Wer hat Angst vor der KI?
„Ein tolles Foto!“ Solche Kommentare auf meiner Facebookseite gehen natürlich runter wie Öl. Und tatsächlich höre ich sie erfreulicherweise gar nicht so selten. Sie sind meine Motivation, mir auch unter schwierigen Bedingungen Mühe zu geben, eine paar brauchbare Fotos zustande zu bringen. Doch oft ist das gar nicht so einfach, denn sobald mir die Authentizität viel wichtiger ist als das gute Bild, dann leidet die Qualität zwangsläufig.

Die Bilder zu diesem Blogbeitrag sind garantiert keiner KI entspungen. Auf diesem Bild braut sich ein Sturm über dem Monte Sarmiento zusammen. Es rangiert in meinem Portfolio an besonderen Fotos ganz weit oben!
Es ist eine leicht nachprüfbare Tatsache, dass das leistungsorientierte Bergsteigen heutzutage vor allem durch Bilder definiert wird. Schon bei der Planung von alpinen Unternehmen spielt der mögliche Output an spektakulärem Bildmaterial eine große Rolle. An welchem Ziel kann ich mit möglichst wenig Risiko trotzdem spektakuläre Bilder erwarten, die anschließend in den sozialen Medien massenhaft Klicks generieren und meine Sponsoren glücklich machen? Oder ist es vielleicht sogar möglich, dass ein professioneller Fotograf mit in die Route einsteigt?
Der Schweizer Profifotograf Robert Bösch hat das mal in einem Satz zusammengefaßt: „Je perfekter das Bildmaterial, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Expedition nicht ans Limit der Beteiligten gegangen ist.“ Doch wenn Du zum Gipfel willst und dabei Deine Kameraausrüstung selber trägst, ständig nach Motiven Ausschau hältst und Dir fotografierend auch noch Deine Regenerationszeiten um die Ohren schlägst, dann kommst Du in einer herausfordernden Unternehmung ganz schnell an DEIN Limit.

Diese Bild zeigt Alexander Graeber, wie er mich sichert. Ich bin gerade auf dem Weg, einen Übergang über diesen gruseligen Bergschrund zu finden. Nur zufällig habe ich mich im genau richtigen Moment umgedreht. Wäre diese Wolke da nicht hinter Alex, man könnte ihn kaum sehen. Die Expedition hatte die Erstbesteigung des Amphu Laptsa Middle zum Ziel.
Den Kampf gegen den Aufwand, den RedBull und Co. treibt, um spektakuläre Bilder zu produzieren, habe ich nie aufgenommen. Doch ein neues, alles veränderndes Phänomen überschwemmt soeben die Medien und das Internet. Und der Kampf dagegen erinnert mich an jenen des wackeren Don Quijote mit den Windmühlen. Diesen Kampf werden alle haushoch verlieren. Wir stehen da auf verlorenem Posten, denn der Gegner ist die KI.

Es ist mein erfolgreichstes Foto auf Facebook mit an die 20000 „Gefällt mir“ -Klicks. Auch hier war ganz viel Glück im Spiel. Dass sich die Laguna de los Tres spiegelglatt präsentierte, grenzt im stürmischen Patagonien schon fast an ein Wunder! Wir schauen hier auf eine der großartigsten Felsgestalten der Erde, den Cerro Fitz Roy.
Die erschütternde Information, die mich zum Nachdenken über dieses Thema veranlasste, stammt aus der Süddeutschen Zeitung. Schon heute gibt es im Internet mehr künstlich erzeugte Texte als von Menschen geschriebene. Und bei Fotos und Videos dauert es auch nicht mehr allzu lange, bis künstlich erzeugte Bilder die von Menschen gemachten verdrängen werden. Das hat Folgen und zwar nicht nur für die Profifotografen.
Waren Fotos früher der Beleg dafür, dass etwas wirklich passiert ist, so können sie heute genauso gut einer KI entsprungen sein, und deshalb fragen wir uns immer öfter: Ist das nun echt? Nach den Informationen, denen wir nicht mehr trauen können, gilt das jetzt auch für die Bilder, welche noch vor kurzer Zeit eine relativ verlässliche Quelle von Glaubhaftigkeit waren. Doch das ändert sich gerade grundlegend.
Bei mir wirft das drei Fragen auf: Was macht das mit den Menschen? Welche Auswirkungen hat das auf die Gesellschaft? Und was hat das mit mir zu tun, der ich unter anderem davon lebe, Fotos zu erzeugen? Also ganz echte!
Eine Folge für die Menschen habe ich ja schon angerissen. Das Vertrauen verschwindet. Wir können nicht mehr erkennen, was echt ist und was nicht. Das wird die ohnehin schon grassierende Orientierungslosigkeit weiter verschärfen. In einer Studie der Universität Osnabrück wurde festgestellt, dass nur noch 30 Prozent der Testpersonen KI-Bilder als solche erkannten, die von einer der momentan „fortschrittlichsten“, auf Fotorealismus getrimmten KI-Modelle stammten. Ich bin gespannt, wie lange es noch dauert, bis aus den 30 Prozent Null Prozent werden.

