Calanques

Wir sind nun ganz in den Süden Frankreichs gefahren. Hier gibt es direkt an der Küste zwischen Marseille und Cassis ein großes Klettergebiet, welches sich über etwa 30 Kilometer erstreckt, die Calanques. Alles was das Herz eines Kletterers begehrt, gibt es hier im Überfluß: Schneeweissen festen Kalkstein, immer schönes Wetter, gemütliche Kneipen und azurblaues Meer. Von unseren französischen Freunden in Vallouise haben wir Tipps zu den schönsten und lohnendsten Klettermöglichkeiten in den Calanques bekommen und Fabian hat uns seinen Kletterführer und eine Karte ausgeliehen. Wir waren also bestens mit Informationen versorgt. Und wir wussten auch um die Besonderheiten dieser Region hier. Die Calanques sind kleine Fjorde, die das Mittelmeer in den Kalkstein gefressen hat, herrliche kleine Buchten über welchen sich Kalksteinriffe auftürmen, an denen man in allen Schwierigkeitsgraden klettern kann. Doch es gibt ein Problem. Wenn es hier eine Zeit lang nicht regnet, was im Sommer häufiger vorkommt, dann herrscht an den Ufern dieser Fjorde ganz schnell eine gefährliche Trockenheit. Schon öfter gab es hier verheerende Brände. Doch welche Konsequenzen das haben kann, darüber hatte uns niemand bescheid gesagt.

Die Bucht von Sormiou ist nicht nur einer der schönsten Plätze im Küstenabschnitt zwischen Cassis und Marseille. Sie bietet vor allem schier unendliche Klettermöglichkeiten in 18 Sektoren.

Die Bucht von Sormiou ist laut unserem Führer die schönste hier weit und breit. Deshalb war sie auch unser bevorzugtes Ziel. Es führt zwar eine Straße hinunter bis ans Wasser, doch nur Anlieger und Feriengäste dürfen dort auch fahren. An einer Straßensperre wird das ziemlich diktatorisch kontrolliert. Wir Kletterer mussten fast eine Stunde Anmarsch in Kauf nehmen. Am ersten Tag wollte ich vor allem einige der 18 Sektoren inspizieren, die das aufregendste und abwechslungsreichste Klettererlebnis versprachen. So haben wir den ganzen Tag Routen begutachtet, die wir am nächsten Tag eventuell klettern wollten. Am Abend hatten wir dann zwar eine Menge Möglichkeiten für den kommenden Tag beisammen, nur zum Klettern sind wir nicht gekommen.

Um am nächsten Tag möglichst schnell zu sein, deponierten wir unser Kletterzeug weit oben am Fels, um wenigstens den weiten Anmarsch ohne unser umfangreiches Gepäck machen zu können. Als wir am nächsten Tag nach fast 20 Kilometern Anfahrt vom einzigen Zeltplatz der Region die Straßensperre vor Sormiou erreicht hatten, trauten wir unseren Ohren nicht. Die gesamten Calanques waren wegen Brandgefahr gesperrt worden, das Betreten bis auf weiteres verboten. Ich dachte wirklich, ich hörte nicht richtig. Unser Kletterzeug lag eine Gehstunde entfernt nun unerreichbar in den Felsen! Es sah so aus, als würden wir nicht nur heute hier nicht klettern, sondern auch nirgendwo anders. Ich hab diskutiert wie der Teufel. Gott sei Dank sprach dieser Franzose an dem Kontrollpunkt ein bisschen Englisch. Und er liess sich erweichen und gab mir eine Stunde, unseren Krempel zu holen. Doch anschliessend war dieser Tag gelaufen. Wir versuchten es zwar noch in einem anderen Gebiet, welches noch offen war, doch wir vergeudeten mit der Routensucherei fast den gesamten restlichen Tag.

Cassis ist eine Bilderbuchstadt, die wie kaum eine andere südfranzösische Lebensart verkörpert. Der Hafen mit unzähligen einfachen Kneipen oder pickfeinen sündhaft teuren Restaurants, bewacht von der alten Burg, ist der Mittelpunkt des Ortes.

Am nächsten Tag war der Spuk aber schon wieder vorbei. Der Grund, warum die Sperrung gleich wieder aufgehoben wurde, entzieht sich jeder logischen Erklärung. Es hatte keinen Tropfen geregnet und der Himmel blieb wolkenlos, wie die Tage zuvor auch. Mir war das alles ein Rätsel.

Inzwischen haben wir den berühmten weissen Kalkstein der Calanques zur Genüge beklettert. Er ist wirklich etwas besonderes. Wahrscheinlich wird man nie wieder so richtig Spaß im Frankenjura haben (dort gibt es auch Kalk), wenn man einmal in den Calanques gewesen ist. Doch leider wird morgen auch hier schon wieder unser letzter Tag sein. Dann geht es nach Österreich ins Pitztal zum Training mit meinen Nepalgästen für nächstes Jahr. Ein schönes Kontrastprogramm, denn dort werden wir im Eis des Taschachgletschers klettern. Und von dort gibt es dann auch den nächsten Bericht.

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