Es wird Zeit!

Nur noch zehn Tage bis zum Start der Expedition. Da verwundert es nicht, dass ich fast ständig mit den Gedanken bei der bevorstehenden Tour bin. Besonders oft denke ich daran, was so alles schiefgehen kann. Es wird Zeit, dass es losgeht! Worauf sollte ich also möglichst vorbereitet sein? Fest steht, dass wir von Anfang an eine Menge Glück brauchen:

Die Tonnen sollten alle heil in Islamabad angekommen sein. Der Zoll darf keinen Ärger machen. Die Agentur muss gut gearbeitet haben. Es müssen also sämtliche Unterlagen, insbesondere das Gipfelpermit, vorliegen. Es darf auf dem Karakorum-Highway keine Erdrutsche oder Steinschläge geben. Unsere Jeeps dürfen nicht auseinander oder in den Indus fallen. Die Träger sollten diesmal nicht streiken. Es sollten sich auch möglichst keine Anführer der Taliban unter meine Träger mischen, damit uns Angriffe von Drohnen erspart bleiben 🙂 Und entführt wird von uns auch keiner. Es sollten alle Brücken auf unserem Anmarschweg noch da sein. Es darf am Berg nicht soviel schneien. Lawinen sollten uns verschonen. Überhaupt muss das Wetter gut sein am Berg. Alle müssen gesund bleiben. Mein Fuss muss halten, die Technik auch. Wir dürfen keine lebenswichtige Ausrüstung vergessen haben und noch vieles andere mehr muss für und nicht gegen uns sein. Dann kommen wir vielleicht hoch, runter und auch wieder zurück nach Hause.

Auf unserer Anreise 2001 hatten wir Glück im Unglück, denn die Steinlawine, die den Karakorumhighway verschüttete, hat uns knapp verfehlt.

Die vergangenen Wochen habe ich fast ausschliesslich mit Training und Expeditionsvorbereitung verbracht. Drei bis vier Stunden tägliches Training sechs Tage die Woche lassen sowieso nicht mehr allzu viel Zeit und vor allem Kraft für irgend etwas anderes. Ich bin nach so einer vierstündigen Ausdauereinheit immer ziemlich platt.

Erstaunlich ist, wieviele Dinge auf einmal noch besorgt werden müssen, obwohl ich ja nun wirklich alles schon haben müsste. Was meine Bergausrüstung anbelangt, so stimmt das auch. Aber diesmal ist es vor allem die Kameratechnik, die neu ist, und für die ich immer noch irgend etwas brauche. Auch bei der Kommunikation gibt es Neuerungen. Ich habe mir eine leistungsfähige zweite Solarpaneele zugelegt, so dass ich auch im Lager 1 Strom haben werde. Aber das ist buchstäblich auch schon der einzige Luxus. Denn wozu brauche ich dort oben in fast 6000 m Höhe eigentlich Strom?

Ebenfalls 2001 auf unserem Weg zum Berg. Es waren gleich ein halbes Dutzend Brücken weggerissen oder in einem beklagenswerten Zustand. Über die Brücke rechts konnte man immerhin noch rüberlaufen nicht jedoch mit unseren Jeeps rüberfahren. Wenn allerdings eine systemrelevante Brücke fehlt, dann wird man auf dem Anmarsch auch schon mal eine Woche einbüßen. Es war beeindruckend mit wieviel Mut und Kreativität unsere pakistanischen Begleiter die Probleme lösten.