Noch heute wundert es mich, dass ich den Nerv für dieses Bild hatte. Es zeigt Falk Liebstein mitten in der 600 m hohen, fast senkrechten Südwestwand des Monte Sarmiento in Feuerland. Er sichert meinen Vorstieg. Aber der Einsatz wurde belohnt mit einem sehr ungewöhnlichen Motiv.
Für die Gesellschaft ist dieser großflächige Vertrauensverlust gefährlich. Viele mögliche Konsequenzen können wir uns teilweise schon jetzt anschauen, besonders gut übrigens beim Blick über den großen Teich. Tatsachen werden einfach zu Falschinformationen, Lügen zu alternativen Fakten.
Es droht die „Realitätsapathie“. Diesen Begriff prägte Aviv Ovadya vom Berkman Klein Center in Harvard. Dieser Terminus beschreibt die zunehmende Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit angesichts eines allgemeinen Vertrauensverlustes.

Der 5947 m hohe Alpamayo mit seiner Südwestwand. Besser kann man diesen einmal als schönsten Berg der Welt gekürten Gipfel kaum in Szene setzen. Aber auch hier ist es die Stimmung des Lichtes, welche das Bild vor allem ausmacht.
Noch deutlicher steht uns ein anderes Phänomen vor Augen. Corona war diesbezüglich ein Brandbeschleuniger. Die Leute ziehen sich in ihre Vertrauenstrutzburgen zurück. Sie glauben nur noch bestimmten Personen, Blogs, Podcasts. Und dabei macht man sich immer weniger die Mühe, mal nachzuschauen, mit welcher Expertise da eigentlich Informationen und Meinungen verbreitet werden. Damit ist Propaganda und Desinformationen Tür und Tor geöffnet.
Und was macht das mit den Leuten, die immer stolz darauf waren, so authentische Fotos wie möglich von ihren Erlebnissen in den Gebirgen dieser Welt zu produzieren und die dabei nicht selten Kopf und Kragen riskieren?

Das ist mein Lieblingskletterfoto aufgenommen von Luisa Kurowski im kroatischen Paklenica. Wir beide klettern in der vorletzten Seillänge der Route „Brid-za-veliki-cekic“ am Anika Kuk.
Leute, die noch echte Fotos machen und vermarkten, merken die Veränderungen schon jetzt sehr deutlich. Es gibt viele Beispiele dafür. Eines ist die Plattform Pinterest. Sinn und Zweck dieser Plattform ist der Austausch über verschiedene Hobbys, Interessen und Einkaufstipps. Die Nutzer können Pinnwände erstellen, und andere Nutzer können dieses Bild ebenfalls teilen und kommentieren. Diese Plattform soll inspirieren. Doch nun nehmen KI-Inhalte plötzlich überhand. Und nicht nur diese Plattform wird überschwemmt mit beliebigen Inhalten, unerreichbar perfekten Menschen und Dingen. Das ist alles Mögliche, nur nicht inspirierend.
Aber vielleicht wird auch ein ganz anderer Effekt in Zukunft zu beobachten sein. Eigentlich liegt es ja auf der Hand. Im Internet droht die große Frustration. Man kann das sogar messen, wie eine Studie am Lehrstuhl für Kommunikationspsychologie und Neue Medien der Universität Würzburg zeigt. Wenn eine Gruppe von Testpersonen denkt, dass Kunstwerke, die sie zu sehen bekommen, echt sind und die andere Gruppe weiß, dass das nicht stimmt, dann gibt es sehr deutliche Unterschiede in der Bewertung dieser Bilder.

