Genie und Wahnsinn!

Meine Annäherung an den kühnsten Alpinisten, von dem ich je gehört habe, begann ziemlich widerwillig. Ein guter Freund fragte mich, ob ich den Film „Der Alpinist“ schon einmal gesehen hätte. Nein, hatte ich nicht. Mich wunderte, dass er mich überhaupt fragte. Ich schaue mir diese Filme von alpinistischen Übermenschen einfach nicht an. Dieser Freund wusste das genau. Warum also fragte er mich das? Das wiederum fragte ich ihn. Weil mir DIESER Film gefallen und ich ganz bestimmt keine Zeit damit vergeuden würde, antwortete er.

Ich gebe es zu, mich deprimieren solche Filme. Ich habe erst hoch in meinen Dreißigern mit dem ernsthaften Alpinismus angefangen. Da sind die guten Leute oft schon über ihren Zenit hinaus. Was konnte also mehr aus mir werden als unteres alpinistisches Mittelmaß? Das ist auch gar nicht schlimm. Aber ich wünschte, schon viel früher damit angefangen zu haben und wäre gern viel besser.

Außerdem habe ich häufig das Gefühl, dass vieles, was man dort in diesen Filmen zu sehen bekommt, nur wenig mit der erbarmungslosen und gefährlichen Realität zu tun hat. Es wird geschönt, gefakt, retuschiert und ist damit häufig nicht zu hundert Prozent echt.

Mein Freund meinte nur lakonisch, dass er das alles wisse, ich sollte mir diesen Film trotzdem anschauen. Also hörte ich auf ihn. Und tatsächlich, diese anderthalb Stunden waren alles andere als vergeudete Zeit. Inzwischen habe ich mir diesen Film noch ein paar weitere Male angesehen. Das will wirklich was heißen.

Marc-André Leclerc (Foto: Wikipedia).

In diesem Film geht es um einen sehr jungen, über alle Maßen talentierten Kletterer und Bergsteiger aus dem kanadischen British Columbia. Sein Name ist Marc-André Leclerc. Dieser Name war selbst in der Fachwelt fast gänzlich unbekannt. Doch einige Informationen über die unerhörten Taten dieses jungen Bergsteigers drangen wohl mehr zufällig zu dem renommierten Bergfilmer Peter Mortimer. Als Mortimer sich dann intensiver mit Leclerc beschäftigt hatte, wurde rasch klar, dass dieser junge Mann gerade dabei war, die Grenzen des Alpinismus kräftig zu verschieben.

Doch es war alles andere als einfach, den Kanadier zu diesem Film zu überreden. Und noch viel schwieriger war es dann, mit ihm zusammenzuarbeiten. Mitten in den Filmarbeiten verschwand er mehrfach. Einmal sogar monatelang. Die zunehmend frustrierten Filmemacher entdeckten ihn auf Fotos anderer Kletterer in den sozialen Medien. Mal tauchte er in Schottland auf, dann in Patagonien, dann wieder in der kanadischen Arktis.

Nach dem Grund für seine Fluchten gefragt, antwortete er, was andere Solokletterer vermutlich so gar nicht gerne hören. Es seien eben keine echten Soloaufstiege, wenn Kameramänner an Seilen um ihn herum hängen. Ein Alleingang ohne Seil ist es eben nur dann, wenn auch keins in der Nähe ist, zu dem man sich in der Not retten kann. Für solche Art des Selbstbetruges gibt es prominente Beispiele.

Marc-André Leclerc Free Solo also allein und ohne Seil in einer Drytooling-Route (Foto: Wikipedia).

Also filmte Leclerc vorwiegend mit einer Kamera am Helm selber, und es wurden Drohnen eingesetzt. Ganz selten gestattete er Freunden, ihn zu filmen. Und manchmal, für mich besonders krass, kletterte er schwierigste Routen zwei Mal. Das erste Mal komplett auf sich allein gestellt, das zweite Mal mit Kameraleuten in der Wand.

Wenn ich diese Bilder sehe, dann sind sie tatsächlich oft kaum auszuhalten. Stellenweise hatte ich Schwierigkeiten, die ganze Zeit hinzugucken. Ich saß den Großteil des Films verkrampft in meinem Sessel, jeden Augenblick den tödlichen Absturz erwartend, wenn er ohne jede Seilsicherung extrem schwierige und brüchige Passagen beim Eisklettern oder in riesigen kombinierten Wänden überwand.

Dass ich emotional von diesen Bildern so vereinnahmt wurde, lag auch daran, dass Marc-André Leclerc ein wunderbar freundlicher, etwas unbeholfener und fast schon schüchterner Mensch war. Er musste einem sofort sympathisch sein. Vor allem seine entwaffnende Bescheidenheit hat mich besonders für ihn eingenommen.

