Ungewöhnlich!

Ich werde mich nie daran gewöhnen, Träger schweißüberströmt riesige Lasten schleppen zu sehen. Schon gar nicht, wenn das meine Lasten sind und über 5000 Meter hohe Pässe überquert werden. Wenn ich mit Gästen in Nepal unterwegs bin, dann müssen sie sich daran gewöhnen, dass sich vieles nicht nach ihnen richtet, sondern meine Träger die Eckpunkte des Trekkingtages festlegen. Zum Beispiel bestimmen sie, wann frühmorgens aufgestanden wird und wie lang eine Tagesetappe sein kann. Da die Träger naturgemäß länger brauchen als wir, wollen sie so früh wie möglich starten. Deshalb ist das erste, was nach dem Aufstehen erledigt werden muss, das Zusammenpacken der Trägerlast. Erst dann wird gefrühstückt. Und meistens sind wir abends auch eher am Ziel und müssen dann warten, bis auch die Träger eingetroffen sind, ehe wir an unsere Rucksäcke kommen.

In Nepal fehlen in den westlichen und östlichen Landesteilen Straßen fast vollständig. Und so wird auch heute noch buchstäblich alles, was der Mensch braucht, getragen. Das geschied nach wie vor fast ausschliesslich auf dem Rücken von Menschen. Die Gründe als Träger zu arbeiten, sind vielfältig. Viele Träger sind eigentlich Bauern, welche die Überschüsse ihrer kleinen Landwirtschaft zu den Basaren bringen. Andere sind professionelle Lastenträger, die für Lodgebesitzer oder andere wohlhabende Leute die Dinge des täglichen Bedarfs herantragen. Sie werden ausschließlich nach Gewicht bezahlt. Bei Holz- oder Kerosinträgern kann man Lasten sehen, die weit über einhundert Kilo wiegen. Das durchschnittliche Lastengewicht von 20 bis 30jährigen Trägern beträgt 153 Prozent ihres Körpergewichtes (Quelle: National Geographic). Das heisst, ein 60 Kilogramm schwerer Porter trägt im Durchschnitt fast zwei Zentner.

Kind

Diesen kleinen Jungen traf ich auf dem ziemlich harten 600 Höhenmeteraufstieg nach Namche. Er ist elf Jahre alt und trug 50 kg in zwei Tagen von Lukla zum Basar in Namche. Dafür bekommt er 1000 Rupien umgerechnet 9 €.

Unsere Träger sind junge Männer, die weder Bauern noch Profis sind. Sie brauchen dringend einen Job, weil sie kein Geld haben. Und wenn sie für Touristen tragen, können sie locker das zwei bis dreifache verdienen, was ein Profi bekommt, tragen dafür aber nur die Hälfte. Und genau da liegt das Problem. Wer will noch Profiträger sein oder Bauer? In Jiri, von wo aus Waren in die Touristenhochburgen des Khumbu getragen werden müssen, findet man nur schwer Träger. Wir haben unsere aus Kathmandu mitgebracht. In Lukla, wo die Trekker aus Kathmandu eingeflogen werden, warten hunderte auf einen lukrativen Job.

Gestern haben wir einen Ruhetag gemacht, um uns zu akklimatisieren. Alle hielten sich daran und ruhten sich aus, bloss Christoph nicht. Der wollte partout einen Fünftausender hinter unserer Lodge in Thame (3800 m) besteigen. Und damit er nicht allein dort hinaufklettert, musste ich mit. Erst war ich ja gar nicht so sehr begeistert, weil das 1500 Höhenmeter Aufstieg bedeutete. Schliesslich freute ich mich auch auf einen Tag Entspannung. Doch dann wurde es ein unvergesslicher Bergtag, obwohl wir nur ein paar Meter unter dem Gipfel aufgeben mussten. Wir hätten an einigen Stellen sichern müssen, doch wir hatten keine Ausrüstung dabei.

Christoph

Dramatische Wolkenstimmungen, herrliche Gratkletterei in festem Fels und ein gut aufgelegter, superstarker Christoph waren die etwas paradoxen Kennzeichen meines Ruhetages.

Heute sind wir ins 4400 m hoch gelegene Lungden gelaufen, Ausgangspunkt für den ersten hohen Pass. Und um fit genug und ausgeruht zu sein, habe ich für morgen einen weiteren Ruhetag ausgerufen. Denn von Thame bis hierher sind es ja 600 Höhenmeter, zuviel um gleich am nächsten Tag über den fünfeinhalbtausend Meter hohen Renjo-Pass nach Gokyo zu gehen, welches ja in 4750 Metern Höhe gelegen ist. Und für unsere Träger ist ein weiterer Tag Ruhe vor der großen Anstrengung ebenso willkommen. Doch wenn es übermorgen soweit ist und wir alle über den Pass steigen, würde ich am liebsten Pasang, so heißt der Sherpa, der meinen Rucksack trägt, die Last abnehmen und sie selber schleppen. Er würde das allerdings nicht verstehen, dass ich mich nie daran gewöhnen werde, dass jemand anderes meinen Rucksack trägt.

2 Antworten

  1. Simone Scholz sagt:

    Zuerst einmal Dir, Lieber Andreas noch herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!!! Sind gerade von einer Schneeschuhtour zurück und lesen als erstes die spannenden Nepal-News. Euch allen ein gutes Gelingen für die phantastische Tour…..wir sehen Euch natürlich ganz bildlich vor uns, wie Ihr übermorgen vom Renjo-Pass nach Gokyo einmarschiert, denn wir kennen ja diesen wunderbaren Fleck im Khumbu. Es ist herrlich, Euch alle so gesund und munter und durchtrainiert zu sehen und vom warmen Wohnzimmersessel aus begleiten zu können. Habt Ihr auch die Spielkarten nicht vergessen für den abendlichen Hüttengaudi ? Christoph ist es doch nicht etwa langweilig geworden…..
    Ganz liebe Grüße an alle von Simone und Gerd

  2. Paul-Oma aus der Frö. sagt:

    Hallo, lieber Wolfgang und liebe Franziska,
    heute war ein Computerkurs extra für mich ;)…
    Interessant, eure Berichte zu lesen und weiter
    toi, toi, toi – kommt glücklich und zufrieden nach Hause!
    P.-O.

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