen wir auf. Die beiden wollten sich einen ganz entspannten Tag gönnen mit viel Zeit zum Schauen, Fotografieren und vor allem zum Genießen. Denn der Nirekha-Gletscher und der Col sind ganz zweifellos außerordentlich attraktiv sowohl von den Ausblicken als auch von der Exklusivität. Dorthin kommt man nur mit dem Aufwand eines Lagers am Bergfuß.

Der Blick vom Nirekha hinüber zum Cho Oyu, Cho Aui und zum Guachung Kang gehören zum besten, was das Khumbu zu bieten hat.

Am Mittwoch (8.3.) war dann der große Packtag. Wir hatten die Yaks und die Träger einen Tag eher als geplant bestellt , weil wir auf dem Rückweg nach Namche noch einen Abstecher zum Kloster in Tengboche machen wollen.

Die Packerei im Basislager ist für mich irgendwie immer ein wenig alptraumhaft. Träger und Yaks kommen grundsätzlich früher als vereinbart und obwohl ein Großteil der Nahrung fehlt, bekommt man wegen der Hetzerei irgendwie trotzdem Probleme, den ganzen Ausrüstungskrempel in den Tonnen unterzubringen.

Ich liebe diesen Platz für das Basislager am Nirekha. Tolle Ausblicke, geschützt und nicht weit weg von gutem Eis für das Kochen.

Doch diesmal war alles ganz einfach und entspannt. Der Platz in den Tonnen reichte locker aus. Das Team half, wo es nur ging, hat Zelte gereinigt, getrocknet und zusammengelegt, Lasten abgewogen, Abfall gepresst usw. So waren die Tonnen eine halbe Stunde bevor Yaks und Träger eintrafen, fix und fertig gepackt. Und die kamen auch noch auf die Minute pünktlich. Das hatte es überhaupt noch nie gegeben.

Kharma Rita hatte das mit dem Yaktransport immer selber übernommen. Aber da ihm ein Yak bei einem Absturz ums Leben gekommen ist, hat er seine Tiere an seinen Bruder abgegeben. Der ist jetzt also mein neuer Yaktreiber.

Besonders freut mich, dass wir alle vier Zelte sauber und trocken verstauen konnten und ich sie in Namche nicht noch einmal auspacken und nachtrocknen muss. Nachdem wir am heutigen Donnerstag in das fast 1000 m tiefer gelegene Phortse abgestiegen oder besser gesagt abgeschlendert sind, ist die kleine Expedition zum Nirekha nun endgültig zu Ende.

Irgendwo aus den Tiefen von Wolfgangs Rucksack tauchte eine zerknorkelte Plasteflasche mit wertvollem Inhalt auf. Der wurde dann auch sofort von uns „eingeatmet“. Das war lecker! Ich kann den Geschmack des guten Whiskys immer noch schmecken.

Wir haben uns auf dem Weg nach Phortse viel Zeit gelassen und noch einmal die grandiose Landschaft des Ngozumbatales genossen. Und schon morgen werden wir die Wiedervereinigung meiner Gruppe in Tengboche feiern.

Wir sind gespannt auf die Erlebnisse und Berichte, die wir von den anderen hören werden. Ich muss dann nur noch einen von ihnen überzeugen, mal meinen Job zu übernehmen und ihre vielen Erlebnisse an dieser Stelle hier auch aufzuschreiben…

 

2 Antworten

  1. Veronica sagt:

    Toll, was Maike, Sandra, Wolfgang und vor allem Mario geschafft haben! Gratulation! Und schön zu wissen, dass Ihr gesund und munter in Phortse angekommen seid! Herzliche Grüße an alle!!

  2. Maike sagt:

    Mario und Wolfgang haben natürlich auch noch ihren Anteil Pudding erhalten! 😉

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