Und das geht allen so, die von ihm und seinen Taten gehört haben. Wenn andere Bergsteiger über ihn sprechen, dann sprudeln sie förmlich über vor Bewunderung. Das gilt insbesondere für jene, die wissen wovon sie reden: Ein absoluter Meister seines Faches, der mit lässiger Eleganz, geradezu schlafwandlerischer Sicherheit und unglaublichem Konzentrationsvermögen schwierigste Aufstiege geklettert ist. Sehr oft ist der Kanadier nicht nur ohne Seil unterwegs, sondern auch noch im Onsight-Stil, also ohne irgendwelche vorab gesammelten Informationen über die geplante Route.

Seine ganzen im Sinne des Wortes atemberaubenden Aktionen hier aufzuzählen, würde den Rahmen dieses Beitrages bei weitem sprengen. Deshalb nur ein Beispiel für so viele andere.

Der Cerro Torre in Bildmitte und rechts dahinter der Torre Egger. Dieses Bild habe ich während meiner Expedition zum Cerro Fitz Roy aufgenommen.

Er hat den Torre Egger in Patagonien, den manche für den schwierigsten Gipfel der Welt halten, allein und im Winter bestiegen. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit, wenn man weiß, was es heißt, im patagonischen Winter zu klettern. Der erste Versuch scheitert dann auch. Knapp unter dem Gipfel schließt sich das Wetterfenster. Er gerät in die völlig unvermittelt hereinbrechende Urgewalt eines patagonischen Schneesturmes. Allein dass er dieses Inferno überlebt hat, ist nicht mehr und nicht weniger als ein Wunder. Er weiß das auch.

Doch anstatt bis ins Mark erschüttert von seinen Nahtoderfahrungen nach Hause zu seiner Freundin zu fahren, freut er sich einfach nur darüber, die patagonische Schneesturmhölle überlebt zu haben und versucht es trotz seiner Erschöpfung gleich noch einmal. Diesmal ist das Wetterfenster eigentlich zu kurz. Deshalb nimmt er außer seiner Kletterausrüstung so gut wie nichts mehr mit. Er muss extrem schnell unterwegs sein, den Auf- und Abstieg in weniger als 24 Stunden schaffen. Mehr „Alles auf eine Karte setzen“, geht nun wirklich nicht.

Und er gewinnt den Jackpot. Eine unglaubliche Geschichte, von denen es noch eine Reihe ganz ähnliche gibt, wie man sich im Film anschauen kann.

Bilder von meiner Expedition am Fitz Roy, einem Nachbarn des Torre Egger. Links: Inferno am Fuß der Brecha de los Italianos am Fitz Roy. Rechts: Abseilen im Schneesturm.

Doch der größte Pluspunkt, mit dem er sich für mich von allen anderen abhebt, ist seine Bescheidenheit. Ihm ist egal, was die anderen von ihm halten. Das, was er tut, macht er ausschließlich für sich. Er lebt im Zelt im Wald, in einer Schneehöhle, mit seiner Freundin in einem Treppenhaus und natürlich an den Einstiegen zu seinen Projekten, um auf gute Verhältnisse zu warten.

Obwohl er selbst von den ganz Großen seines Fachs bewundert und verehrt wird, sind ihm Ruhm und Ehre völlig schnuppe. Er ist nirgendwo in den Medien präsent. Leclerc trägt seine Haut zu Markte: Aber eben nicht für Sponsoren- oder Werbeverträge und schon gar nicht für Klicks und Likes in den sozialen Medien, sondern ausschließlich für ein kühnes Projekt. Was er will, ist einfach nur Klettern auf die reinste und anspruchsvollste Art, die vorstellbar ist und sonst in Ruhe gelassen werden.

Am 5. März 2018 erreicht Leclerc mit seinem Kletterpartner Ryan Johnson den Gipfel der Mendenhall Türme nicht weit entfernt von Juneau, der Hauptstadt Alaskas. Sie begehen eine ganz neue Route in der Nordflanke, und sie benutzen ein Seil! Das Wetter ist perfekt, sie haben Handyempfang da oben. Sein Partner Ryan postet ein Video, Marc-André schreibt kurze Nachrichten an seine Freundin und seine Mutter. Dann beginnen sie mit dem Abstieg. Im Tal werden sie aber nicht ankommen.

Erst nach vier Tagen erlaubte es das Wetter, nach ihnen zu suchen. Ihre Ski, welche sie im Tal zurückgelassen haben, wurden gefunden. Man entdeckte auch ein Stück Seil, welches in einem Lawinenkegel  verschwand. Ihre Leichen blieben bis heute verschwunden.

Marc-André Leclerc wurde 25 Jahre alt.

 

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