Halt finden! Der Kletter-Effekt.
Ich kann die Wirklichkeit, die uns umgibt, nicht ändern. Nicht den Klimawandel, nicht die Dummheit der Menschen und ihre grassierende Empörungskultur, die so gar nicht zu unseren komfortablen Lebensumständen passt. Ich kann nichts tun gegen deprimierende Kriegsrhetorik oder durchgeknallte Präsidenten. Was ich aber beeinflussen kann, ist meine Lebenswirklichkeit und auch mich selbst kann ich ändern. Und das geht nirgends besser als beim Klettern. Jedenfalls gilt das für mich.
Links am Stand bei Nachholen an der „Amselseekante „am Vexierturm im sächsischen Rathen (Foto: Janina Graeber). Rechts klettere ich „Licht meines Lebens“ am Wurzelstein in Ostrov (Foto: Laureen Schaper).
Der Wirklichkeit wenigstens ab und zu einmal zu entkommen, ist für uns Menschen so wichtig wie die Luft zum Atmen. Die kleinen und großen Fluchten sind es, die uns Menschen die Kraft geben, weiter zu machen. Alle fliehen vor ihr auf die eine oder andere Weise, weil es anders gar nicht geht.
Die einen flüchten in ihren Schrebergarten oder auf die Aida, die anderen ins Kino oder an die Theke. Ich fliehe an die Felsen, in die Berge. Ich klettere, weil ich nirgendwo dem Hamsterrad meiner Gedanken, meinem Kummer, meinen Ängsten, meinen Sorgen vor der Zukunft so sicher und so gründlich entkommen kann, wie beim Kampf gegen die Schwerkraft.
Links bin ich in der „Ostwand“ am Adlerkopf unterwegs (Foto: Thomas Hertel). Rechts kämpfe ich mich die „Südwand“ am Adam und Eva hoch (Foto: Laureen Schaper).
Die Angst vor dem Fallen ist uns so tief ins Gehirn eingegraben, dass wir selbst dann Angst davor haben, wenn wir uns vollkommen bewusst sind, dass gar keine Gefahr droht. Ich brauche bloß vom Boden abzuheben und meine Sicherungsfrau auf Mausgröße zusammenschrumpfen sehen, dann bin ich so bei mir und dem was ich tue, dass mich nichts mehr ablenken kann. Oft nicht einmal mehr meine Angst selbst.
Das ist ein Phänomen, welches ich noch nirgends sonst erlebt habe. Aber das ist längst noch nicht alles.
Wenn ich aus einer schweren Route aussteige, wenn ich mir selbst und meinen Ängsten ein Schnippchen schlug, wenn ich mich an das Gefühl erinnere, wie die Furcht vor dem Kontrollverlust in mir aufstieg und ich sie wieder niederringen konnte, dann stellt sich bei mir auf dem Gipfel ein Glücksgefühl ein, welches erstaunlich lange anhält. Und auch beim nächsten Mal wird es wieder da sein. Ich weiß das, denn dieser Mechanismus nutzt sich einfach niemals ab.
Links in der wunderbaren 12 Seillängen umfassenden „Brid za veliki cekic“ im kroatischen Paklenica (Foto: Luisa Kurowski). Rechts klettere ich die „Via Classica“ am Biopfeiler im schweizerischen Bergell (Foto: Helmut Hartmann).
Das ist vielleicht die erstaunlichste Eigenart dieser besonderen Tätigkeit. Wie oft schon habe ich mich gewundert, über den immer stärker werdenden Auftrieb, diese sich leise steigernde Erregung, wenn ich den Felsen immer näher kam. Hört das denn niemals auf?
Nein, bei mir jedenfalls nicht. Klettern ist vor allem genau deshalb etwas einmaliges. Ich kann mir quasi auf Knopfdruck Glücklichsein besorgen. Ganz ohne Drogen. Wo geht das sonst noch?
