Der Antrag

Wenn ich so den ganzen Tag vorneweg laufe, dann suchen die Augen den Weg, die Beine gehen ihn, aber in mein Bewußtsein dringt dieser Vorgang nicht. Ich bin frei, in Ruhe nachzudenken. Über eine verlorene Liebe oder falsche Entscheidungen. Über die Zukunft, über das am letzten Abend Gelesene oder aber darüber, was ich momentan tue. Ob ich es gut und richtig mache. Was die Leute von mir denken. Und was überhaupt die Aufgaben desjenigen sind, der hier vorneweggeht.

Ein Traumstart an einem zaubenhaften Morgen in unseren Wandertag nach Machermo. Beim Aufstieg ist das unsere längste Etappe. Im Hintergrund der Taboche.

Viele sind es. Die mit Abstand wichtigste aber ist, meine Gäste aufmerksam zu beobachten und zu schauen, wie es ihnen geht. 28 Jahre tue ich das nun schon, und ich bilde mir ein, dafür inzwischen schon einen ganz guten Blick zu haben. Zu viel habe ich schon gesehen, erlebt und erfahren.

Auf dem Weg von Machermo nach Gokyo kommt der Wanderer an einer Stelle vorbei, an der sich das folgenreichste Lawinenunglück in der Everestregion ereignet hat. Auf der kleinen Alm Phangka verloren 13 Japaner und 12 nepalesische Helfer ihr Leben. Diese Tafel erinnert an diese Tragödie.

Wir haben nun sogar schon die 5000-Meter-Grenze überschritten. Und was ich gerade sehe, gefällt mir prima. Ausnahmslos alle haben sich gut eingewöhnt und eingelaufen. Wir sind routinierte Trekker geworden und nach einem Dutzend Wandertagen wissen alle, wie der Hase hier läuft.

Auch die Akklimatisation schreitet gut voran. Außer den normalen Dingen wie ab und zu ein bisschen Kopfschmerzen oder ein leichtes Unwohlsein und den in der Höhe leider unvermeidlichen Schlafproblemen war bisher alles im grünen Bereich. Das macht den Führer froh.

Die Wanderung von Mong nach Machermo ist ganz besonders abwechslungsreich. Unter vielem anderen passieren wir auch imposante Eisfälle.

Wir sind nach drei entspannten Trekkingtagen am Sonntag (1.März) in Gokyo angekommen. Beim morgendlichen Aufbruch in Machermo hatten wir nach zwei wettermäßig eher unbefriedigenden Tagen wieder absolutes Kaiserwetter.

Glasklare Luft mit herrlichem Blick auf die prachtvolle Kulisse der Berge rund um den Ngozumba-Gletscher. Besonders der 8201 m hohe Cho Oyu am Talschluss zieht mit seiner 3000 m hohen Südostwand alle Blicke auf sich.

Der dritte von sechs Seen im Tal des Ngozumba-Gletschers. Gleich ist es geschafft, und wir erreichen die Gokyo Alm.

Am Montag (2. März) stand nun der erste große Höhepunkt unserer Reise an, die Besteigung des knapp 5400 m hohen Gokyo Ri. Für die Hälfte von uns war es das erste Mal über der magischen 5000-Meter-Marke. Höhenrekord!

Der Blick auf das überwältigende Panorama von Everest, Lhotse, Makalu, Cho Oyu, Gyachung Kang und mindestens einem Dutzend anderer Sechs- und Siebentausender ist jedes Mal aufs Neue etwas ganz einmaliges.

Glückspilze sind wir. Genau zum richtigen Zeitpunkt haben wir das perfekte Wetter. Hier schauen wir auf den Start unseres Aufstieges auf den knapp 5400 m hohen Gokyo Ri. Im Hintergrund der Cho Oyu.

Ganz einmalig und vermutlich ein Allzeitrekord war die Tatsache, dass alle 12 Gäste den Gipfel des Gokyo Ri erreicht haben. Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, jemals mit einer so großen Gruppe und dann auch noch vollzählig dort oben gewesen zu sein. 

Aber was es mit Sicherheit überhaupt noch nie auf einer meiner geführten Touren gab, war ein Heiratsantrag. So mit allem drum und dran. Anja hat ihrem Achim einen Antrag gemacht, und er hat „Ja“ gesagt. Herzlichen Glückwunsch von uns allen!

Soeben wurde im Angesicht von Chomolungma, der Göttin Mutter der Erde, der Heiratsantrag gestellt und bejaht.

Anmerken wollte ich noch, dass ich als altmodischer Dinosaurier bezeichnet wurde, als ich vorsichtig fragte, ob es denn eigentlich nicht üblich sei, dass der Mann den Antrag stellt. Aber diese Zeiten sind scheinbar auch vorbei! So habe ich wieder etwas gelernt. 

