Ein Sportklettertraum, Teil 1

Der Kampf gegen die Schwerkraft ist bei Licht betrachtet ein seltsames Hobby von uns Menschen. Fast schon ein Phänomen. Und die Meinungen darüber sind sehr geteilt. Die einen sagen, Klettern sei völlig verrückt und kreuzgefährlich, die anderen sind dermaßen leidenschaftlich bei dieser Sache, dass es ohne nicht mehr geht.

Bemerkenswert ist auch die Vielfältigkeit und der Einfallsreichtum, mit der beim Ringen gegen die Erdanziehung zu Werke gegangen wird. Die Palette reicht vom sogenannten Bouldern, also das Herumklettern ohne Seil in Absprunghöhe, bis zum Klettern ebenfalls ohne Seil in riesigen kombinierten Wänden, wo jeder noch so kleine Fehler tödlich ist.

Der kanadische Kletterer Marc-André Leclerc hat es definitiv auf die Spitze getrieben. Er hat sogenannte Onsight -Begehungen schwierigster Routen gewagt. Häufig sogar seilfrei und ganz allein. Kein Kletterer war jemals so kühn in den Bergen unterwegs wie er.  Und trotzdem ist er selbst unter Kletterern so gut wie unbekannt. Der Dokumentarfilm „Der Alpinist“ beschäftigt sich mit seinem kurzen Leben auf der alpinen Überholspur. Wer schlechte Nerven hat, sollte diesen Film lieber meiden. Kein Blockbuster hat mich jemals mehr in meinen Sitz gepresst als dieser kleine Film. (Fotos: Wikipedia)

Dazwischen sind dem Einfallsreichtum der vertikalen Sportler keine Grenzen gesetzt. Das Bergsteigen in großen Höhen gehört genauso dazu wie das Eisklettern an gefrorenen Wasserfällen.

Setzt man allerdings die Zahl der Leute ins Verhältnis, welche die verschiedenen Bergsportdisziplinen ausüben, so kann man feststellen, dass das Expeditionsbergsteigen oder auch das Eisklettern nur eine überschaubare Zahl von Anhängern hat. Das sogenannte Sportklettern und noch mehr das Bouldern hat dagegen sehr viele.

Eine Sportkletterwand bei Hochbetrieb. Hier muss man schauen, dass man sein eigenes Wort noch versteht und das seines Partners.

Eine weitere bemerkenswerte Tatsache ist der ungeheure Boom, den das Klettern gegenwärtig erlebt. Klettern ist dabei, zum Volkssport zu werden. Allerdings betrifft das nur einen winzigen Ausschnitt des Bergsports, nämlich das eben erwähnte Sportklettern. Die Kletterhallen und -gärten platzen förmlich aus allen Nähten.

Und das hat natürlich seine Gründe. Zuallererst ist das Sportklettern die mit Abstand am wenigsten unfallträchtige Sparte des vertikalen Sports.

Bohrhaken in einer Sportkletterroute.

Die Zustiege sind kurz. Es gibt viele Bohrhaken, an denen man sich bestens absichern kann oder man klettert gleich im toprope. Oben angekommen wird an bombensicheren Umlenkern abgeseilt oder abgelassen. Die Routenfindung ist kein Problem, die Bohrhaken zeigen den Weg. Gedanken über das Wetter sind überflüssig, ruckzuck ist der Sportkletterer aus der meist sehr kurzen Route wieder verschwunden. Und weil die Routen sehr häufig begangen werden, sind sie in aller Regel auch nicht brüchig. Alles was mal locker war, hat den Weg in die Tiefe schon gefunden.

Und deshalb habe ich solche Routen oft schneller vergessen, als ich sie in mein Tourenbuch eintragen kann. Aber egal.

Das Sportklettern erfreut sich weltweit zunehmender Beliebtheit, dem muss auch ich Rechnung tragen. Außerdem ist ein weiterer Aspekt nicht zu vernachlässigen. Will ich meine Fähigkeiten und meine Ausdauer beim Klettern verbessern, so wird das ganz sicher nicht gut funktionieren, wenn ich ausschließlich in brüchigen Abenteuerrouten im Elbsandstein oder in schlecht abgesicherten Klassikern in den Alpen unterwegs bin. 