Und jeder kann das haben, weil es jedem die gleichen Erlebnisse und Emotionen beschert. Noch so eine wundersame Eigenart dieses Sports. Der Kletterer, der sich zum ersten Mal an einen Vorstieg im fünften Grad traut, erlebt das gleiche, wie derjenige, der seine erste Acht durchsteigt. Und wenn der Achterkletterer 20 Jahre später mit schmerzenden Handgelenken und zwei kaputten Schultern an guten Tagen mit viel Mühe vielleicht noch einen leichten Siebener raufkommt, wird er genauso glücklich sein über die Tatsache, dass er Herr über seinen Körper und seine Angst geblieben ist wie zwei Jahrzehnte zuvor nach seiner ersten schweren Achtertour.
Links klettere ich im Sektor Yosemite in Löbejün bei Halle an der Saale die Route „Kalte Schulter“ (Foto: Janina Graeber). Rechts hangele ich an der „Dachverschneidung“ in den Kriebethaler Wänden (Foto: Ulf Wogenstein).
Und wenn ich 80 werden sollte, dann wird es immer noch so sein, denn falls ich dann auch nur einen Fuß vor den anderen setzen kann, werde ich immer noch Klettern, und ich werde immer noch das Gleiche erleben wie gegenwärtig oder vor 20 Jahren.
Es ist sogar gut möglich, dass dann noch immer die gleichen Leute zu mir hinauf schauen bzw. dann wohl eher oben stehen und auf mich runtersehen, weil die meisten von denen, die dann mit mir klettern, jünger, viel jünger sein werden als ich. Denn das sind sie ja jetzt schon alle.
Und damit sind wir gleich bei der nächsten Einzigartigkeit dieses Sports. Wer klettert, ist darauf angewiesen, dass er einen Sicherungsmann hat. Ihm muss er bedingungslos vertrauen. Und dieser muss sich im Klaren darüber sein, welche Verantwortung er für seinen Vorsteiger hat. Ich kann solange darüber nachdenken, wie ich will. Mir fällt keine andere Tätigkeit ein, bei welcher Menschen so bedingungslos Verantwortung übernehmen bzw. anderen so blind vertrauen müssen.
Links am Stand nach der 4. Seillänge der Route „Sole Che Ride“ im Sektor Precipizio degli Asteroidi im italienischen Val di Mello (Foto: Janina Graeber). Rechts steigt mir Anne eine namenlose Route auf Sardinien in Cala Gonone im Sektor Margheddie nach (Foto: Jacob Andreas).
Das verbindet. Diese Verbundenheit ist einzigartig. Es ist eine Mischung aus Dankbarkeit, tiefem gegenseitigen Verstehen und gemeinsam empfundenem Glück. Jene bei uns eben gar nicht so seltenen Augenblicke brennen sich für immer ins Gedächtnis und sind so wertvoll, dass sie durch nichts zu übertreffen sind.
Das hört sich in den Ohren der Leser sicher wirklich nach Transformation von Wirklichkeit an, nach Flucht vor der Realität. Vielleicht auch nach Abhängigkeit. Aber ich lasse mich gerne als Süchtigen bezeichnen, wenn diese Sucht mit Dankbarkeit, Verantwortungsgefühl, Verständnis, Vertrauen, Flow und Glück verbunden ist und man sich eine Prise davon reinziehen kann, wann immer das Wetter es zulässt.

Wir gehen Klettern. Es gibt nichts schöneres als das mit Freunden zu tun! Hier auf dem Weg ins Bielatal in der Sächsischen Schweiz.
Der Frühling ist da, und wenn dann die Sonne auch noch scheint, dürft ihr drei Mal raten, wo ich bin…
Wer das auch alles einmal hautnah spüren und erleben möchte, ist HIER genau richtig.











Du wirst immer besser, lieber Olaf!
Und, wie mir scheint, auch klüger!
Wenn ich das nach meinen Maßstäben messe.
Danke! Erhard 83 mit neuer Hüfte und erstem Weg wieder am Himmelstor