Wir haben alles in allem ca. 200 kg Gepäck. Ein Viertel davon und damit der größte Teil ist unsere Hochlagernahrung. Ein anderer relativ großer Teil sind 200 m statische Seile und die Ausrüstung, sie im steilen Japanercouloir zu befestigen. Dazu kommen noch zwei 60 m lange Halbseile. Der dritte große Brocken sind fünf Zelte. Drei für die Hochlager, eins für das Basislager, ein Ersatzzelt. Alles andere ist mehr oder weniger persönlicher Kram, den wir auf irgend eine Weise die ganze Zeit mit uns herumschleppen werden: Also Pickel, Steigeisen, Klettergurt, Eisschrauben, Karabiner, Steigklemme, Daunenklamotten, Expeditionsbergschuhe, Schlafsack, Isomatte usw.. Die Herausforderung besteht derzeit eigentlich vor allem darin, den Überblick zu behalten, was sich in den sechs Tonnen schon auf dem Weg nach Pakistan befindet und was wir noch mitnehmen müssen. Natürlich ist die Ausrüstungsfrage wie jedes Mal die zentrale Frage auf einer solchen Expedition, denn wir möchten ja auf keinen Fall wegen falscher oder fehlender Ausrüstung scheitern. Und unterwegs mal schnell in einen Ausrüstungsladen gehen und fehlendes Equipment nachkaufen, dass geht auf dem oberen Baltorogletscher, zehn Tagesmärsche von der nächsten menschlichen Ansiedlung entfernt, nun wirklich nicht.

Die Balti, ein Bergvolk wie die Sherpas in Nepal, stehen diesen in Kraft, Ausdauer und Unerschrockenheit in nichts nach. Im Gegenteil! Sie sind regelrecht unerbittlich zu sich selbst und auch zu ihren Kunden. Ich erinnere mich an endlose Tagesetappen, die das letzte von uns auf dem Anmarsch gefordert haben.

Schon diese Abgelegenheit unseres Berges ist ein ganz besonderes Merkmal der Expedition. Da dies meine dritte Reise zu den Gasherbrums ist, weiss ich, was für ein großartiges Abenteuer allein schon der Anmarsch zu unserem Berg sein wird. Darauf freue ich mich besonders, denn wir sind immerhin im höchsten Gebirge unseres Planeten unterwegs. Der Karakorum ist nämlich keineswegs mit dem Himalaya gleichzusetzen, sondern sowohl räumlich als auch geologisch vom ihm getrennt. Hier stehen rund um den Baltorogletscher 10 der 30 höchsten Berge der Welt. Unter ihnen auch der unbestrittene König der Berge, der K2. Darüber hinaus gibt es nirgendwo sonst ausserhalb der Polargebiete eine derartig beeindruckende Vergletscherung. Während in den Alpen nur etwa drei Prozent und im Himalaya neun Prozent der Fläche von Gletschern bedeckt werden, sind es im Karakorum fast 30 und im inneren Teil des Gebirges, also im Zielgebiet unserer Expedition, sogar fast 50 Prozent.

Ich bin inzwischen von vielen Leuten angesprochen worden, ob ich denn nicht Angst hätte, nach Pakistan zu gehen, wo doch so viele unerfreuliche Dinge dort geschehen. Ein wenig vielleicht schon, vor allem, weil unsere Agentur die Probleme sehr heruntergespielt hat. Aber die Bauern dort, die sich ein paar Rupies dazu verdienen müssen und deshalb auf dem eisenharten Trek ins Basislager unseres Berges unsere Sachen schleppen, haben damit nichts zu tun.

Wir können uns alle gemeinsam also auf tolle Bilder aus der neben dem Khumbu spektakulärsten Gebirgsregion der Welt freuen. Und deshalb wird mir eine Sache auf dieser Tour bestimmt nie ausgehen, nämlich der Speicherplatz auf meinem Fotoapparat!

2 Antworten

  1. Veronica sagt:

    Hallo Olaf,
    das klingt wirklich schon jetzt sehr spannend alles! Ich freue mich schon auf die erste News (und natürlich auch auf die, die danach kommen) aus Pakistan!
    Toi toi toi für die letzten Reisevorbereitungen!
    Herzliche Grüße
    Veronica

  2. Carsten sagt:

    Servus Olaf,
    auch ich werd Euch natürlich fest die Daumen für die bevorstende Tour drücken. Ihr schafft das!!! Davon bin ich fest überzeugt.
    Freue mich schon auf die News und die Bilder aus Pakistan.
    Grüße aus Nürnberg
    Carsten

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