Und natürlich gehört es nicht nur zu meinem Job, halbwegs gut zu klettern. Ich sollte auch wissen, wo man das gut machen kann. Deshalb horchte ich auf, als mir vor einiger Zeit ein Bekannter von einem Sportklettergebiet erzählte, welches seiner Meinung nach das beste der Welt sei! Große Worte. Es läge an der türkischen Riviera ganz in der Nähe des Ferienortes Antalya. Geyikbayiri so sein etwas schwer auszusprechender Name. Ich hatte von diesem Ort noch nie gehört.

Ein Überblick über einen Großteil von Geyikbayiri. Den Namen bekam das Klettergebiet von dem kleinen Ort, den man im linken oberen Bildviertel erkennen kann. Der Riegel rechts ist kilometerlang und beherbergt hunderte von Kletterrouten. Sie sind in der Regel zwischen 20 und 35 m lang und die meisten verlangen den 6. und 7. französischen Schwierigkeitsgrad.

Anschließend aber, wie das häufig so ist, vernahm ich diesen Namen öfter. Ich staunte, wie viele Kletterer in meiner Umgebung dieses Gebiet kannten und auch schon dort gewesen sind.

Meine Neugier war geweckt, und als ich hörte, dass ein Freund von mir einen Ausflug nach Geyikbayiri plante und Kletterpartner suchte, war die Entscheidung einfach.

Der erste dicke Pluspunkt auf der Liste ist die Anreise. Nach Antalya kann der wärmeliebende Sportkletterer buchstäblich von überall dort reisen, wo es einen Flugplatz gibt. Sogar aus Leipzig gibt es eine Verbindung. Das will was heißen. In drei Stunden waren wir in Antalya. 270 Euro hat uns das gekostet. Es geht sicher auch billiger, wenn man nicht gerade über Weihnachten an der türkischen Riviera klettern möchte.

Ein weiterer Pluspunkt ist die vernachlässigbare Entfernung zum Klettergebiet. Eine reichliche halbe Stunde waren wir von Antalya mit unserem Leihwagen unterwegs. Es geht aber auch noch viel einfacher, wenn man sich nämlich von seiner Unterkunft abholen läßt. Fast alle dort bieten das an, denn in Geyikbayiri sind die Kletterspots so nah beieinander, dass man auf ein Auto vor Ort auch locker verzichten kann.

Rekordverdächtige Zustiegszeiten zu den ersten Sektoren von unserer Unterkunft von unter zwei Minuten. Das muss ein anderes Klettergebiet erst einmal nachmachen!

Da wir aber zu viert unterwegs waren, machte der Leihwagen vom Preis her deutlich mehr Sinn als die Abholung. Außerdem waren wir nun mobil, was Vorteile hat, wie wir noch sehen werden.

Die Kompaktheit des Gebietes ist also schon der dritte Pluspunkt. Und es gibt auch gleich noch einen vierten. Die Infrastruktur dieses Klettergebietes, also die Qualität der Bohrhaken und der Umlenker, ist vorbildlich und lässt keine Wünsche offen.

Und wenn wir schon mal bei den positiven Dingen sind. Ich habe kaum ein Klettergebiet kennengelernt, wo man eine so große Auswahl an regensicheren Klettermöglichkeiten hat. Für uns leider ein wichtiger Punkt, denn wir hatten in den ersten drei Tagen leider Pech mit dem Wetter. Es goss wie aus Eimern, und so lernten wir in den ersten drei Tagen gleich drei derjenigen Sektoren kennen, in denen das Klettern auch im strömenden Regen möglich ist.

Die Wand von Trebenna ist zu imposanten Gewölben ausgehöhlt. Riesige Säulen haben sich gebildet. Doch will man hier auch klettern, so ist es von Vorteil, wenn man das Stadium des Anfängers schon hinter sich hat.

Einer davon verdient besondere Erwähnung. Trebenna heißt dieser aus mehreren Sektoren bestehende Kletterspot. Trebenna, das ist übrigens eine nicht weit von hier gelegene Stadt aus der Antike, deren über 2000 Jahre alten Ruinen gut erhalten sind und besichtigt werden können.

Besichtigen sollte der Besucher Geyikbayiris unbedingt auch den gleichnamigen Kletterspot, selbst wenn es nicht regnet. Sogar Nichtkletterer werden hier staunen. Ich habe tatsächlich noch nie derartige Strukturen in einer Kalksteinwand gesehen. Ein echtes Prachtstück, was die Natur hier geschaffen hat.

Ende Teil 1

 

 

 

 

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