Drei mal Zehn (Teil 2)

Von links oben nach rechts unten ragt eine Art Felsbarriere in den unteren Teil des Couloirs. Dieser schräg verlaufende Felspfeiler bietet anfangs einen recht guten Schutz gegen die Lawinengefahr. Ich entschied mich, in eine schmale Rinne an seinem hinteren Ende einzusteigen.

Im ersten Teil dieser news im dritten Bild ist Christoph im Aufstieg in dieser Rinne zu sehen und zwar am ersten von mir fixierten Seil und gerade umspült von einer kleinen Lockerschneelawine.

Auf diesem Foto ist der besagte Felspfeiler gut zu erkennen und die Rinne im seinem hinteren Teil ebenfalls, weil sich Christoph, hier als kleiner Punkt zu sehen, soeben durch diese Rinne abgeseilt hat.

Anschliessend überkletterten wir diesen Pfeiler und stießen in den schon erwähnten 6550 Metern Höhe auf das Seilende unserer Vorgänger. Sie hatten, im Gegensatz zu uns, den Pfeiler rechts umgangen. An dieser Stelle fanden wir auch ein kleines Materialdepot unserer Vorgänger: Ein paar Karabiner, Eisschrauben und ein 100 m langes Seil. Das nutzten wir gleich für die nächste Etappe. Wir kletterten nun rechts neben dem eigentlichen Couloir in den Felsen. Das allerdings war für mich als Vorsteiger wesentlich unangenehmer, als im Schnee und Eis unterwegs zu sein. Ich fühle mich im kombinierten Gelände auf Steigeisen bei weitem nicht so wohl. Aber hinsichtlich dem Schutz vor Lawinen, war das die bessere Wahl.

Zu unserem Glück entdeckten wir tatsächlich noch brauchbare alte Seile, die höchstwahrscheinlich von den Polen stammten. Nutzen darf man die aber erst, wenn man sie von oben bis unten auf Schäden durch Steinschlag untersucht hat. Vor allem in dem Gelände, in dem wir uns gerade befanden, war das extrem wichtig. Auch darf man natürlich niemals den alten Fixpunkten vertrauen. Alles wird im Vorstieg geklettert und kontrolliert. Fast immer müssen Seile und Fixpunkte ausgebessert und verstärkt werden. Redundanz ist hier an der 7000-Meter-Grenze oberstes Gebot!

Christoph im Nachstieg in etwas über 6800 m Höhe. Auf diesem Bild hab ich mal was ganz neues und für mich sehr unübliches gemacht :-)) Ich habe mit einem dünnen roten Kreis unser kaum mehr sichtbares Zelt auf dem Sattel markiert (knapp über dem Felsen, der von links ins Bild ragt).

Kurz vor der 6900-Meter-Marke hatten wir dreiviertel unserer Seile aufgebraucht. Nur etwa noch 100 m trennten uns vom Standort des dritten und höchsten Lagers. Genau bis dort hätte unser Seil auch noch gereicht. Doch das letzte Stück der Rinne ist auch das steilste. Aber das ist kein allzu grosses Problem für mich, denn hier klettert man nur noch im Eis, und das geht bei mir ganz gut. Doch ich war zu ausgekühlt, um mich an diesen Vorstieg zu wagen. Inzwischen fast 7000 Meter hoch, war es mir nicht mehr möglich, mich in der Zeit wenigstens halbwegs warmzuhalten, in der Christoph mit der Steigklemme am Seil zu mir nachstieg. Als er bei mir oben ankam, schlotterte ich vor Kälte. Wir mussten umkehren.

Wir haben nun fast im gesamten Japaner Couloir eine sehr fest verankerte Seiltrasse. Die letzten 100 Meter können wir gut am Tag unseres Aufstieges zum Lager 3 fixieren. Das nötige Seil liegt ja nun schon oben. Was wir an diesem zugegeben perfekten Tag geleistet haben, ist nicht von schlechten Eltern. Nun geht es mir, bei allem was jetzt noch kommen mag, schon viel besser.

Den 500-Meter-Abstieg an unserem schönen Seil runter zum Sattel schafften wir in sagenhaften 50 Minuten. Das ist eben der riesengroße Vorteil einer Seiltrasse. Und braucht bei einer solchen Abseilaktion kaum Kraft. Zehn Stunden waren wir im Couloir zu Gange, abermals ein Tag an der Grenze der körperlichen Möglichkeiten. Trotzdem ging es mir in der kommenden Nacht deutlich besser als in der zuvor.

Es gibt nichts schöneres für mich, als nach drei Hochlagertagen im Basislager eine große Wäsche zu veranstalten. Während unser Berg in dichten Wolken verhüllt war, schien heute bei uns im Basislager sogar zeitweise die Sonne. Ansonsten ist das Programm hier unten immer gleich: Essen, Trinken, Schlafen, Newsschreiben.

Unser Plan sah ja für den nächsten Tag (Donnerstag, 2. August) den Umzug ins 3. Hochlager vor, und für den heutigen Tag den Gipfelversuch. Doch gleich zwei Gründe sprachen dagegen. Erstens sollte das Wetter am 2. August noch einigermassen gut sein, doch für den 3. und 4. August sah der Wetterbericht dichte Bewölkung und Niederschlag voraus. Das ist Gott sei Dank tatsächlich auch eingetreten, obwohl das für uns natürlich die Verhältnisse im Couloir nicht gerade besser macht. Fakt ist jedenfalls, dass der Aufstieg ins Lager 3 und der Gipfelversuch gestern und heute unmöglich wären. Der zweite Grund ist meine Steigklemme. Sie ist defekt, eine Feder ist wahrscheinlich gebrochen. Ohne die kann ich an meinem fixierten Seil nur mit einer Prusikschlinge ins Lager 3 aufsteigen, und das ginge viel zu langsam.

Also sind wir gestern ins Basislager abgestiegen. Doch dieser Abstieg hatte es in sich, denn wir haben unser Lager 1 mit runter genommen und anderes Gepäck gleich mit. Was das war und warum wir bei diesem Abstieg mehr als zehn Stunden brauchten, also genau so lange wie für den Aufstieg, dazu morgen mehr.

2 Antworten

  1. Veronica sagt:

    Ich warte mit Spannung auf die nächste News!

  2. Hans-Peter sagt:

    Hallo Olaf und Christoph,

    schön von Euch zu hören, super Leistung!
    Ich wüsch Euch Kraft und das nötige Glück für den entscheidenden Versuch. Möge der Berg fair sein!

    H.-Peter

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