Das sind der Biarchedi II, 6730 m links und VI, 6215 m, rechts. Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein, ist vermutlich die wichtigste Zutat für ein gelungenes Bild.
Die zweite Gruppe schätzte, was sie sah, viel geringwertiger ein. Die Erlebnisse der Menschen, die diese Bilder geschaffen haben, fehlen. Ebenso die vom Künstler aufgewendete Zeit und Mühe. Das bezog die zweite Gruppe in ihre Bewertung mit ein. Und deshalb kann die zunehmende Geringschätzung angesichts der überbordenden Masse an KI-Bildern langfristig auch einen positiven Effekt haben. Und genau darauf darf man hoffen. Und erste Studien zeigen, dass diese Hoffnung auf eine Renaissance des Realen berechtigt ist.
Die Wertschätzung für das von Menschen gemachte Foto, der von Menschen verfasste Text, steigt also. Doch da gibt es ja immer noch das große bisher ungelöste Problem. Es wird zukünftig immer schwieriger werden, zu erkennen, dass etwas tatsächlich von real existierenden Menschen stammt. Wir haben ja weiter oben gelernt, dass dies durch die zunehmend leistungsfähigere Technologie in naher Zukunft vielleicht sogar unmöglich sein wird.

Diese Abendstimmung am Gipfelkreuz des Ortler war auch deshalb etwas besonderes, weil man abends ja eigentlich nicht am Gipfel eines Berges sein sollte. Doch wir haben genau das gewollt. Zu einer gänzlich ungewöhnlichen Zeit allein ganz oben stehen. Dann gelingen vielleicht auch besondere Bilder. Wir hatten eine komplette Biwakausrüstung dabei und konnten ein paar Meter unterhalb des Gipfels unser Zelt aufschlagen.
Die einen fordern genau aus diesem Grund, dass echte Fotos, die ja zunehmend die Ausnahme sein werden, markiert werden sollten. Erste technische Ansätze, mit denen man die Herkunft eines Fotos nachverfolgen kann, sind in Arbeit. Allerdings haben wir es dann wieder mit technischen Vorgängen zu tun, von denen wir ja wissen, wie leicht sie zu manipulieren sind.
Vielleicht ist ein anderer Ansatz menschlicher. Auch wenn es zu einem immer rareren Gut zu werden droht: Vertrauen könnte der Schlüssel sein. Wenn meine Follower, Fans und Freunde, meine Zuhörer und Vortragsbesucher Bilder sehen, dann können sie sich sicher sein, dass sie echt sind und dass auch die Situationen in denen sie entstanden, real waren und nicht gestellt wurden. Perfekte Bilder sind dann allerdings die Ausnahme.

Der Leitertaler Eisfall leuchtete regelrecht von innen. Eis ist wirklich ein besonderer Stoff. Kein Wunder, dass er mich magisch anzieht.
Und es wird auch immer mehr andere geben, bei denen man ebenfalls sicher sein kann, dass ihre Erlebnisse und Bilder nicht gefakt wurden. Weil es Leute sind, die den Wert von menschlicher Kreativität, Intuition und Fleiß schätzen gelernt haben, bei sich und anderen. Die es nicht nötig haben, Erlebnisse zu erfinden, die es nie gab, oder sich von der KI größer, klüger, stärker, schöner, besser machen zu lassen, als sie es wirklich sind.
Und das andere klicken wir weg. Am besten wäre es aber, wieder öfter in der viel spannenderen analogen Welt mit realen Erlebnissen, echten Menschen und richtigen Freunden zu Hause zu sein, als die kostbare Lebenszeit in unserer unvermeidlichen Internetblase zu vergeuden.
Ist eigentlich ganz einfach…