Am Dienstag (3. März) ging es nach Dragnag über den Ngozumba-Gletscher. Diese Gletscherüberquerung ist rein technisch gar kein Problem. Aber der Ngozumba selbst ist beileibe nicht irgendein Gletscher. ER ist der längste Gletscher Nepals. Über 20 Kilometer misst er, im Durchschnitt ist er 1,5 Kilometer breit und mehr als 60 Quadratkilometer groß.

Die größte Gruppe aller Zeiten vollzählig angetreten auf dem Gipfel des Gokyo Ri. Ganz rechts der Mount Everest.

Der Ngozumba ist ein klassischer Talgletscher. Sein Nährgebiet sind die gewaltigen Südostabstürze von Cho Oyu (8201 m) und Gyachung Kang (7952 m).

Seine Fließgeschwindigkeit beträgt 36 m pro Jahr, allerdings fließt nur der obere Teil des Gletschers, der untere, genauer gesagt die letzten 6,5 Kilometer zeigen keine Bewegung mehr. Das ist das sogenannte Zehrgebiet.

Katrin befestigt ihre Gebetsfahnen, Wolfgang macht das Foto. Links der höchste 7000er der Welt, der 7952 m hohe Gyachung Kang.

Der untere Teil ist sehr stark von Sedimenten bedeckt, wodurch das Abschmelzen deutlich verlangsamt wird und der Gletscher deshalb auch weiter talwärts reicht als er ohne diese Auflage reichen würde.

Ob ein Gletscher schrumpft, wächst oder weder zu- noch abnimmt, also stagniert, wird durch die sogenannte Equilibrium Line Altitude (ELA) bestimmt.

Der Beweis das ich auch mit bin. Selfie mit Wolfgang, (links) dann Chatur, mein Sirdar (Chef der Träger) und rechts Te Kumar, mein langjähriger Co Guide.

Diese Linie ist die Grenze zwischen der sogenannten Akkumulationszone, also dem Bereich in welchem der Gletscher wächst, weil mehr Schnee und Eis hinzu kommt als abschmelzen kann, und der Ablationszone. Das ist der Teil des Gletschers, wo er an Volumen verliert, weil mehr Material abschmilzt als durch Niederschläge oder Lawinen hinzukommen.

Die ELA ist ein gut bestimmbarer Gratmesser dafür, ob ein Gletscher im Rückgang begriffen ist oder wächst.

Der untere Teil des Ngozumba-Gletschers. Wir sehen hier in etwa den Teil des Gletschers, der unterhalb der ELA liegt.

Am Ngozumba verschiebt sich die ELA seit vielen Jahren immer weiter nach oben, das heißt, der Ngozumba schrumpft. Pro Jahr verliert er gegenwärtig etwa 1 m an Länge. Auch an Mächtigkeit büßt der Ngozumba seit vielen Jahren ein.

Dragnag ist der Ausgangspunkt für den Weg ins dritte Tal der Everest-Region. Entweder wir überqueren den 5420 m hohen Cho-La-Pass oder wir laufen von unten über Phortse und Dingboche in das Tal des Khumbu-Gletschers hinein. Das dauert drei Tage. Über den Pass sind wir nur zwei Tage unterwegs.

Meine Gruppe auf dem Ngozumba-Gletscher. Wir haben ihn so ungefähr auf der Equilibrium Line Altitude überquert.

Wie wir uns diesbezüglich entscheiden, steht bei Redaktionsschluss für diesen Beitrag noch nicht fest. Vermutlich werden wir die Gruppe teilen, weil einige vielleicht gar keine Lust auf den Pass haben. Ich denke ja, dass der Weg unten herum sogar der landschaftlich eindrucksvollere ist.

Bewältigen könnten den Pass rein von der Kondition jedenfalls alle.

Rast mitten auf dem Gletscher. Ein Ort, an dem man wirklich nicht alle Tage ist!

Wie wir uns diesbezüglich entschieden haben, wird ein Thema des nächsten Blogbeitrages sein, wenn wir wieder irgendwo ein Zipfelchen Internet abbekommen. Übrigens fließt auch der Strom hier nicht immer so kontinuierlich, wie wir das von zu Hause gewöhnt sind. Das kann auch noch ein Problem für diesen Blog hier werden. Aber ich bin guter Dinge.

Der Tag an dem wir den Ngozumba-Gletscher überqueren, ist immer ein besonderer. Obwohl er nur 1,5 Kilometer breit ist, kommt einem das länger vor.

 

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2 Antworten

  1. Veronica sagt:

    Herzlichen Glückwunsch an Anja und Achim auch von mir!

  2. Ingrid Hoppe sagt:

    Ein Heiratsantrag auf so einer Tour,ein unvergessenes Erlebnis. Herzlichen Glückwunsch dafür .

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