Viele Gipfel, tolle Aussicht und ein Problem

Eines der bemerkenswertesten Dinge, auf das ich bei meinen geführten Touren hier im Himalaya aber auch in den Alpen oder der Sächsischen Schweiz treffe, ist die Tatsache, dass beinahe jeder empfänglich ist für das Phänomen Gipfel und das damit verbundene Erfolgserlebnis. Und es sind ganz und gar nicht meine Gäste, die ich damit meine, sondern die vielen anderen, über die ich mich oft wundere, weil sie sich selbst eine solche Tortur auferlegt haben. Ein kluger und ganz offensichtlich witziger Mann, ich weiss nicht mehr, wer es war, hat wohl auch darüber nachgedacht und sinngemäß folgendes dazu angemerkt: „Wenn der Umfang eines Menschen ein gewisses Verhältnis zu seiner Größe übersteigt, dann zieht er häufig die weiten Ebenen den Bergen vor. Doch wenn das tatsächlich so ist, dann ist die Erfindung von Zahnradbahnen, Sesselliften und Seilbahnen ein Beweis für den unwiderstehlichen Drang nach oben, den offensichtlich sogar diejenigen empfinden, die von Natur aus nicht dazu prädestiniert sind, auf Berge zu steigen.”

Jeder hat schon irgendwann einmal das Bedürfnis verspürt, ganz oben zu stehen. Das ist ja auch nicht wirklich eine Überraschung. Welche Allegorie für Erfolg ist einfacher, als die Besteigung eines Berges? Der Gipfel ist ein simples und sichtbares Ziel, seine Flanken die Herausforderung. Und wer keine Lust hat, sich dafür anzustrengen, also die Mehrzahl unserer Zeitgenossen, benutzt eben die Seilbahn. Die allerdings sucht man hier vergebens. Hier, am Fuße des Mount Everest, muß sich jeder Berg, ja sogar jeder Bergblick hart erkämpft werden. Manchmal ist es sogar anstrengend, oft regelrecht schmerzhaft, meinen Gästen dabei zu zuschauen, wie sehr sie sich dafür anstrengen müssen.

Bergblick

Viele kommen wegen genau dieser Aussicht hier her. Das gigantische Dreiergestirn Everest, Nupste, Lhotse mit der gewaltigen Südwand und natürlich die Ama Dablam. Kein Foto zeigt allerdings, wie umwerfend dieser Anblick wirklich ist.

Heute sind wir nun auf die erste Etappe des eigentlichen Treks zum Island Peak gegangen. Etwa drei Gehstunden und 550 Höhenmeter liegt das knapp 4000 m hohe Mong La von Namche, unserem heutigen Ausgangspunkt, entfernt. Wir haben uns gut vorbereitet, drei Nächte auf 3500 Meter und eine Nacht auf 3850 Meter verbracht und waren während zweier Akklimatisationstouren schon auf über 4000 Metern. Trotzdem sind wir natürlich nicht alle gleich gut drauf. Leider hat Manuela nach ihrer Ankunft in Mong Probleme bekommen und ist höhenkrank geworden. Um kein Risiko einzugehen, musste sie noch am selben Abend nach Namche zurück. Ihr Mann sowie Kumar, der auch auf dieser Tour wieder mit von der Partie ist und ich haben sie begleitet. Anschließend bin ich wieder nach Mong aufgestiegen, um die Tour mit den anderen Gästen wie geplant fortzusetzen.
Wenn es Manuela besser geht, werden die drei versuchen, abermals aufzusteigen und in kurzen Etappen nach Dingboche oder Chukhung laufen, um dort mit uns anderen wieder zusammen zu treffen. Auf den Ausflug zum 5360 Meter hohen Gokyo Ri müssen die beiden nun aber aus Zeitgründen leider verzichten.
Es ist einfach eine Tatsache, dass sich nicht jeder gleich schnell akklimatisiert. Hier herrschen die Gesetze der großen Höhe, denen wir uns unterordnen müssen. Und wollten wir hier irgendetwas erzwingen, so begäben wir uns in Gefahr. Deshalb ist es schon ein großer Vorteil, wenn außer mir noch ein zweiter Guide mit auf Tour ist, denn nur so ist eine solche Improvisation, wie wir sie nun machen müssen, überhaupt möglich. Wenn alles gut geht, werden wir in fünf Tagen wieder beieinander sein und dann sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.

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